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22.12.2014 | Nachrichten | Onlineartikel

Interview mit Prof. Robert Schneider

Entspannungstechniken zur Blutdrucksenkung

Autor:
Veronika Schlimpert

Neben Medikamenten, körperlicher Bewegung und einer gesunden Ernährung können auch Entspannungs- und Mediationstechniken den Blutdruck und sogar kardiovaskuläre Ereignisraten senken. Über deren blutdrucksenkendes Potenzial diskutierte man auch auf dem diesjährigen Kongress der Deutschen Hochdruckliga. Eingeladen wurde der Experte Prof. Robert Schneider von der Maharishi-Universität in Iowa/USA. Im Interview erzählt er uns, warum für Bluthochdruckpatienten ausgerechnet die transzendentale Meditation empfehlenswert ist.

Herr Prof. Schneider, in einer Ihrer Studien (Circ Cardiovasc Qual Outcomes 2012) konnten die kardiovaskulären Ereignisraten wie Schlaganfall und Myokardinfarkt durch die Ausübung der transzendentalen Meditation (TM) um 48% gesenkt werden. Auch den Blutdruck scheint man mit dieser Technik senken zu können. Was denken Sie, sollte jeder Patient mit Bluthochdruck bzw. Herz-Kreislauf-Erkrankung meditieren?

Schneider: Zweifellos, allen Menschen mit einer sogenannten „Prä-Hypertension“, also einem milden Bluthochdruck, der nicht mit Medikamenten behandelt wird, sollte man gewisse Lebensstilveränderungen ans Herz legen. Zu einem vollständigen „Lifestyle-Packet“ gehört meiner Meinung nach neben einer gesunden Ernährung und Bewegungsprogrammen eben auch ein gutes Stress-Management. Denn wir wissen, Körper und Geist bzw. Stress hängen zusammen, in unserer modernen Gesellschaft umso mehr. Wenn es um die Vermeidung kardiovaskulärer Risiken oder um die Blutdrucksenkung geht, deutet die Datenlage daraufhin, dass die transzendentale Meditation (TM) besonders effektiv ist. Bei mildem Blutdruck ließe sich damit der Blutdruck sogar soweit senken, dass die Patienten keine Medikamente nehmen müssen. Man muss immer bedenken: Jedes Medikament hat Nebenwirkungen, und diese Techniken nicht.

Ich denke aber, dass es auch sinnvoll ist, bei Patienten, bei denen bereits ein manifester Bluthochdruck diagnostiziert wird, zunächst etwa drei bis sechs Monate lang zu versuchen, mithilfe von Veränderungen der Lebensgewohnheiten den Blutdruck zu senken. Und die Meditation könnte ein Teil dieses „Angebot-Pakets“ sein. Selbst wenn sich damit der Blutdruck nicht unter die Zielwerte senken lässt, könnten manche Patienten zumindest ihren Bedarf an Medikamenten reduzieren.

Ist die TM die beste Technik, um sein kardiovaskuläres Risiko bzw. den Blutdruck zu senken?

Schneider: Es gibt einige Studien, die die Effektivität einzelner Entspannungstechniken verglichen haben. Wenn man die Evidenzlage im Ganzen betrachtet, scheint sie für die TM allerdings am stärksten auszufallen; durchweg in allen Altersgruppen und ethnischen Populationen konnten damit gute Ergebnisse erzielt werden. So schnitt sie auch in einer Metaanalyse, in der alle randomisierten Studien einbezogen wurden, am besten ab. Alle anderen Techniken haben aber sicherlich ebenfalls ihre Berechtigung. Es kommt ja immer darauf an, was der Patient bevorzugt.

Bei einer von Ihnen auf dem Kongress präsentierten Studie waren die Teilnehmer Afro-amerikanischen Ursprungs. Wirkt diese Technik überhaupt bei Kaukasiern?

Schneider: Die TM wirkt bei jeder Person, egal welcher ethnischen Herkunft sie ist. Die Beziehung zwischen Gehirn und Herz besteht ja bei allen Menschen, so reagiert auch jeder auf Umwelteinflüsse wie Stress. Die physiologische Reaktion, die durch die TM ausgelöst wird, ist also nicht auf eine ethnische Gruppe begrenzt. Es gibt im Übrigen auch einige Studien, die die Wirkung der TM an europäischen Amerikanern geprüft haben, unter anderem eine große aus Boston; und hier ging der Blutdruck ebenfalls herunter. Sogar die Mortalitätsraten wurden reduziert.

„Stress“ nimmt aber jeder Mensch unterschiedlich wahr. Könnte es nicht sein, dass die TM bei einer Person mehr, bei der anderen weniger wirkt, je nachdem wie hoch die Konzentrationen einzelner Stresshormone wie Kortisol sind?

Schneider: Das ist eine Hypothese, die einleuchtend scheint. Tatsächlich haben wir nach Prädiktoren für die Wirksamkeit der TM geschaut und in diesem Zusammenhang auch die Stresshormon-Level untersucht. Es hat sich dabei allerdings gezeigt, dass die Compliance die Wirksamkeit am besten vorhersagen kann; Alter, geringer Bildungsstand, geringes Einkommen – all diese Faktoren hatten keinen Einfluss. Die Effektivität scheint von der Compliance abzuhängen.

Die Compliance ist bei Lebensstilinterventionen ja meist nicht ganz so berauschend. Wie sieht es bei der TM aus?

Schneider: Stimmt, normalerweise ist es schwierig, Menschen dazu zu bringen, gewisse Lebensstilveränderungen wie eine gesunde Ernährung anzunehmen. Bei der TM ist die Compliance allerdings recht hoch. Der Punkt ist: Die Menschen fühlen sich besser danach, sind entspannter und ausgeglichener. Solch zusätzliche positive Empfindungen stärken die Compliance. Nach fünf Jahren hatten 66 Prozent der Studienteilnehmer die TM immer noch regelmäßig ein Mal pro Tag praktiziert. Die Therapietreue ist damit sogar höher, als das bei vielen medikamentösen Therapien der Fall ist.

Bei der von Ihnen vorgestellten Studie war das Follow-up 5,4 Jahre. Erwarten Sie, dass die Wirkung auch länger, sagen wir zehn bis fünfzehn Jahre anhält?

Schneider: Ein Follow-up von fünf Jahren ist ja nicht kurz, die meisten Medikamenten-Studien dauern in etwa so lange. In einer anderen Studie haben wir die Studienteilnehmer im Schnitt zehn Jahre lang beobachtet, um die Langzeit-Effekte zu sehen – und die TM erzielte ähnlich gute Ergebnisse: Die Todesraten sanken hier um 23 Prozent. Für viele Menschen bietet die TM damit eine Chance, länger zu leben, vorausgesetzt sie üben diese Technik regelmäßig aus.

Was heißt regelmäßig, gilt die Maxime: je mehr desto besser?

Schneider: Die TM wirkt ähnlich wie ein Medikament, sprich je höher die Dosis, desto besser die Wirkung. Eine solche Dosis-Wirkungs-Beziehung hat allerdings eine Maximal-Grenze, so wie Medikamente auch. Bei der TM ist die ideale „Dosis“ zweimal am Tag, morgens und abends für 15 bis 20 Minuten. Je stärker man sich an diesen idealen Bereich annähert, desto besser wirkt die TM.

Als wir begannen die TM zu erforschen, hat es sich angefühlt, als würden wir ein neues Medikament erforschen. Aber sie enthält keinen Wirkstoff, sie entspringt aus uns selbst.

Was löst die Meditation in unserem Körper aus, dass sie derartige Effekte wie eine 45-prozentige Reduktion kardialer Ereignisse bewirken kann?

Schneider: Zum einen geht der Blutdruck runter, wie in einer Metaanalyse gezeigt wurde um etwa 5 mmHg. Zum anderen empfindet man weniger Ärger, sozialen und psychischen Stress. Psychischer Stress korreliert mit hohen Stresshormon-Konzentrationen wie Kortisol. Dieses Hormon wiederum kann die Blutgefäße schädigen, falls dauerhaft zu viel davon ausgeschüttet wird. Wir vermuten, dass dem auch ein neuroendokriner Mechanismus zugrunde liegt. Das Nervensystem nimmt ja Einfluss auf Prozesse, die das Ausmaß an oxidativem Stress, Inflammations- und Blutgerinnungsvorgängen regulieren. Auch gibt es Hinweise, dass durch den Einfluss des Nervensystems das Endothelium geschädigt werden kann. Es sind also verschiedene Mechanismen an der Wirkung der TM beteiligt.

Um die Debatte „nicht medikamentöse versus medikamentöse Therapie“, die auf dem DHL-Kongress präsentiert wurde, aufzugreifen, nach all dem Positiven, was wir über die TM nun gehört haben, ist diese Technik besser als eine Pille?

Schneider: Solche Entspannungstechniken sollen die konventionelle Therapie nicht verdrängen, sie sollen sie unterstützen. Das Ziel ist doch eine personalisierte Medizin, mit einer auf die Patienten zugeschnittenen Therapie. Ich denke, dass diese Techniken zu einem gesunden Lebensstil beitragen können. Und manche Menschen bevorzugen es eben, mit einer Entspannungstechnik zu beginnen anstatt mit einem Sportprogramm. Diesen Menschen fällt es damit später oft sogar leichter, andere Gewohnheiten ihres Lebensstils zu ändern, in Richtung einer gesunden Ernährung und mehr Sport; zumal diese Technik auch bei stressassoziierten bzw. psychischen Störungen, Kopfschmerzen usw. helfen kann. Sie wirkt sich auf den gesamten Körper positiv aus.

Das Interview führte Veronika Schlimpert


Literatur

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