Nachrichten 28.05.2020

Rätselhafter Herzstillstand bei junger Ärztin im „Corona-Stress“

Eine 35-jährige Ärztin erlebt wegen der COVID-19-Pandemie sehr stressige Zeiten. Während einer Schicht erleidet sie einen Herzstillstand, obwohl sie völlig gesund ist. Die behandelten Ärzte stoßen auf eine bisher kaum beachtete Ursache.

Der Herzstillstand der jungen Ärztin kommt ohne Ankündigung. Die 35-jährige Frau ist kerngesund. Es sind stressige Zeiten, die Ärztin behandelt die ersten COVID-19-Patienten, die in ihrer Klinik in Warschau eingeliefert wurden. Plötzlich beginnt das Kammerflimmern, die Frau kippt um. Trotz verzögerter Wiederbelebungsmaßnahmen überlebt sie diesen Vorfall.

Die behandelten Kardiologen um Dr. Milosz Marona stehen vor einem Rätsel: Wie kam es zu diesem Herzstillstand bei einer scheinbar gesunden Frau?

Kardiologen finden nur eine einzige morphologische Auffälligkeit

Sie untersuchen die Frau mit diversen Diagnostikmethoden und finden nichts, außer einer morphologischen Auffälligkeit im MRT und in der transthorakalen Echokardiografie (TTE): In der parasternalen langen Achse endsystolisch ist eine deutliche Distanz zwischen dem Ansatz des posterioren Mitralsegels und dem posterolateralen linksventrikulären Myokard zu sehen, eine sog. „mitral annular disjunction“, kurz MAD.

Prinzipiell gilt ein Mitralklappenprolaps als „harmloser“ Befund. In den letzten Jahren mehren sich allerdings die Hinweise, dass eine solche morphologische Auffälligkeit unter gewissen Voraussetzungen einen plötzlichen Herztod begünstigen kann. Als Risikofaktoren gelten ein junges Alter, eine Myokardfibrose und eine niedrige Ejektionsfraktion.

„Überraschenderweise hat die Patientin, bis auf ihr relativ junges Alter, nichts dergleichen gehabt“, wundern sich Marona und Kollegen, die über diesen Fall im „European Heart Journal“ berichten. Ungewöhnlich an diesem Fall ist ihrer Ansicht nach zudem, dass der Herzstillstand im Unterschied zu anderen Mitralklappenprolaps-Patienten, bei denen dieser meist in Ruhe oder im Schlaf auftritt, in einer extrem stressigen Zeit passiert ist, nämlich als die Patientin mitten in der COVID-19-Krise ihren Dienst tat.

Stress als möglicher Trigger?

Die polnischen Ärzte vermuten deshalb, dass der extreme Stress in diesem Fall womöglich als arrhythmogener Trigger fungiert hat. Der zu beobachtende Zusammenhang könne natürlich auch einfach Zufall sein, betonen sie. Nichts desto trotz sei es wert, unterschiedliche Stresssituationen als möglichen Auslöser bei MAD-Patienten in Betracht zu ziehen und weiter zu untersuchen, besonders bei denjenigen, die keine anderen offensichtlichen klinischen Risikofaktoren aufweisen.

Der Frau wurde nach diesem Vorfall ein Kardioverter-Defibrillator (ICD) implantiert, sie konnte in bester Verfassung aus der Klinik entlassen werden.

Literatur

Marona M et al. Stress-induced cardiac arrest with mitral annulus disjunction in a physician amid the COVID-19 pandemic fight. Eur Heart J 2020, ehaa450, DOI: https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehaa450

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Bildnachweise
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AHA-Kongress 2020
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Webinar Prof. Christian Meyer/© Springer Medizin Verlag GmbH
Kardiale Computertomographie/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen