Nachrichten 16.05.2021

Kardiotoxizität bei Brustkrebstherapie: Hilft Candesartan auch auf lange Sicht?

Es besteht Hoffnung, dass sich die Kardiotoxizität einer Brustkrebstherapie durch Candesartan abschwächen lässt. Doch Belege für eine langfristige Wirkung fehlen. Eine pauschale Behandlung macht einer aktuellen Studie jedenfalls keinen Sinn. 

Sollte man alle Patientinnen, die eine adjuvante Brustkrebstherapie erhalten, mit kardioprotektiven Medikamenten behandeln? Eine Follow-up-Untersuchung der PRADA-Studie spricht gegen eine solche Pauschalbehandlung.

„Nicht alle brauchen kardioprotektive Medikamente“

„Es ist wichtig zu wissen, dass nicht alle Patientinnen kardioprotektive Medikamente brauchen“, stellte die Studienautorin Prof. Siri Lagethon Heck die Quintessenz der Studie beim ACC-Kongress heraus. Denn weder Candesartan noch Metoprolol hätten die langfristige Abnahme der linksventrikulären Pumpfunktion im Zuge einer adjuvanten Brustkrebstherapie verhindern können, begründete die am Akershus University Hospital arbeitende Radiologin ihre Ansichten.

Angesichts der Primäranalyse verlief die jetzt beim ACC-Kongress präsentierte Follow-up-Analyse der PRADA-Studie enttäuschend. Denn die 2016 publizierten Ergebnisse machten noch Hoffnung, dass eine neurohumorale Blockade mit Candesartan die Kardiotoxizität einer adjuvanten Brustkrebsbehandlung abmildern kann.

Für die PRADA-Studie sind 120 Frauen, die wegen eines frühen Brustkrebsstadiums mit einer Anthrazyklin-haltigen Chemotherapie und ggf. anschließend mit dem HER2-Antikörper Trastuzumab oder einer Radiotherapie behandelt worden sind, randomisiert worden. In einem 2x2-Faktorialdesign erhielten sie begleitend zur Brustkrebstherapie entweder 32 mg Candesartan plus Placebo, 100 mg Metoprolol plus Placebo, beides zusammen oder zwei Placebos.

Kurzfristig zeigte Candesartan noch Effekte…

Wie sich im MRT zeigte, hat die linksventrikuläre Ejektionsfraktion (LVEF) bei den mit Candesartan behandelten Patientinnen bis zum Ende der Brustkrebsbehandlung weniger stark abgenommen als bei denjenigen, die den AT1-Rezeptorantagonisten nicht eingenommen hatten. Metoprolol hatte auf die Abnahme der Pumpfunktion (den primären Endpunkt) keinen Effekt. Die Betablocker-Therapie konnte jedoch den unter der Brustkrebsbehandlung zu beobachtende Troponinanstieg etwas abschwächen.  

…doch langfristig zahlten sich diese nicht aus

Nun sollte die Follow-up-Analyse der Studie belegen, dass diese kurzfristigen Effekte den Patientinnen auch langfristig nützen. Doch das ist offenbar nicht der Fall. Zwar nahm die LVEF der Frauen in den folgenden zwei Jahren nach der Randomisierung nochmals leicht ab. Doch dieser Verlust konnte weder durch Candesartan noch durch Metoprolol verhindert werden. So nahm die LVEF in der Candesartan-Gruppe bis Ende des Follow-up im Schnitt um 1,7% ab, ohne den AT1-Rezeptorantagonisten um 1,8%. Mit Metoprolol verringerte sich die LVEF um 1,6%, ohne den Betablocker um 1,9%.

Die einzig nachweisbaren positiven Effekte der kardialen Begleittherapie: Unter Candesartan reduzierte sich das linksventrikuläre enddiastolische Volumen signifikant (p=0,021) und der Abfall des Global Longitudinal Strain (GLS) fiel signifikant geringer aus (p=0,046). „Die Effektgröße ist aber sehr gering gewesen“, betonte Lagethon Heck beim ACC. Und inwieweit sich diese Unterschiede langfristig bemerkbar machten, wisse man nicht. Einen klinisch bedeutsamen Nutzen von Candesartan halten die Studienautoren allerdings für unwahrscheinlich, wie sie in der zeitgleich veröffentlichten Publikation bemerken.

Die Devise lautet: personalisierte Medizin

Trotz dieser ernüchternden Ergebnisse halten Experten den Einsatz einer kardioprotektiven Begleittherapie weiterhin für möglich – aber eben nur in ausgewählten Fällen. „Wir brauchen eine gezielte kardioprotektive Therapie in Abhängigkeit des Risikos“, machte die Kardioonkologin Bonnie Ky, Universität von Pennsylvania, in der anschließenden Diskussion deutlich.

Die Patientinnen in der PRADA-Studie wiesen ein niedriges Risiko für die Entwicklung einer Kardiotoxizität auf: Sie hatten keine schwerwiegenden kardiovaskulären Vorerkrankungen, keine vorherigen Krebsbehandlungen oder sonstige schwere Begleiterkrankungen. Somit ist nicht auszuschließen, dass Brustkrebspatientinnen mit einem höheren Risiko von kardioprotektiven Therapien profitieren – das Stichwort lautet personalisierte Medizin.

Literatur

"Joint American College of Cardiology/New England Journal of Medicine Late-Breaking Clinical Trials", Jahrestagung der American College of Cardiology, 16.05.2021

Lagethon Heck S et al. Prevention of cardiac dysfunction during adjuvant breast cancer therapy (PRADA): Long-term follow-up of a 2 x 2 factorial, randomized, placebo-controlled, double-blind clinical trial of candesartan and metoprolol. Circulation 2021; DOI: https://doi.org/10.1161/CIRCULATIONAHA.121.054698

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