Skip to main content
main-content

18.05.2015 | Nachrichten | Onlineartikel

Expertenblickpunkt HRS 2015

Erstaunliche Pilotstudie: Botox gegen Vorhofflimmern?

Autor:
Dr. Claudius Hansen

Wer Botulinumtoxin nur aus der plastischen Chirurgie als Mittel zur Faltenglättung kennt, muss sich demnächst wohl davon überzeugen lassen, dass dieses Mittel auch gegen Vorhofflimmern wirkt.

Mit Erstaunen haben Hunderte von Kardiologen und Elektrophysiologen beim Kongress der Heart Rhythm Society in Boston Ergebnisse einer Studie zur Kenntnis genommen, in der dieser sehr ungewöhnlichen Ansatz in seiner Wirkung auf das Auftreten von Vorhofflimmern nach chirurgischer Myokardrevaskularisation geprüft worden war.

Dass Vorhofflimmern besonders postoperativ ein Problem darstellt, ist hinlänglich bekannt. Nicht nur die Morbidität, sondern auch die Mortalität steigt durch Vorhofflimmern nach einer koronaren Bypass-Operation. Die Kosten für das Gesundheitssystem sind dadurch nicht unerheblich.

Die randomisierte Studie untersuchte 60 Patienten, die während einer koronaren Bypass-Operation entweder Botulinumtoxin (50 U/1 ml) oder Kochsalz (1 ml) in das epikardiale Fettgewebe injiziert bekamen. Bei allen Studienteilnehmern war schon in der Vorgeschichte paroxysmales Vorhofflimmern aufgetreten. Das Monitoring erfolgte ein Jahr lang mit einem implantierbaren Loop-Rekorder. Die zusätzlich benötigte Zeit für die Injektion betrug im Schnitt elf Minuten.

Die Inzidenz von postoperativem Vorhofflimmern nach 30 Tagen betrug in der Placebogruppe 30%, und in der Botulinumtoxingruppe 7% (p=0,024). Erstaunlicherweise entwickelte in der Zeit zwischen dem 30. Tag und dem Studienende nach 12 Monaten kein einziger von den mit dem Toxin behandelten Patienten Vorhofflimmern, in der Placebogruppe dagegen sieben von 30 Patienten (27%). Komplikationen infolge der Toxininjektion wurden im gesamten Untersuchungsintervall nicht beobachtet.

Diese erstaunlichen Ergebnisse wurden nach der Präsentation heftig diskutiert. Als Erklärung wurden eine Beeinflussung des autonomen Nervensystems und/oder ein verändertes atriales Remodeling angeführt.

In unserer Kolumne „Expertenblickpunkt“ hebt ein Experte aus Klinik oder Praxis besondere Inhalte von Kongressen und aus der aktuellen kardiologischen Berichterstattung hervor. Dr. Claudius Hansen ist Kardiologe und Internist im Herz & Gefäßzentrum am Krankenhaus Neu-Bethlehem in Göttingen.

Literatur
Bildnachweise