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21.01.2015 | Nachrichten | Onlineartikel

37 Jahre Follow-up!

Erste Koronarintervention: "Rekord-Patient" ist weiterhin wohlauf

Autor:
Peter Overbeck

Am Freitag, den 16. September 1977, wurde im Katheterlabor des Uniklinikums Zürich Medizingeschichte geschrieben: Dr. Andreas Grüntzig nahm die weltweit erste Koronarintervention via Herzkatheter bei einem Menschen vor. Der damals behandelte Patient erfreut sich nach wie vor guter Gesundheit.

Wenn Kasuistiken die lebensverlängernde Wirkung der interventionellen Koronartherapie wissenschaftlich belegen könnten (was sie selbstverständlich nicht können!), wäre dieser Fall der schlagendste Beweis: Auch 37 Jahre nach der weltweit ersten perkutanen Koronarintervention (PCI) – zu jener Zeit sprach man noch von perkutaner transluminaler Koronarangioplastie (PTCA) – führt der damals behandelte Patient  noch immer ein aktives Leben bei guter Gesundheit.

Auf diesen Tag im September 1977 hatte Grüntzig lange gewartet. Nachdem er bereits bei vielen Patienten mit peripheren Gefäßverschlüssen etwa in den Beinarterien sowie nach tierexperimentellen Versuchen an Koronararterien Erfahrungen in der Anwendung der kathetergestützten Ballondilatation gesammelt hatte, wollte er dieses neue interventionelle Verfahren auch bei Patienten mit koronaren Gefäßverengungen erproben. Mit diesem Ansinnen stieß er jedoch nicht nur bei seinen ärztlichen Vorgesetzten auf Skepsis und Widerstand.

Schwierige Suche nach einem  geeigneten Patient

Auch die diagnostischen Gepflogenheiten setzten seinem Forscherdrang Grenzen. Denn es war damals üblich, Patienten nur dann einer Koronarangiografie zuzuführen, wenn deren Beschwerden über längere Zeit mit Medikamenten nicht mehr beherrschbar waren.

Bei diesen Patienten ergab die Untersuchung dann nicht überraschend häufig eine ausgeprägte koronare Mehrgefäßerkrankung und somit eine anatomische Situation, die Grüntzig gerade nicht gelegen kam. Er war auf der Suche nach einem Patienten mit möglichst singulärer Stenose, die am besten für eine Aufdehnung mittels eingeführtem Dilatationsballon geeignet zu sein schien.

Bei der Suche nach einer geeigneten Person  für diese Behandlung war dem damals 38-jährigen Grüntzig sein junger Kollege Bernhard Meier behilflich, heute Professor und Direktor der Klinik für Kardiologie am Universitätsspital in Bern. Er machte Grüntzig auf den ebenfalls 38-jährigen Patienten Dölf Bachmann aufmerksam.

Stenose im Ramus interventricularis anterior

Bei ihm waren kurz zuvor erstmals Angina-Pectoris-Beschwerden aufgetreten. Als Ursache wurde eine einzelne proximale Koronarstenose im Ramus interventricularis anterior koronarangiografisch diagnostiziert.

Statt für die ansonsten indizierte Bypass-Operation entschied sich der Patient nach einer Beschreibung der ihn erwartenden interventionellen Koronardilatation dafür, sich als erster Mensch einem solchen Eingriff zu unterziehen.

23 Jahre lang beschwerdefrei

Das Ergebnis ist bekannt: Nicht nur konnte die koronare Engstelle durch Aufblasen des Dilatationsballons erfolgreich aufgedehnt werden, auch die Thoraxschmerzen des Patienten verschwanden rasch und dauerhaft.

Mittlerweile wird die von Grüntzig erstmals angewendete und danach in Richtung Stent weiterentwickelte Methode der kathetergestützten Revaskularisation jährlich bei Millionen von KHK-Patienten weltweit genutzt. Grüntzig hat ihren Siegeszug nicht mehr erlebt, er starb 1985 bei einem Flugzeugabsturz.

Sein Kollege Meier blieb mit dem damals erstbehandelten Patienten in Freundschaft verbunden. Meier ist es auch, der die Fachwelt in der Folgezeit wiederholt über dessen kardiovaskulären Gesundheitszustand informiert hat.

Anhaltende Gefäßdurchgängigkeit nach Ersteingriff

Von ihm wissen wir, dass die nächsten 23 Jahre nach dem Ersteingriff beschwerdefrei verliefen. Im Jahr 2000 wurde dann unmittelbar proximal der erstbehandelten Koronarläsion eine neue Stenose entdeckt, die zur Implantation eines Stents führte. Bei dieser Gelegenheit konnte erstmals auch eine unveränderte  Gefäßdurchgängigkeit an der Stelle der mehr als zwei Jahrzehnte zuvor behandelten Koronarläsion dokumentiert werden.

Es vergingen weitere 14 Jahre ohne erneute Beschwerden. Im Jahr 2014 wurde der mittlerweile 75-jährige Patient wegen wiederholt aufgetretener Belastungsangina erneut koronarangiografiert. Dabei wurden eine Stenose im distalen Bereich des zuvor platzierten Stents sowie eine neue Verengung im proximalen Abschnitt der rechten Herzkranzarterie entdeckt. An beiden Stellen wurde jeweils ein Drug-eluting Stent implantiert.

„Exzellente Prognose“

Ein Belastungstest verlief normal. Mit einer Medikation aus Prasugrel (10 mg), Rosuvastatin (10 mg) und Ramipril (2,5 mg zur Blutdrucksenkung) wurde der Patienten aus der Klinik entlassen.

Meier bescheinigt dem Patienten, der nach wie vor beruflich und sozial sehr aktiv sei, eine „exzellente Prognose“. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Berner Kardiologe auch künftig wieder als Chronist der Herzgesundheit dieses ganz besonderen Patienten tätig sein wird, ist deshalb hoch.

Literatur