Onlineartikel 23.10.2014

ESC-Kongress 2014: Was kommt an Neuem in der Kardiologie?

Der Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) 2014 findet vom 31. August bis zum 3. September in Barcelona statt. Wieder werden in gut bestückten „Hotline“-Sitzungen die Ergebnisse brandneuer kardiologischer Studien vorgestellt. Wir bieten Ihnen eine Vorschau darauf, was an neuen Studien, die möglicherweise praxisverändernde Wirkung haben, zu erwarten ist.

ESC-Kongress 2014: Was kommt an Neuem in der Kardiologie?
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Springer Verlag GmbH

Bereits auf die allererste in der Auftakt-„Hotline“ vorgestellte Studie – sie ist die bislang größte bei Herzinsuffizienz – ist die Fachwelt sehr gespannt – könnten ihre Ergebnisse doch einen Wandel in der medikamentösen Behandlung bei Herzinsuffizienz herbeiführen.

PARADIGM-HF-Studie

Die PARADIGM-HF benannte Studie fällt durch einige ungewöhnliche Merkmale auf: Es fehlt eine Placebogruppe, zudem wird die Prüfsubstanz nicht in üblicher Weise „on top“, also additiv zur empfohlenen Standardtherapie einschließlich ACE-Hemmer gegeben.

Das hat mit dem ambitionierten Ziel der Studie zu tun: Sie soll den Nachweis erbringen, dass eine besser wirksame Therapie den ACE-Hemmer – derzeit angefochten ein Eckpfeiler der Standardtherapie – ersetzen kann.

In der Studie ist der noch namenlose Wirkstoff LCZ696 (200 mg zweimal täglich) im direkten Vergleich mit dem ACE-Hemmer Enalapril (10 mg zweimal täglich) geprüft worden. Primärer Studienendpunkt war eine Kombination der Ereignisse kardiovaskulär bedingter Tod oder Klinikeinweisung infolge Herzinsuffizienz.

Nachdem eine Zwischenanalyse offenbart hatte, dass dieser kombinierte Endpunkt erreicht worden war, ist die Studie vorzeitig gestoppt worden, teilte Studiensponsor Novartis Ende März 2014 der Öffentlichkeit mit.

Der auch als ARNI (Angiotensin-Rezeptor-Neprilysin-Inhibitor) bezeichnete Wirkstoff LCZ696 vereinigt zwei Wirkprinzipien in einem Molekül: die Hemmung des Angiotensin-Rezeptors (durch Valsartan) und die der neutralen Endopeptidase, die auch unter dem Namen Neprilysin bekannt ist (durch den Neprilysin-Hemmer LBO675). Das Enzym ist unter anderem am Abbau der natriuretischen Peptide ANP und BNP beteiligt.

NECTAR-HF-Studie

In dieser Studie soll geklärt werden, ob eine neue Therapie, die bereits bei Epilepsie oder Depressionen erfolgreich genutzt wird, auch bei Herzinsuffizienz funktioniert.

Es geht um die Wirksamkeit eines implantierten Vagusnervstimulators. Dieser neue Ansatz basiert auf der Annahme, dass der Vagusnerv bei Herzinsuffizienz nicht ausreichend aktiv ist. Auch mehrere deutsche Herzzentren sind an der Studie beteiligt.

CONFIRM-HF-Studie

Wie schon in der bereits publizierten FAIR-HF-Studie geht es auch in der CONFIRM-HF-Studie um die Frage, ob und in welchem Maße Patienten mit Herzinsuffizienz und gesichertem Eisenmangel symptomatisch von einer Substitutionsbehandlung mit Eisen-Carboxymaltose profitieren. Im Blickpunkt stehen dabei vor allem Wirksamkeit und Sicherheit einer längerfristigen Behandlung.

Eine weitere „Hotline“-Sitzung ist der KHK- und Lipidtherapie gewidmet. Auf dem Programm steht hier unter anderen die große

SIGNIFY-Studie

SIGNIFY ist eine 2009 gestartete Mega-Studie, in der bei 19 101 Patienten mit stabiler KHK, weitgehend normaler Auswurffraktion (höher als 40 Prozent) und einer Herzfrequenz von mindestens 70 Schlägen pro Minute Wirksamkeit und Sicherheit einer Frequenzsenkung mit Ivabradin untersucht worden sind. Primärer Endpunkt ist eine Kombination der Ereignisse kardiovaskulärer Tod und Myokardinfarkt.

Der anscheinend bislang einzige und kaum beachtete Hinweis auf den Ausgang der Studie stammt von der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA. Sie kündigte in einer Pressemitteilung vom 8. Mai 2014 an, aufgrund von „vorläufigen Ergebnissen“ der SIGNIFY-Studie eine Prüfung (review) von Ivabradin einzuleiten.

In dieser Mitteilung ist von einer „geringen, aber signifikanten Zunahme“ des Risikos für den primären Endpunkt „in einer Subgruppe von Patienten, die symptomatische Angina hatten (CCS-Klasse II-IV)“, die Rede.

ODYSSEY-Studien

Der monoklonale Antikörper Alirocumab hat sich in einem großen Forschungsprogramm (ODYSSEY) als effektiver Wirkstoff zur Senkung des LDL-Cholesterins profiliert. In neun Phase-III-Studien sind die Ziele für die Lipidsenkung erreicht worden, teilten die Unternehmen Sanofi und Regeneron jüngst der Öffentlichkeit mit.

Unmittelbar nach SIGNIFY werden in der „Hotline“-Sitzung drei Phase-III-Studien aus dem ODYSSEY-Programm (ODYSSEY COMBO II, FH I und FH II) zur Wirksamkeit einer Cholesterinsenkung mit dem PCSK9-Hemmer Alirocumab vorgestellt. In diesen Studien ist Alirocumab bei Patienten mit sehr hohem kardiovaskulärem Risiko und bei Patienten mit heterozygoter familiärer Hypercholesterinämie geprüft worden.

Die Behandlung bei Herzinfarkt steht im Fokus einer weiteren Studien-Hotline. Sie startet mit der Vorstellung der

CvLPRIT-Studie

Wie schon in der PRAMI-Studie, die 2013 mit überraschend positiven Ergebnissen für viele Diskussionen gesorgt hat, geht es auch in der kleineren CvLPRIT-Studie um die Frage, wie aggressiv bei der Revaskularisation durch perkutane Koronarintervention (PCI) im Falle eines ST-Hebungs-Myokardinfarktes (STEMI) vorgegangen werden sollte.

Bei STEMI-Patienten mit koronarer Mehrgefäßerkrankung ist geprüft worden, ob nur die Infarktarterie wiedereröffnet oder im gleichen Zug noch weitere vorhandene Stenosen, die ohne Bezug zum Infarktereignis waren, beseitigt werden sollten.

FAMOUS-Studie

In FAMOUS wurde untersucht, ob die Messung der Fraktionellen Flussreserve (FFR) als Parameter zur funktionellen Beurteilung von Stenosen geeignet ist, die Therapie bei akutem Herzinfarkt (NSTEMI) zu verbessern.

Literatur

Jahrestagung European Society of Cardiology (ESC) vom 30.8.-3.9.2014 in Barcelona

ESC-Kongress 2014: Was kommt an Neuem in der Kardiologie? /© Springer Verlag GmbH