Nachrichten 29.08.2017

Blutdrucksenkung: Neuer Hoffnungsschimmer für die renale Denervation

Nach anfänglichem Hype war es um das interventionelle Verfahren der renalen Denervation zwischenzeitlich sehr still geworden. Doch nun kehrt diese innovative Methode zur Blutdrucksenkung mit einer erfolgreich verlaufenen Studie zurück auf die große Kongressbühne.

Nachdem viele die renale Denervation als vermeintlich gescheiterten neuen Therapieansatz schon zu Grabe getragen hatten, keimt nun wieder Hoffnung auf ihre Wiederbelebung. Denn eine neue randomisierte kontrollierte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sich ein erhöhter Blutdruck mit dieser interventionellen Methode signifikant stärker senken ließ als mit einer Scheinprozedur („sham“) – und zwar bei Patienten mit relativ moderater Hypertonie ohne jegliche antihypertensive Medikation.

„Proof of Principle“

Prof. Michael Böhm aus Homburg/Saar hat Zwischenergebnisse von 80 Teilnehmern dieser SPYRAL HTN-OFF MED benannten Studie beim Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) 2017 in Barcelona vorgestellt. Der deutsche Kardiologe interpretiert die Ergebnisse als „Proof of Principle“ für die Effektivität der renalen Denervation.

Diese Effektivität der Denervation sympathischer Nerven in der Nierenarterienwand mithilfe eines Multielektroden-Katheters kam dabei sowohl bei der ambulanten 24-Stunden-Messung als auch bei der Praxismessung zum Ausdruck. Bei der ambulanten Messung wurde im Vergleich zur Kontrollgruppe mit Scheinprozedur nach drei Monaten eine  Abnahme des systolischen Blutdrucks um 5 mmHg und des diastolischen Blutdrucks um 4,4 mmHg in Relation zum Ausgangswert festgestellt. Bei der Praxismessung betrugen die entsprechenden Blutdruckabnahmen 7,7 mmHg und 4,9 mmHg. Alle Blutdruckveränderungen erwiesen sich als signifikant. In puncto Sicherheit waren keine Probleme zu vermelden.

Diese Ergebnisse sind ein neuer Hoffnungsschimmer in der wechselvollen Geschichte der renalen Denervation. Beeindruckende Effekte auf den Blutdruck, die anfänglich in zumeist unkontrollierten Studien beobachtet wurden, hatten Begeisterung für die neue Methode ausgelöst.

Umso größer war die Enttäuschung, als die Ergebnisse von SYMPLICITY HTN-3 als bis dato methodisch bester Studie bekannt wurden. In dieser Studie gab es erstmals eine Kontrollgruppe mit Scheinprozedur. Nun kam zum Vorscheint, dass die renale Denervation im Vergleich dazu keine signifikant besseren Therapieergebnisse zu bieten hatte.

SYMPLICITY HTN-3 nicht das letzte Wort

Für die mit der Entwicklung dieser Methode befassten Experten sollte SYMPLICITY HTN-3 aber nicht das letzte Wort sein. Dazu gab es bei dieser Studie, an der in den USA Patienten mit therapieresistenter Hypertonie beteiligt waren, nach ihrer Einschätzung zu viele Fragzeichen. So erinnerte Böhm in Barcelona daran, dass es hinsichtlich der Medikation – im Schnitt wurden fünf Antihypertensiva eingenommen – Veränderungen bei der Therapieadhärenz gegeben habe. Die Denervation der sympathischen Nerven in der Wand der Nierenarterien sei häufig inkomplett gewesen. Und auch die Unerfahrenheit vieler Studienärzte mit der Methode sowie die Selektion von Patienten mit isolierter systolischer Hypertonie, die nicht gut auf die Denervation ansprechen, wurden als Limitierungen angesehen.

Lehren für den Neubeginn

Daraus hat man Lehren für einen Neubeginn in der Entwicklung der Methode gezogen. Diese prägen auch in das Konzept der SPYRAL HTN-OFF MED-Studie. Erstmals sind dafür Patienten mit relativ moderater Hypertonie rekrutiert worden, die bislang keine Antihypertensiva eingenommen hatten oder diese für die Dauer der Studie absetzten. Ihr systolischer Blutdruck musste im Bereich zwischen 150 mmHg und maximal 180 mmHg (Praxismessung) oder zwischen 140 mmHg und 170 mmHg (ambulante 24-Stunden-Messung) liegen – bei diastolischen Werten von 90 mmHg oder höher.

Anhand von Blut- und Urinmessungen wurde kontrolliert, ob die Nicht-Einnahme der Medikamente auch tatsächlich eingehalten wurde. Alle Teilnehmer wurden einer renalen Angiografie unterzogen, dann erfolgte die Zuteilung zu den beiden Behandlungsgruppen. Die Angiografie bildete auch die Scheinprozedur. Zur möglichst vollständigen Denervation – sie erfolgte auch in Seitenästen der Nierenarterien – wurde ein spiralförmiges Multielektroden-System verwendet.

Literatur

Böhm M: SPYRAL HTN OFF-MED Study, vorgestellt in der „Hot Line: Late-Breaking Clinical Trials 2“, beim Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) 2017, 26.–30. August 2017, Barcelona

Townsend RR et al. Catheter-based renal denervation in patients with uncontrolled hypertension in the absence of antihypertensive medications (SPYRAL HTN-OFF MED): a randomised, sham-controlled, proof-of-concept trial. Lancet, online 28. August 2017, https://doi.org/10.1016/S0140-6736(17)32281-X

Neueste Kongressmeldungen

Roboter senkt Strahlenbelastung bei PCI-Eingriffen deutlich

Interventionell tätige Kardiologinnen und Kardiologen sind ständig einer erhöhten Strahlenbelastung ausgesetzt. Deutlich verringern lässt sich die Exposition, wenn ein Roboter sie in der Durchführung von PCI-Prozeduren unterstützt.

Neue invasive HFpEF-Therapie besteht ersten Test

Bei HFpEF-Patienten kann eine Dekompensation auch durch eine Volumenverschiebung von extrathorakal nach thorakal ausgelöst werden. Ein Therapieansatz ist deshalb, dem ungünstigen Shift durch Modulation der Splanchnicus-Aktivität entgegenzuwirken. Erste Daten zu diesem Verfahren werden zwar als positiv bewertet, Kritik bleibt aber nicht aus.

Lungenfunktion bei COVID: Impedanz verhält sich anders als bei Herzinsuffizienz

Lungen bei COVID-Patienten können im Röntgen-Thorax aussehen wie Lungen bei Herzinsuffizienz. Die Lungenimpedanzmessung allerdings verhält sich unterschiedlich.

Neueste Kongresse

DGK-Jahrestagung 2022

„Neue Räume für kardiovaskuläre Gesundheit“ – so lautet das diesjährige Motto der 88. Jahrestagung. Alle Infos und Berichte im Kongressdossier.

ACC-Kongress 2022

Der diesjährige Kongress der American College of Cardiology findet wieder in Präsenz in Washington DC und gleichzeitig online statt. In diesem Dossier lesen Sie über die wichtigsten Studien und Themen vom Kongress.

AHA-Kongress 2021

Die wichtigsten Ergebnisse der beim amerikanischen Herzkongress AHA präsentierten  Studie lesen Sie in unserem Dossier. Bleiben Sie auf dem Laufenden.

Highlights

Reisen mit Herzinsuffizienz

Mobilität bei Herzinsuffizienz ist erstrebenswert – was aber, wenn der Patient gleich eine Fernreise plant? 

Corona, COVID-19 & Co.

Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Synkopen: Wie hoch ist das Unfallrisiko wirklich?

Fahrverbote bei Synkopen können Unfälle verhindern, sind aber auch belastend für die Betroffenen. In einer Studie wurde jetzt das Risiko von Personen mit Synkopen und das von anderen Patienten und Patientinnen der Notaufnahme verglichen.

Starke Zunahme von Herzerkrankungen in den USA erwartet

In den kommenden Jahrzehnten werde in den USA das Ausmaß an kardiovaskulären Risikofaktoren und Erkrankungen in der Bevölkerung erheblich zunehmen, prognostizieren US-Forscher. Dieser Trend wird nach ihrer Schätzung aber nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen betreffen.

Nach Vorhofflimmern-Ablation: Blanking-Periode sollte kürzer sein

Unmittelbar nach Katheterablationen auftretende Vorhofflimmern-Episoden werden oft als vorübergehendes harmloses Phänomen betrachtet. Solche Frührezidive werden in der sog. „Blanking-Periode“, die in der Regel drei Monate umfasst, deshalb nicht als „echte“ Rezidive gezählt. Kardiologen halten die bisher propagierte Zeitspanne aber für zu lang.  

Aus der Kardiothek

Herzinsuffizienz: Optimal-Medikamentöse-Therapie (OMT), und ... was noch?

Medikamente sind die Eckpfeiler einer adäquaten Herzinsuffizienztherapie. Darüber hinaus gibt es zusätzliche Optionen, die für manche Patienten eine Lösung darstellen können. Anhand von Fallbeispielen erläutert Dr. med. Andreas Rieth welche das sind.

Digitale Kardiologie anno 2022 – von Zukunftsvisionen bis sinnvollem Einsatz im Alltag

Die digitale Kardiologie ist nicht nur ein Trend, sie eröffnet eine realistische Chance, die Versorgung von Patientinnen und Patienten zu verbessern. Dr. med. Philipp Breitbart gibt Tipps für den Einsatz solcher Devices im Alltag.

Muss eine moderne Herzinsuffizienztherapie geschlechtsspezifisch sein?

Medikamente wirken bei Frauen oft anders als bei Männern. Dr. med. Jana Boer erläutert, wie sich diese Unterschiede auf die pharmakologische Herzinsuffizienztherapie auswirken, und was Sie dabei beachten sollten.

DGK Jahrestagung 2022/© m:con/Ben van Skyhawk
ACC-Kongress 2022 in Atlanta/© SeanPavonePhoto / Getty Images / iStock
AHA-Kongress 2020 virtuell
Urlaub/© Nastco / Getty Images / iStock
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
kardiologie @ home/© BNK | Kardiologie.org