Nachrichten 01.09.2017

Koronare 3-Gefäß-Erkrankung: SYNTAX-II-Strategie toppt SYNTAX-I

Bei Patienten mit koronarer 3-Gefäß-Erkrankung hat sich eine optimierte interventionelle Behandlungsstrategie (SYNTAX-II), die modernen Standards entspricht, der herkömmlichen Koronarintervention in der klassischen SYNTAX-I-Studie als überlegen erwiesen.

In der viel diskutierten SYNTAX (SYNergy between percutaneous coronary intervention with TAXus and cardiac surgery)-Studie ist bekanntlich die koronare Bypass-Operation als überlegene Revaskularisationsstrategie bei Patienten mit koronarer 3-Gefäß-Erkrankung im Vergleich zur perkutanen Koronarintervention (PCI) mit Drug-eluting stents (DES) der ersten Generation identifiziert worden.

Die Gültigkeit dieser Ergebnisse wurde in den vergangenen Jahren immer wieder kontrovers diskutiert, da die Fortschritte in der interventionellen KHK-Therapie rasant waren und insbesondere die Stent-Technologie erhebliche Fortschritte gemacht hat. An diesem Punkt setzt die beim ESC-Kongress in Barcelona vorgestellte SYNTAX-II-Studie an.

Das Ziel dieser offenen multizentrischen „all-comer“-Studie war zu untersuchen, ob mit aktuellen technischen und prozeduralen Entwicklungen in der interventionellen KHK-Therapie das Outcome adäquat selektierter Patienten mit koronarer 3-Gefäß-Erkrankung im Vergleich zur herkömmlichen Behandlung im PCI-Arm der originalen SYNTAX-Studie signifikant verbessert werden kann.

Um die Ergebnisse der interventionellen Revaskularisation zu verbessern, wurden multiple PCI-Optimierungen vorgenommen. Zunächst wurde bei allen Entscheidungen im „Herz-Team“ der sogenannte SYNTAX-II-Score, in den – anders als beim SYNTAX-Score – außer anatomischen auch klinische Faktoren eingehen, berechnet. Des Weiteren wurden koronarphysiologische Revaskularisationen durchgeführt mit Implantation von Drug-eluting Stents mit bioresorbierbarer Polymer-Beschichtung und mit sehr dünnen Stentstreben – und dies überwiegend mithilfe von intravaskulärer Ultraschall-Kontrolle sowie aktueller „chronic total occlusion“ Revaskularisationstechniken und leitliniengerechter medikamentöser Therapie.

Verglichen wurde die Rate der schwerwiegenden kardialen und zerebrovaskulären Ereignisse (MACCE: Gesamttodesrate, zerebrovaskuläre Ereignisse, Myokardinfarkt, jegliche Revaskularisation) nach einem Jahr von 454 Patienten, die in der SYNTAX-II-Studie nach den optimierten Standards behandelt wurden, mit einem vordefinierten PCI-Vergleichskollektiv der SYNTAX-I-Studie. In einer exploratorischen Analyse wurden die 454 Patienten zudem mit der historischen Bypass-Kohorte der SYNTAX-I-Studie verglichen.

Am Ende der einjährigen Beobachtungszeit konnte eine Überlegenheit der SYNTAX-II-Strategie im Vergleich zu dem „gematchten“ SYNTAX-I-Kollektiv nachgewiesen werden. Die MACCE-Raten betrugen 10,6 % (SYNTAX-II) vs. 17,4 % (SYNTAX-I); der Unterschied war signifikant (p = 0,006).

Die klinische Überlegenheit basierte auf einer signifikanten Reduktion sowohl von Myokardinfarkten (1,4 vs. 4,8 %) als auch von erneuten Revaskularisationen (8,2 vs. 13,7 %). Die Rate der definitiven Stentthrombosen war ebenfalls signifikant geringer. Allerdings hatte die optimierte interventionelle Therapie keinen Einfluss auf die Gesamtsterblichkeit oder die Schlaganfallrate.

Die exploratorische Analyse ergab nach einem Jahr MACCE-Raten von 10,6 % (SYNTAX-II) und 11,2 % (SYNTAX-I-Bypass-Kohorte) und spricht damit für die „Nichtunterlegenheit“ der SYNTAX-II-Strategie im Vergleich zur chirurgischen Bypass-Therapie in SYNTAX-I.

Insgesamt konnte die Studie nachweisen, dass durch ein modernes interventionelles Vorgehen die klinischen Behandlungsergebnisse bei Patienten mit koronarer 3-Gefäß-Erkrankung im Vergleich zu den in SYNTAX-I erzielten Ergebnissen verbessert wird.

Die Daten dieser Studie bestätigen das, was viele Kardiologen immer wieder betonen: Die Fortschritte in der interventionellen Kardiologie haben in den letzten Jahren zu immer besseren Ergebnissen und immer geringeren Ereignissen nach moderner „State-of-the-art“-Koronarintervention geführt. Viele aktuelle Studien sind statistisch unterpowered, weil die postinterventionellen Ereignisse geringer als angenommen waren. Auch dies spiegelt wider, welche Fortschritte im Laufe der letzten Jahre auf dem Gebiet der Koronarintervention erzielt wurden.

Allerdings muss bedacht werden, dass Fortschritte auch in der koronaren Bypasschirurgie erzielt wurden, sodass ein Vergleich wie hier aufgeführt nicht unproblematisch ist. Da das Thema der besten Revaskularisation für den Patienten von großer Bedeutung ist und immer wieder sehr kontrovers diskutiert wird, ist sicherlich eine groß angelegte prospektive Studie zum Vergleich beider Methoden der Revaskularisation unter modernen Bedingungen sinnvoll.

Literatur

Vorgestellt von Javier Escaned für die SYNTAX-II-Trial Investigators beim ESC-Kongress 2017, 26.–30. August 2017 in Barcelona

Neueste Kongressmeldungen

Roboter senkt Strahlenbelastung bei PCI-Eingriffen deutlich

Interventionell tätige Kardiologinnen und Kardiologen sind ständig einer erhöhten Strahlenbelastung ausgesetzt. Deutlich verringern lässt sich die Exposition, wenn ein Roboter sie in der Durchführung von PCI-Prozeduren unterstützt.

Neue invasive HFpEF-Therapie besteht ersten Test

Bei HFpEF-Patienten kann eine Dekompensation auch durch eine Volumenverschiebung von extrathorakal nach thorakal ausgelöst werden. Ein Therapieansatz ist deshalb, dem ungünstigen Shift durch Modulation der Splanchnicus-Aktivität entgegenzuwirken. Erste Daten zu diesem Verfahren werden zwar als positiv bewertet, Kritik bleibt aber nicht aus.

Lungenfunktion bei COVID: Impedanz verhält sich anders als bei Herzinsuffizienz

Lungen bei COVID-Patienten können im Röntgen-Thorax aussehen wie Lungen bei Herzinsuffizienz. Die Lungenimpedanzmessung allerdings verhält sich unterschiedlich.

Neueste Kongresse

DGK-Jahrestagung 2022

„Neue Räume für kardiovaskuläre Gesundheit“ – so lautet das diesjährige Motto der 88. Jahrestagung. Alle Infos und Berichte im Kongressdossier.

ACC-Kongress 2022

Der diesjährige Kongress der American College of Cardiology findet wieder in Präsenz in Washington DC und gleichzeitig online statt. In diesem Dossier lesen Sie über die wichtigsten Studien und Themen vom Kongress.

AHA-Kongress 2021

Die wichtigsten Ergebnisse der beim amerikanischen Herzkongress AHA präsentierten  Studie lesen Sie in unserem Dossier. Bleiben Sie auf dem Laufenden.

Highlights

Kardiothek

Alle Videos der Kongressberichte, Interviews und Expertenvorträge zu kardiologischen Themen. 

Corona, COVID-19 & Co.

Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Chemotherapie-bedingte Herzschäden: SGLT2-Hemmer könnten helfen

Etablierte Therapien zur Prävention Anthrazyklin-bedingter Herzschäden gibt es bisher nicht. Eine Studie bringt jetzt einen neuen Therapiekandidaten ins Spiel.

Vorhofflimmern: Hohe Komorbidität spricht für rhythmuserhaltende Therapie

Als Zielgruppe für rhythmuserhaltende Maßnahmen wurden im Praxisalltag bislang relativ junge und gesunde Menschen mit Vorhofflimmern favorisiert. Neue Studiendaten legen nun aber nahe, dafür vorrangig kränkere Patienten mit kardiovaskulären Begleiterkrankungen in Betracht zu ziehen.

Endokarditis-Prophylaxe bei Hochrisikopatienten offenbar gerechtfertigt

Vor zahnmedizinischen Eingriffen sollten Patientinnen und Patienten mit einem hohen Endokarditis-Risiko eine Antibiotika-Prophylaxe erhalten, das empfehlen die Leitlinien. Eine aktuelle Studie liefert nun Evidenz für diese Empfehlung, und deckt „inakzeptable“ Versorgungslücken auf.

Aus der Kardiothek

Hätten Sie es erkannt?

Dopplersignal in der Aorta descendens bei einem Patienten mit Endokarditis. Was fällt auf?

Herzinsuffizienz: Optimal-Medikamentöse-Therapie (OMT), und ... was noch?

Medikamente sind die Eckpfeiler einer adäquaten Herzinsuffizienztherapie. Darüber hinaus gibt es zusätzliche Optionen, die für manche Patienten eine Lösung darstellen können. Anhand von Fallbeispielen erläutert Dr. med. Andreas Rieth welche das sind.

Digitale Kardiologie anno 2022 – von Zukunftsvisionen bis sinnvollem Einsatz im Alltag

Die digitale Kardiologie ist nicht nur ein Trend, sie eröffnet eine realistische Chance, die Versorgung von Patientinnen und Patienten zu verbessern. Dr. med. Philipp Breitbart gibt Tipps für den Einsatz solcher Devices im Alltag.

DGK Jahrestagung 2022/© m:con/Ben van Skyhawk
ACC-Kongress 2022 in Atlanta/© SeanPavonePhoto / Getty Images / iStock
AHA-Kongress 2020 virtuell
Kardiothek/© kardiologie.org
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Kardio-Quiz August 2022/© Fabian Ammon, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
kardiologie @ home/© BNK | Kardiologie.org