Nachrichten 28.08.2017

Lange ersehnter Erfolg: Entzündungshemmer verhindert Herzinfarkte

Erstmals ist es gelungen, mit einem antientzündlichen Therapieansatz die Prognose von Herz-Patienten zu verbessern. In der CANTOS-Studie, vorgestellt beim ESC-Kongress 2017, reduzierte der Antikörper Canakinumab das relative Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen um 15 %, was in etwa der Risikosenkung durch einen PCSK9-Antikörper entspricht.

„Wir haben gezeigt, dass ein antientzündliches Medikament, welches keine Effekte auf das Cholesterin hat, bei KHK-Hochrisiko-Patienten das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und kardiovaskulären Tod reduziert“, berichtete Studienleiter Prof. Paul Ridker vom Brigham and Women’s Hospital in Boston. „Somit ergeben sich künftig drei große Felder für die präventive Kardiologie: Zum einen Diät, Bewegung und Rauchstopp. Zum zweiten die Lipidsenkung. Und nun stoßen wir die Tür auf für die antientzündliche Therapie.“

Therapie mit einem  Antikörper

In der von Novartis unterstützten „Canakinumab Antiinflammatory Thrombosis Outcome Study“ (CANTOS) war für eine mediane Studienlaufzeit von 3,7 Jahren den Patienten alle drei Monate Canakinumab (Ilaris®) s.c. appliziert worden. Der gegen Interleukin-1ß gerichtete monoklonale Antikörper ist bisher bei einigen seltenen autoimmunen rheumatologischen Erkrankungen und bei bestimmten periodischen Fiebersyndromen zugelassen.

10.061 Patienten hatten an der Studie teilgenommen. Sie hatten sich durch eine Herzinfarkt-Anamnese und Werte des hochsensitiven hs-CRP über 2 mg/l qualifiziert. Die im Schnitt 61-jährigen Patienten wiesen eine Vielzahl kardiovaskulärer Risikofaktoren auf, die aggressiv behandelt wurden, über 90 % nahmen Statine ein, viele Patienten waren mehrfach revaskularisiert worden. Behandelt wurde in vier Gruppen (Canakinumab 50 mg, 150 mg, 300 mg, Placebo).

Dosisabhängiger hs-CRP-Rückgang

Die Antikörper-Therapie reduzierte den CRP-Wert dosisabhängig: um 26 % unter 50 mg, um 37 % unter 150 mg und um 41 % unter 300 mg. Die Inzidenz des primären MACE-Endpunkts (kardiovaskulärer Tod, Infarkt, Schlaganfall) betrug pro 100 Patientenjahre 4,5 unter Placebo, 4,11 unter 50 mg, 3,86 unter 150 mg und 3,9 unter 300 mg. Doch nur die 150-mg-Dosis führte im Studienzeitraum zu einer statistisch signifikanten relativen Risikosenkung für klinische Ereignisse (320 Ereignisse/2.284 Patienten (14 %) versus 535/3.344 (16 %) unter Placebo). Je stärker das CRP abfiel, desto größer fiel der klinische Nutzen aus.

Moderater klinischer Effekt, aber das Prinzip ist bewiesen

Der Effekt war „moderat“, wie Prof. R. Harington von der Stanford University in einem begleitenden Editorial schrieb, und er wurde primär  durch die Risikosenkung für Herzinfarkte verursacht. Allerdings sei der Befund wissenschaftlich hochinteressant: Die Studie beweise, dass die Inflammation bei der Atherosklerose nicht nur in der Pathogenese eine Rolle spielt, sondern auch therapeutisch ein Ziel darstellen kann.

Prof. Wolfgang König vom Herzzentrum München spricht von der „dual target-Hypothese“:  Trotz optimal kontrollierter LDL-Cholesterin-Werte verbleibe ein Restrisiko, dass auch Patienten mit sehr niedrigen LDL-Werten an Herzinfarkten sterben. Dass eine subklinische Inflammation, messbar an einer Reihe erhöhter Zytokinwerte oder akuter Phase-Proteine, für dieses Restrisiko zum Teil verantwortlich ist, vermuten Arbeitsgruppen wie jene von Prof. Ridker oder Prof. König schon seit langem. Eine wichtige Rolle dabei spielt der Interleukin-6-Signalweg, in welchen der voll humanisierte Antikörper Canakinumab spezifisch inhibitorisch eingreift.

Die Canakinumab-Studie beweist nun das wissenschaftliche Prinzip. Der moderate klinische Nutzen der bis dato sehr teuren Therapie rechtfertigt noch nicht den breiten Einsatz bei Infarktpatienten; zuvor müssen Sicherheit und Wirksamkeit in bestimmten Patientengruppen besser untersucht werden, so Harrington.

Nebenwirkungen: Infektionsrisiko erhöht, Krebssterblichkeit erniedrigt

Bezüglich der Sicherheit fiel auf, dass die Therapie das Risiko für tödliche Infektionen erhöhte (0,18 % unter Placebo, 0,28 % unter 150 mg Canakinumab). Auf der anderen Seite senkte sie überraschenderweise signifikant das Risiko für tödliche Krebserkrankungen  (0,64 % unter Placebo; 0,5 % unter 150 mg Canakinumab). Die 300-mg-Dosis halbierte gar die Krebssterblichkeit. Verhindert wurden vor allem Bronchialkarzinome. Unter dem Strich blieb ein „neutraler Effekt“ auf die Sterblichkeit.

Mit Spannung erwartet werden nun die Resultate des vom National Heart, Lung and Blood Institute der USA unterstützten „Cardiovascular Inflammation Reduction Trial“ (CIRT). Hier wird untersucht, ob niedrig dosiertes Methotrexat nach Herzinfarkt die Prognose verbessert. 

Literatur

1. Jahrestagung der European Society of Cardiology ESC, Barcelona 26.-30. August 2017
2. Ridker PM, et al.; Antiinflammatory Therapy with Canakinumab for Atherosclerotic Disease. N Engl J Med 2017; doi: 10.1056/NEJMoa1707914
3. Harrington RA; Targeting Inflammation in Coronary Artery Disease. N Engl J Med 2017; doi: 10.1056/NEJMoa1709904

Neueste Kongressmeldungen

Wie sich Herzinsuffizienz-Patienten anhand eines EKGs erkennen lassen

Künstliche Intelligenz kann vieles erkennen, was für Menschen kaum oder gar nicht nachvollziehbar ist. Eine randomisierte Studie deutet nun darauf hin, dass ein mit Maschinenlernen hinterlegtes EKG dabei helfen kann, Herzinsuffizienz auf Hausarztebene früher zu erkennen.

Reanimation bei Herzstillstand: Frühe ECMO erhöht Überlebensrate

Durch frühe Einbindung der extrakorporalen Membranoxygenierung (ECMO) in die kardiopulmonale Reanimation bei Patienten mit Herzstillstand und refraktärem Kammerflimmern werden deren Überlebenschancen deutlich verbessert, legen Daten einer randomisierten Studie nahe.

Expertenstreit: Ist positive Fischöl-Studie in Wirklichkeit „falsch positiv“?

Die Supplementierung von Omega-3-Fettsäuren (“Fischöl”) hat als kardiovaskuläre Präventionsstrategie in Studien erneut enttäuscht. Daran hat sich eine Kontroverse über eine Ausnahme-Studie entzündet, der zufolge diese Strategie von hohem kardioprotektiven Nutzen ist.

Neueste Kongresse

AHA-Kongress 2020

Ein virtueller Kongress ist mittlerweile schon fast nichts ungewöhnliches mehr. Von der diesjährigen Tagung der American Heart Association (AHA) gibt es aber trotz allem einiges Ungewöhnliches und Spannendes zu berichten. 

DGK Jahrestagung und Herztage 2020

Alle Vorträge der DGK Jahrestagung und Herztage 2020 sind weiterhin on demand für DGK-Mitglieder kostenfrei zugänglich. Auch mit Ihrem Online-Ticket können Sie weiterhin auf alle Vorträge unbeschränkt zugreifen. 
Und wir haben für Sie die wichtigsten Studien und Neuigkeiten redaktionell zusammengefasst. 

TCT-Kongress 2020

Die weltgrößte Fortbildungsveranstaltung für interventionelle Kardiologie fand dieses Jahr virtuell vom 14.–18.10. 2020 statt. Ausgewählte Highlights finden Sie in diesem Kongressdossier. 

Highlights

Das Live-Kongress-Angebot der DGK

Sichern Sie sich den Zugang zu allen zertifizierten Vorträgen von DGK.Online 2021 und der 87. Jahrestagung 2021 live und on demand.

Corona, COVID-19 & Co.

Die Ausbreitung des Coronavirus hat einschneidende Folgen auch für die Herzmedizin. Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Neuer Therapieansatz für Herzerkrankungen: Was nützen Ketone?

Ketonkörper haben einen schlechten Ruf, da sie an der diabetischen Ketoazidose beteiligt sind. In einer neuen Studie zeigen sie aber auch schützende Effekte bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen. Experten könnten sich sogar einen neuen Therapieansatz vorstellen.

COVID-19: Studie mit Colchicin wegen fehlender Wirkung gestoppt

Colchicin wurde als potenzieller neuer Hoffnungsträger für die COVID-19-Therapie lanciert. Nun der Rückschlag: Der Colchicin-Arm des RECOVERY-Programms wurde wegen fehlender Wirksamkeit gestoppt

Nach Herzinfarkt haben Rheuma-Patienten eine schlechtere Prognose

Nach einem Myokardinfarkt ist das Sterbe- und Reinfarkt-Risiko bei Patienten mit Rheumatoider Arthritis auf lange Sicht höher als bei Infarktpatienten ohne Rheuma-Erkrankung, zeigt eine Studie aus Finnland.

Aus der Kardiothek

80-jähriger Patient im CT – wie lautet Ihre Diagnose?

Kardiale Computertomografie bei einem 80-jährigen Patienten nach STEMI – was ist zu sehen?

62-Jähriger mit Schrittmacher – was ist im Röntgen zu sehen?

62-jähriger Patient mit Zustand nach 2-Kammer-Schrittmacher, aufgenommen bei respiratorischer Insuffizienz. Was ist auf den Röntgenbildern zu sehen?

Zepter und Krone – oder was sehen Sie auf dem Bild?

Kardiale Computertomographie, 3-dimensionale Rekonstruktion im „Metallfenster“. Was ist zu sehen?

AHA-Kongress 2020 virtuell
Jahrestagung und Herztage (virtuell)/© DGK
TCT 2020 virtuell
DGK.Online 2021/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Kardiale Computertomografie/© S. Achenbach (Medizinische Klinik 2 des Universitätsklinikums Erlangen)
Röntgen-Thorax/© PD Dr. med. Katharina Schöne, MediClinHerzzentrum Coswig
Kardiale Computertomographie/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen