Nachrichten 29.08.2017

Aortenstenose und älter als 90 Jahre: Auch da ist TAVI eine Therapieoption

Auch für Patienten, die 90 Jahre oder älter sind und eine schwere Aortenstenose entwickeln, kann die Implantation einer Transkatheter-Aortenklappe noch eine gute Therapieoption sein, wie Ergebnisse einer Analyse von „Real world“-Daten nahelegen.

Die Lebenserwartung in der Bevölkerung nimmt zu – auch in Deutschland. Deshalb verwundert nicht, dass unter den Patienten mit schwerer Aortenstenose die Zahl derjenigen zunimmt, die 90 Jahre und älter sind.

Die minimalinvasive Transkatheter-Aortenklappen-Implantationen (TAVI) hat sich gerade bei älteren und häufig multimorbiden Risikopatienten mit Aortenstenose als Therapieverfahren bewährt. Über Sicherheit und Effektivität dieser Methode speziell bei hochbetagten Patienten weiß man allerdings noch relativ wenig. In klinischen Studien war diese Altersgruppe nur als kleine Minderheit vertreten.

Eine Beobachtungsstudie brasilianischer Kardiologen liefert dazu nun neue Erkenntnisse. Dr Adriano Caixeta, interventioneller Kardiologe am Hospital Israelita Albert Einstein in São Paulo, hat die Ergebnisse beim Kongress der Europäischen Kardiologie-Gesellschaft ESC in Barcelona präsentiert.

Basis der Analyse bildeten die Daten von 819 Patienten mit schwerer Aortenstenose, die zwischen 2008 und Februar 2015 einer TAVI unterzogen und in ein brasilianisches Multicenter-Register aufgenommen worden waren.

Von diesen Patienten waren 735 jünger als 90 alt, während 84 (10,2 %) diese Altersgrenze schon überschritten hatte. Der Altersunterschied zwischen beiden Gruppen betrug im Schnitt 12 Jahre (80,1 vs. 92,4 Jahre). Im Vergleich zu den jüngeren waren die älteren Patienten kränker, ihr Risiko im Fall einer Operation war dementsprechend signifikant höher (STS-Risikoscore 13,19 vs. 9,87 %; p < 0,001).

Auf kürzere Sicht waren die Behandlungsergebnisse in der Gruppe der älteren Patienten schlechter: Zum Zeitpunkt 30 Tage nach TAVI war die Rate für die Gesamtmortalität in dieser Altersgruppe signifikant höher als bei den jüngeren Patienten (15,6 vs. 8,4 %; p = 0,04).

Nach einem Jahr war dieser Unterschied dagegen verschwunden, die Mortalitätsraten waren bei den jüngeren und älteren Patienten nahezu gleich (21,8 vs. 20,9 %). Und auch zum Zeitpunkt nach zwei Jahren differierten beide Gruppen nach wie vor nur geringfügig (30,7 vs. 27,3 %). Erst in der Folgezeit war in der Gruppe der über 90-Jährigen ein relativer Anstieg der Mortalität im Vergleich zur jüngeren Altersgruppe zu beobachten.

Nach Einschätzung von Caixeta sprechen diese Ergebnisse dafür, dass eine katheterbasierte Aortenklappen-Implantation auch bei betagten Patienten mit Aortenstenose sicher und effektiv ist und nicht als „aussichtslos“ qualifiziert werden kann.

Literatur

Caixeta A. Short- and long-term clinical outcomes in nonagenarian patients undergoing transcatheter aortic valve implantation; vorgestellt beim Kongress der European Society of Cardiology 2017, 26.–30. August 2017, Barcelona, P4270

Neueste Kongressmeldungen

Schützt Kaffee vor Arrhythmien?

Ein moderater täglicher Kaffeekonsum hat einer britischen Studie zufolge keine nachteiligen Auswirkungen auf die Entwicklung von Herzrhythmusstörungen. Im Gegenteil, er scheint sogar eine leicht protektive Wirkung zu haben.

Weniger Komplikationen mit kabellosem Herzschrittmacher

Eine kabelloser Herzschrittmacher hat in puncto Sicherheit in einer großen Vergleichsstudie gut abgeschnitten: Die damit einhergehende Rate an  Komplikationen war nach sechs Monaten um mehr als 60% niedriger als nach Implantation transvenöser Schrittmachersysteme.

ESUS-Patienten: Antikoagulation auf Basis der Vorhoffibrose?

Weiter Rätselraten um unklare embolische Schlaganfälle: Eine Vorhoffibrose scheint das Risiko erneuter Schlaganfälle zu erhöhen. Könnte das therapierelevant sein?

Neueste Kongresse

HRS-Kongress 2020 Science

Zwar musste auch die diesjährige Jahrestagung der Heart Rhythm Society in San Diego aufgrund der Corona-Pandemie kurzfristig abgesagt werden, aber für Ersatz wurde gesorgt: mit HRS 2020 Science – einer dreiteiligen Online- und On-Demand-Fortbildungsreihe. 

ACC-Kongress 2020 *virtuell*

Das Coronavirus hat auch die ACC-Jahrestagung 2020 radikal verändert: Statt als Teilnehmer vor Ort in Chicago haben Kardiologen nun die Möglichkeit, den Kongress live als „virtuelles Erlebnis“ (virtual experience) digital zu verfolgen.

International Stroke Conference 2020

Die International Stroke Conference ist das weltweit führende Treffen, das sich der Wissenschaft und Behandlung von zerebrovaskulären Erkrankungen widmet. Ausgewählte Highlights finden Sie in diesem Dossier. 

Highlights

Aktuelles zum Coronavirus

Die Ausbreitung des Coronavirus hat einschneidende Folgen auch für die Herzmedizin. Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit Covid-19 finden Sie in diesem Dossier.

HRS-Kongress 2020 Science

Zwar musste auch die diesjährige Jahrestagung der Heart Rhythm Society in San Diego aufgrund der Corona-Pandemie kurzfristig abgesagt werden, aber für Ersatz wurde gesorgt: mit HRS 2020 Science – einer dreiteiligen Online- und On-Demand-Fortbildungsreihe. 

Das könnte Sie auch interessieren

Familiäre Hypercholesterinämie: Weltweite Prävalenz höher als gedacht

In einer Metaanalyse mit mehr als 11 Millionen Teilnehmern errechneten dänische Forscher die weltweite Prävalenz von familiärer Hypercholesterinämie. Besonders bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit war sie deutlich erhöht.

Komplette Revaskularisation bei STEMI senkt kardiovaskuläre Mortalität

Im Fall eines Herzinfarktes nicht nur das infarktbezogene Zielgefäß, sondern gleich alle relevanten Koronarstenosen zu behandeln („komplette Revaskularisation“), trägt zur Senkung der kardiovaskulären Mortalität bei. Das bestätigt die bis dato größte Metaanalyse.

Warum gibt es in Tschechien so wenige Coronatote?

An COVID-19 sind in Tschechien bisher deutlich weniger Menschen gestorben als in den meisten anderen europäischen Ländern. Wissenschaftler haben Ursachen dafür zusammengetragen, und auch eine etwas ungewöhnliche Theorie.

Aus der Kardiothek

Hätten Sie es erkannt?

Transthorakale Echokardiographie eines 55jährigen Patienten mit Leistungsknick und atypischen Thoraxschmerzen. Was ist zu sehen?

BNK-Webinar "Neue Optionen unter COVID-19 - Videosprechstunde und anderes…"

Die Coronakrise treibt die Digitalisierung der Kardiologie voran: Videosprechstunde, Telemedizin, Apps. Ganz einfach ist die Umsetzung in die Praxis jedoch nicht. Dr. Norbert Smetak, Kirchheim unter Teck, erläutert, welche technischen, rechtlichen und finanziellen Aspekte zu beachten sind.

BNK-Webinar "COVID-19 - tödliche Verläufe durch mikroangiopathische Schäden?"

Woran versterben COVID-19-Patienten? Prof. Alexandar Tzankov aus Basel erläutert anhand von Autopsieberichten, welche Schädigungen des SARS-CoV-2-Virus zum Tode führen. Einige dieser Befunde überraschen.

Bildnachweise
Digitaler HRS-Kongress 2020/© [M] jamesteohart / Getty Images / iStock
Digitaler ACC-Kongress 2020/© Sergey Nivens / stock.adobe.com [M]
International Stroke Conference 2020, Los Angeles/© Beboy / Fotolia
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Transthorakale Echokardiografie/© Monique Tröbs, Mohamed Marwan, Universitätsklinikum Erlangen
BNK-Webinar/© BNK | Kardiologie.org