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04.09.2018 | ESC-Kongress 2018 | Nachrichten

VERDICT-Studie

Akutes Koronarsyndrom ohne ST-Hebung: Frühe invasive Strategie im Allgemeinen ohne Vorteil

Autor:
Peter Overbeck

Bei akutem Koronarsyndrom (ACS) ohne ST-Hebung  (NSTE ACS) bietet eine sehr frühe invasive Abklärung  als Routinestrategie gegenüber einer späteren Abklärung  keine Vorteile. Patienten mit hohem Risiko könnten aber Nutznießer  dieser Strategie sein.

Werden Patienten mit  NSTE ACS  schon innerhalb von 12 Stunden nach der Diagnose routinemäßig einer invasiven Abklärung mittels Koronarangiografie  (plus Revaskularisation, falls erforderlich) zugeführt, resultieren daraus  im Vergleich zu einer nach zwei bis drei Tagen vorgenommenen  Untersuchung im Katheterlabor  keine relevanten Vorteile.  Das geht aus Ergebnissen der VERDICT-Studie hervor, die  Dr. Thomas Engstrøm vom Rigshospitalet Kopenhagen beim ESC-Kongress in München vorgestellt hat.

Vorteil bei Hochrisiko-Patienten

Bezüglich der Rate für den primären  kombinierten Endpunkt (Tod, Myokardinfarkt, Hospitalisierung wegen Herzinsuffizienz oder refraktärer Myokardischämie) bestand in dieser Studie am Ende kein signifikanter Unterschied zwischen einer  früh (im Schnitt nach 4,7 Stunden) oder  erst mit einiger Verzögerung vorgenommenen invasiven Abklärung  (Inzidenzrate: 27,5% versus 29,5%;  Hazard Ratio  0,92; 95% CI 0,78-1,08, p=0,29). Demnach besteht im Fall eines NSTE ACS im Allgemeinen  kein hoher  Zeitdruck bei der invasiven Abklärung – zumindest nicht unter prognostischem Aspekt.  Ein anderer Aspekt wäre, dass eine sehr frühe Abklärung  die Dauer des Klinikaufenthalts verkürzen  und somit Kosten sparen kann.

Bei bestimmten Patienten  könnte die Zeit aber sehr wohl von Bedeutung  für die Prognose sein:  So scheinen Patienten mit einem  GRACE-Score > 140 als Ausdruck eines  hohen Risikos  in der VERDICT-Studie sehr wohl von einer frühen invasiven Abklärung  und Intervention profitiert zu haben. In dieser Subgruppe war die entsprechende  Strategie mit einem  relativ um 19% niedrigeren Risiko für den primären Endpunkt assoziiert  (HR 0,81; 95% CI 0,67-1,00). Ähnliches ist auch schon in der TIMACS-Studie beobachtet worden.

Im Einklang mit den Leitlinien

Die VERDICT-Ergebnisse stehen im Einklang mit in den europäischen NSTE-ACS-Leitlinien von 2015 gegebenen Empfehlungen zum individualisierten risikoadaptierten „Timing“  der Behandlungsstrategie.  Dabei wird zwischen  vier Risikokategorien differenziert  (niedrig, intermediär, hoch und sehr hoch).

Bei sehr hohem Risiko (hämodynamische Instabilität/kardiogener Schock, persistierender  Brustschmerz trotz Medikation, lebensbedrohliche Arrhythmien, akute Herzinsuffizienz)  sollte demnach umgehend (< 2 Stunden) eine  invasiven Abklärung  erfolgen.  Bei hohem Risiko (infarktverdächtige Troponin-Veränderungen, dynamische ST- oder T-Wellen-Veränderungen, GRACE-Score > 140) sollte dies früh (< 24 Stunden) geschehen. Bei intermediärem Risiko sowie optional bei niedrigem Risiko wird eine invasive Abklärung innerhalb von 72 Studien empfohlen.

Weniger nicht tödliche Herzinfarkte

In der randomisierten VERDICT-Studie sind 2.147 mit  Nicht-ST-Hebungs-Myokardinfarkt (NSTEMI) oder instabiler Angina pectoris  (Ischämiezeichen im EKG und/oder erhöhte Troponine)  aufgenommen und zwei Gruppen  zugeteilt worden, in denen die invasive Abklärung  bereits in den  ersten 12 Stunden (im Schnitt nach 4,7 Stunden)  oder erst  innerhalb von 48 bis  72 Stunden (im Schnitt nach 61,6 Stunden)  nach der Diagnose vorgenommen wurde. Die mediane Dauer der Nachbeobachtung betrug 4,3 Jahre.

Auch wenn in dieser Zeit beim primären Endpunkt kein Unterschied auszumachen war, ging die Strategie einer frühen Abklärung  zumindest mit einer signifikant niedrigeren Rate an nicht tödlichen Myokardinfarkten einher   (8,4% vs. 11.2%; HR 0,73; 95% CI 0,56-0,96, p=0,025). Beim Endpunkt  Klinikeinweisungen wegen Herzinsuffizienz ergab sich ein nicht signifikanter Trend zugunsten dieser Strategie  (9,2% vs. 11,8%; HR 0,78; 95% CI 0,60-1,01).

Rund zwei Drittel aller Teilnehmer der “Hot Line”-Sitzung beim ESC-Kongress gaben in einer TED-Befragung  nach Präsentation der Studie an, dass die VERDICT-Ergebnisse ihre bisherige Praxis nicht verändern würden.  Immerhin 34% bekannten sich aufgrund der Subgruppenanalyse dazu,  bei der invasiven Koronarangiografie künftig schneller werden zu wollen.

Literatur

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