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25.08.2018 | ESC-Kongress 2018 | Nachrichten

1-Jahres-Daten der CULPRIT SHOCK-Studie

Kardiogener Schock: Ist komplette Revaskularisation auch langfristig von Nachteil?

Autor:
Peter Overbeck

Bei Herzinfarkt mit kardiogenem Schock ist eine sofortige komplette Revaskularisation aller relevanten Koronarstenosen  durch perkutane Koronarintervention (PCI) im Vergleich zur alleinigen Wiedereröffnung der  Infarktarterie zumindest kurzfristig die schlechtere Option, hat die CULPRIT-SHOCK-Studie gezeigt. Gilt das auch auf längere Sicht?

Eine  sofortige Revaskularisation  auch von nicht infarktrelevanten Koronarstenosen zusätzlich zur Infarktarterie („Mehrgefäß-PCI“) ist bei Patienten mit Herzinfarkt und koronarer Mehrgefäß-Erkrankung im Fall eines  kardiogenen Schocks prognostisch von Nachteil. Das haben  - zur Überraschung vieler Experten - erstmals 2017 publizierte Ergebnisse CULPRIT-SHOCK-Studie gezeigt.

Zum Zeitpunkt nach 30 Tagen war demnach die Rate für den primären kombinierten Studienendpunkt (Tod und schweres Nierenversagen mit notwendiger Nierenersatztherapie) mit 45,9% versus 55,4%, relatives Risiko 0,83, p=0,01) in der Gruppe mit zunächst auf die „schuldige“ Infarktarterie beschränkter  Revaskularisation („Culprit lesion only“-Strategie) signifikant niedriger als in der Gruppe mit sofortiger Mehrgefäß-PCI – und zwar  primär bedingt durch eine signifikant niedrigere Gesamtsterberate (43,3% vs. 51,5%). Auch die Rate für notwendige Nierenersatztherapien  war numerisch niedriger,  jedoch erwies sich dieser Unterschied als nicht statistisch signifikant (11,6% vs. 16,4%).

Mehrgefäß-PCI bei kardiogenem Schock zurückgestuft

Aufgrund dieser Ergebnisse ist die zuvor eher positiv eingeschätzte Mehrgefäß-PCI  bei kardiogenem Schock inzwischen in den europäischen STEMI-Leitlinien  und den aktuellen Leitlinien  zur Revaskularisation zurückgestuft worden.  Damit dürfte die Diskussion über  diese Behandlungsstrategie aber  wohl noch nicht beendet sein. Es ist ja denkbar,  dass die sofortige, mit stärkeren Belastungen  etwa bezüglich Behandlungsdauer und Kontrastmittelverbrauch einhergehende komplette Revaskularisation  auf kürzere Sicht zwar ein erhöhtes Risiko birgt, auf längere Sicht aber aufgrund einer besseren Myokardperfusion und Ventrikelfunktion  doch prognostisch von Vorteil ist.

Vor diesem Hintergrund sind die  1-Jahres-Daten der CULPRIT-SHOCK-Studie, die von Prof. Holger Thiele von der Klinik für Kardiologie der Universität Leipzig  aktuell beim ESC-Kongress in München vorgestellt und simultan im „New England Journal of Medicine“ publiziert worden sind, von besonderem Interesse.  Nach einem Jahr zeigte sich, dass die Rate für den primären kombinierten Studienendpunkt in der Gruppe mit weniger aggressiver „Culprit lesion only“-Strategie nach wie vor signifikant niedriger war als in der Gruppe mit kompletter Revaskularisation (52,0% vs. 59,5%, relatives Risiko 0,87, p=0,048). 

Der Unterschied bei der Gesamtmortalität  war dagegen zu diesem Zeitpunkt  nicht mehr signifikant  (50,0% vs. 56,9%, relatives Risiko 0,88, p=0,07), ebenso der Unterschied bei der  auf kardiovaskuläre Ursachen zurückzuführenden Mortalität  (46,2% vs. 52,8%, relatives Risiko 0,88). Die Raten für Herzinfarkt-Rezidive betrugen 1,7% („Culprit lesion only“-Gruppe) und 2,1% (Mehrgefäß-PCI-Gruppe).

Mortalität  nur in der Frühphase unterschiedlich

Eine sogenannte „Landmark“-Studie offenbarte, dass  sich die Mortalitätsraten in beiden Gruppen nur in den ersten 30 Tagen signifikant unterschieden, in der Folgezeit  dagegen mit 6,7% („Culprit lesion only“-Strategie) und 5,3% (Mehrgefäß-PCI)  gleich  waren.  Die Hypothese, dass eine sofortige  Mehrgefäß-PCI  bei kardiogenem Schock zwar auf kürzere Sicht das Sterberisiko erhöht, es auf längere Sicht aber reduziert, wird durch dieses Ergebnis ersichtlich  nicht gestützt. Auch zu Nierenersatztherapien führende renale Komplikationen wurden nur in der Frühphase beobachtet.

Weniger Klinikeinweisungen wegen Herzinsuffizienz nach Mehrgefäß-PCI

Allerdings  kristallisierten sich mit zunehmender Beobachtungsdauer zwei Unterschiede heraus. Zum einen  war – für die Studienautoren nach Auskunft Thieles überraschend - die Rate für durch  Herzinsuffizienz verursachte  Klinikeinweisungen nach alleiniger Revaskularisation der Infarktarterie  deutlich höher als nach sofortiger  Mehrgefäß-PCI (5,2% vs. 1,2%, relatives Risiko 4,46). Zum anderen waren nach  „Culprit lesion only“-Strategie  deutlich mehr erneute revaskularisierende Eingriffe erforderlich als nach Mehrgefäß-PCI (32,3% vs. 9,4%, relative Risiko 3,44).

Die niedrigere Rate an Rehospitalisationen wegen Herzinsuffizienz nach kompletter Revaskularisation legt die Vermutung nahe, dass durch diese Strategie  die linksventrikuläre Funktion verbessert und so das Herzinsuffizienz-Risiko verringert worden sein könnte. Thiele und seine Mitautoren halten dies aber für reine Spekulation, da derzeit keine entsprechenden Daten aus randomisierten Studie  vorlägen und auch in der CULPRIT-SHOCK-Studie keine seriellen Messung der Ventrikelfunktion durchgeführt worden sind, die Aufschluss geben könnten.

Auch 1-Jahres-Daten stützen Änderung der Leitlinien

Insgesamt, so Thiele in München, stützen auch die 1-Jahres-Ergebnisse die auf Basis der CULPRIT-SHOCK-Hauptstudie inzwischen vorgenommene Änderung der Leitlinien bezüglich einer Abstufung der Mehrgefäß-PCI bei kardiogenem Schock.

In die CULPRIT-SHOCK-Studie  waren an 83 europäischen Zentren 706 Patienten mit infarktbedingtem kardiogenem Schock aufgenommen worden. Knapp zwei Drittel hatten eine koronare 3-Gefäß-Erkrankung. Nach der Randomisierung  wurde entweder eine sofortige Mehrgefäß-PCI oder initial  eine alleinige Revaskularisation der Infarktarterie vorgenommen worden. Bei „culprit-only“-PCI bestand gegebenenfalls die Möglichkeit einer  zweiten PCI zur Behandlung von signifikanten, aber nicht infarktrelevanten Koronarverengungen oder Verschlüssen (non culprit lesions).

Literatur

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