Nachrichten 20.08.2018

Weltgrößter Kardiologen-Kongress in München: Vorschau auf wichtige neue Studien

Am Samstag, den 25. August 2018 startet in München der diesjährige Kongress der europäischen Kardiologen-Gesellschaft ESC. Die weltweit größte Tagung von Herzspezialisten wartet wieder mit einem reichen Angebot an neuen und potenziell praxisverändernden Studien auf.

Plattform für die Präsentation neuer und bis dato nicht publizierter Studien, denen eine besondere klinische Relevanz im Bereich der Kardiologie beigemessen wird, sind in diesem Jahr fünf „Hot Line“-Sitzungen beim ESC-Kongress, bei denen insgesamt 17 Studien auf dem Programm stehen.

Neue Erkenntnisse könnte es im Hinblick auf den strittigen Stellenwert von Acetylsalicylsäure (ASS) in der Primärprävention kardiovaskulärer Erkrankungen geben. Während in den USA die Primärprävention mit ASS relativ wohlwollend bewertet wird, zeigt man sich in Europa mit Hinweis auf die unklare Datenlage eher skeptisch.

Umstrittene Primärprävention mit ASS im Fokus

Zwei große randomisierte Studien könnten mit ihren beim ESC-Kongress erwarteten Ergebnissen womöglich für mehr Klarheit sorgen. Am Sonntag, den 26. August 2018  werden bei den ersten  beiden „Hot Line“-Sitzungen zunächst die ARRIVE-Studie und dann die ASCEND-Studie vorgestellt.

In der in fünf Ländern – darunter auch Deutschland - durchgeführten ARRIVE-Studie (Aspirin to Reduce Risk of Initial Vascular Events) ging es um die Frage, ob ASS in niedriger Dosierung (100 mg/Tag) im Vergleich zu Placebo bei nicht kardiovaskulär erkrankten Patienten mit moderat erhöhtem Risiko für Koronarereignisse (koronares Risiko von 10% - 20% über 10 Jahre) die Inzidenz von Herzinfarkten und Schlaganfällen verringert. In die 2007 gestartete Studie, in der die Dauer der Nachbeobachtung  mit rund fünf Jahren veranschlagt wurde, sind mehr als 12.500 Teilnehmer aufgenommen worden.

Für die ASCEND-Studie sind gezielt Patienten mit Diabetes, aber ohne manifeste Gefäßerkrankung, ausgewählt worden. Bei ihnen ist geprüft worden, ob eine Primärprävention mit 100 mg ASS pro Tag kardiovaskulären Ereignissen sowie Krebserkrankungen im Vergleich zu Placebo vorbeugt. Das „faktorielle“ Design der Studie ermöglichte zudem die gleichzeitige  Prüfung der potenziellen Wirkung einer Supplementierung von Omega-3-Fettsäuren („Fischöl”) auf entsprechende Erkrankungen. 

Zwischen 2005 und 2011  waren insgesamt 15.480 Personen mit Diabetes in die Studie eingeschleust worden. Geplant war eine Follow-up-Dauer von mindestens sieben Jahren. 

MARINER-Studie zur VTE-Prophylaxe mit Rivaroxaban

In „Hot Line 1” steht neben ARRIVE auch die MARINER-Studie auf dem Programm. Hier ging es um die Klärung der Frage, ob bei wegen Akuterkrankungen wie dekompensierte Herzinsuffizienz, COPD-Exazerbation oder Infektionen hospitalisierten Patienten das Risiko für symptomatische venöse Thromboembolien durch eine Thromboembolie-Prophylaxe mit Rivaroxaban (10 mg/Tag, 7,5 mg bei eingeschränkter Nierenfunktion) reduziert werden kann. Die Behandlung erfolgte dabei für die Dauer von bis zu 45 Tagen nach der Klinikentlassung, dem Zeitpunkt der Randomisierung.

Für die Studienteilnahme geeignet erscheinende Risikopatienten sind mithilfe eines Risikoscores (IMPROVE VTE: International Medical Prevention Registry on Venous Thromboembolism) in Kombination mit einem D-Dimer-Labortest identifiziert worden. Den primären Endpunkt bildeten symptomatische VTE (tiefe Beinvenenthrombosen und nicht tödliche Lungenembolien). An der „ereignisgesteuerten“ Studie, die mit Erreichen von 161 primären Ereignissen beendet werden sollte, waren rund 8.000 Patienten beteiligt.

Ist Abnehmpille kardiovaskulär unbedenklich?

Der grundsätzliche Ausgang der ebenfalls für „Hot Line 1“  vorgesehenen großen CAMELLIA-TIMI 61-Studie ist nach jüngst durch den Studiensponsor bekanntgegebenen  „Topline Results“  kein Geheimnis mehr. Danach war die Behandlung mit dem Appetitzügler Lorcaserin mit keiner Zunahme von schwerwiegenden kardiovaskulären Ereignissen (major adverse cardiac events, MACE) wie kardiovaskulär verursachter Tod, Herzinfarkt oder Schlaganfall assoziiert. Außerdem seien bei Patienten, die frei von Diabetes waren, das Risiko für die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes verringert und Parameter wie Blutdruck, Serumlipide, Blutzucker und Nierenfunktion signifikant verbessert worden, heißt es in der Vorabinformation.

In die randomisierte placebokontrollierte Phase-IIIB/IV-Studie waren an rund 400 Zentren in acht Ländern mehr als 12.000 übergewichtige oder fettleibige Personen, die entweder bereits kardiovaskulär erkrankt waren oder zumindest kardiovaskuläre Risikofaktoren aufwiesen,  aufgenommen worden. Lorcaserin ist in den Ländern der EU bislang nicht zugelassen.

Die Frage der optimalen herzchirurgischen Revaskularisation

Mit der ART-Studie ist auch die koronare Herzchirurgie in der ESC-„Hot Line“ vertreten. ART (Arterial Revascularisation Trial) ist mit rund 3.100 beteiligten KHK-Patienten mit koronarer Mehrfgefäßerkrankung die größte randomisierte Studie zum Vergleich zweier Methoden der Revaskularisation bei koronarer Bypass-Operation. Geklärt werden soll, ob eine beidseitige Verwendung der A. mammaria interna als Bypassgraft im Hinblick auf den klinischen Langzeitverlauf günstiger ist als die koronarchirurgische Standardrevaskularisation mit nur einer Brustwandarterie plus zusätzlichen Venengrafts.

Beim AHA-Kongress 2016 hatte Studienleiter Prof. David Taggart aus Oxford bereits die 5-Jahres-Ergebnisse vorgestellt. Wider Erwarten konnte zu diesem Zeitpunkt bezüglich der Mortalität kein Vorteil zugunsten der beidseitigen Verwendung der A. mammaria interna als Bypassgraft nachgewiesen werden. Taggart erinnerte damals daran, dass erfahrungsgemäß erst jenseits von fünf Jahren mit einer Zunahme von Venengraft-Verschlüssen zu rechnen ist. Sollte diese Zunahme in der Gruppe mit Standard-Bypassoperation in der zweiten Studienhälfte relativ stärker sein, könnten die beim ESC-Kongress erwarteten 10-Jahres-Ergebnisse die bilaterale Technik am Ende doch noch als die langfristig bessere Option ausweisen.

Antithrombotische Therapie bei Herzinsuffizienz

In der Frage, ob eine antithrombotische Therapie bei Patienten mit Herzinsuffizienz, bei denen kein Vorhofflimmern besteht, von Nutzen ist, herrscht nach wie vor Unklarheit. Die orale Antikoagulation mit dem Vitamin-K-Antagonisten Warfarin konnte bei dieser Indikation in randomisierten klinischen Studien wie WASH nicht überzeugen. In der WARCEF-Studie war Warfarin in puncto Wirksamkeit und Sicherheit nicht besser als der Plättchenhemmer ASS.

Die Autoren der randomisierten placebokontrollierten COMMANDER-HF-Studie haben erneut den Versuch unternommen, die orale Antikoagulation bei Herzinsuffizienz ohne Vorhofflimmern als prognoseverbessernde Therapie zu etablieren – in diesem Fall mit dem Faktor-Xa-Hemmer Rivaroxaban. Für die Studie wurden gezielt rund 5.000 Patienten mit gesicherter KHK und systolischer Herzinsuffizienz (linksventrikuläre Auswurffraktion ≤40%) ausgewählt. Bedingung war, dass sie kurz zuvor wegen dekompensierter Herzinsuffizienz behandelt worden sein mussten und zudem erhöhte Plasmaspiegel für natriuretische Peptide (BNP  ≥200 pg/ml oder NT-pro–BNP ≥800 pg/ml) aufwiesen. Patienten mit indizierter Antikoagulation aufgrund von Vorhofflimmern blieben von der Studienteilnahme ausgeschlossen.

Verglichen wurden die Behandlungen mit Rivaroxaban (2,5 mg zweimal täglich) oder Placebo  (plus Standardtherapie) in ihrer Wirkung auf die Ereignisse Tod, Myokardinfarkt und Schlaganfall (primärer kombinierter  Endpunkt).

Erfolg bei seltener Form der Kardiomyopathie

In der placebokontrollierten Phase-III-Studie ATTR-ACT sind Wirksamkeit und Sicherheit des oralen Wirkstoffs Tafamidis (20 mg oder 80 mg Tafamidis-Meglumin-Kapseln) in der Behandlung von Patienten mit  Transthyretin-Kardiomyopathie untersucht worden. Tafamidis ist ein neuartiger spezifischer TTR-Stabilisator, der 2011 erstmals in der EU zur Behandlung von Patienten mit Transthyretin-assoziierter familiärer Amyloid-Polyneuropathie (TTR-FAP) und früher symptomatischer Polyneuropathie zugelassen worden ist.

An der dreiarmigen ATTR-ACT-Studie waren 441 Patienten mit Transthyretin-Kardiomyopathie beteiligt, und zwar sowohl Patienten mit variabler Transthyretin-familiärer Amyloid-Kardiomyopathie (TTR-FAC, die erbliche Form der Krankheit) als auch Patienten mit nicht erblicher Wildtyp-TTR-CM, die im Alter auftreten kann.

Ende März 2018 hat der Hersteller Pfizer bereits „Topline“-Ergebnisse der Studie bekanntgegeben, denen zufolge der  primäre Studienendpunkt erreicht und eine signifikante Reduktion der Kombination von Gesamtmortalität und Häufigkeit von kardiovaskulären Krankenhausaufenthalten im Vergleich zu Placebo nach 30 Monaten erzielt werden konnte.

Duale Plättchenhemmung, die nächste ...

In der in „Hot Line 3” angekündigten Megastudie GLOBAL LEADERS ging es einmal mehr um die Frage der optimalen antithrombozytären Therapie nach perkutaner Koronarintervention (PCI) mit Stent-Implantation. An der Studie waren rund 16.000 Koronarpatienten mit stabiler KHK oder akutem Koronarsyndrom (ACS) beteiligt, die alle einheitlich Biolimus A9-freisetzende Stents (BES) sowie eine Behandlung mit Bivalirudin erhalten hatten.

In GLOBAL LEADERS sind zwei antithrombotische Therapieregime über 24 Monate miteinander verglichen worden. Ein Regime, dessen Überlegenheit nachgewiesen werden sollte,  bestand aus der nur einmonatigen kombinierten Gabe von Ticagrelor (90 mg zweimal täglich) plus ASS (100 mg einmal täglich), gefolgt von einer Ticagrelor-Monotherapie für die Dauer der restlichen 23 Monate. Die Kontrollgruppe erhielt eine standardmäßige duale Antiplättchen-Therapie (DAPT) mit Ticagrelor (bei ACS) oder Clopidogrel (bei stabiler KHK) plus ASS über 12 Monate,  gefolgt von einer alleinigen ASS-Therapie für weitere 12 Monate.

Ob die nur anfänglich mit einer sehr kurzfristigen ASS-Gabe kombinierte Ticagrelor-Therapie über 24 Monate das überlegene antithrombotische Regime darstellt, muss sich primär am kombinierten Endpunkt aus Gesamtmortalität und Myokardinfarkten erweisen.

Mitralinsuffizienz, Ernährungsfragen und vieles mehr …

Die interventionelle Behandlung mit dem MitraClip-Verfahren ist eine neue Therapieoption bei  Mitralklappeninsuffizienz. Französische Kardiologen haben in der MITRA-FR.-Studie geprüft, ob dieses perkutane Verfahren bei Patienten mit schwerer sekundärer – also funktioneller – Mitralklappeninsuffizienz und eingeschränkter linksventrikulärer Funktion, bei denen eine Operation kontraindiziert ist, im Vergleich zu einer medikamentösen Therapie wirksam und sicher ist.  

Neue Daten der PURE-Studie sollten Aufschluss darüber geben, ob und inwieweit zwischen Ernährungsqualität und kardiovaskulären Erkrankungen sowie Sterblichkeit ein Zusammenhang besteht. Die Analyse basiert auf Daten von mehr als  218.000 in mehr als 50 Ländern.

In der FREED-Studie ist danach geschaut worden, ob eine Therapie mit dem Gichtmittel Febuxostat zerebrale sowie kardio- und renovaskuläre Ereignisse bei älteren Risikopatienten mit Hyperurikämie verhindert werden können. Zur Erinnerung: In der von der US-Gesundheitsbehörde FDA geforderten und jüngst publizierten  Sicherheitsstudie CARES konnte zwar die  Nichtunterlegenheit von  Febuxostat bezüglich der kardiovaskulären Sicherheit im Vergleich zu Allopurinol bestätigt werden. Überraschenderweise war aber die Sterblichkeit unter der Substanz deutlich höher als unter Allopurinol.

Neue Informationen wird es beim ESC-Kongress auch zum relativen Stellenwert von Medikamente-beschichteten Ballons (DCB) versus Drug-eluting Stents (DES) bei Interventionen in kleinen Koronargefäßen (BASKET-SMALL 2-Studie), zur Bedeutung von hochsensitivem Troponin bei akutem Koronarsyndrom (High-STEACS-Studie), zur partiellen oralen Therapie bei infektiöser Endokarditis (POET-Studie) sowie zum Nutzen von Irbesartan bei Marfan-Syndrom (AIMS-Studie) geben.

Neueste Kongressmeldungen

Neuer Therapieansatz enttäuscht bei Patienten im kardiogenen Schock

Die Hoffnung, mit einem neuen, am Gefäßregulator Adrenomedullin ansetzenden Therapiekonzept die Behandlung von Patienten im kardiogenem Schock verbessern zu können, hat sich in einer Studie deutscher Kardiologen nicht erfüllt.

Blutdrucksenkung: Vierer-Kombi in niedriger Dosierung schlägt Monotherapie

Mit einer Fixkombination, die vier sehr niedrig dosierte Antihypertensiva in einer Kapsel vereint („Quadpill“), gelingt der Einstieg in eine blutdrucksenkende Therapie wesentlich besser als mit einer antihypertensiven Monotherapie, zeigt die QUARTET-Studie.

SGLT2-Hemmer schützt evtl. auch vor lebensbedrohlichen Arrhythmien

Die Wirkweise der SGLT2-Inhibitoren könnte sich noch um einen Aspekt erweitern. Dapagliflozin hat in einer Post-hoc-Analyse das Risiko für Rhythmusstörungen deutlich reduziert. Noch ist aber unklar, ob diese Wirkung auf direkten antiarrhythmischen oder indirekten Effekten beruht.

Neueste Kongresse

ESC-Kongress 2021

Der diesjährige Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) findet erneut als digitales Event statt vom 27. bis 30. August 2021. Vier neue Leitlinien werden präsentiert, 19 Hotline-Sessions könnten ebenfalls die Praxis verändern. In diesem Dossier berichten wir über diese und weitere Highlights.

HRS-Kongress 2021

Der diesjährige Kongress der Heart Rhythm Society (HRS) hatte rhythmologisch einige zu bieten: neue Pacing-Methoden, provokative Ergebnisse in puncto Alkohol und Vorhofflimmern und vieles mehr. Seit langem fand ein Kongress mal wieder als Vor-Ort-Event statt, in diesem Fall trafen sich die Experten in Boston. Alle Sessions konnten aber auch virtuell verfolgt werden. Ausgewählte Highlights finden Sie in diesem Dossier.

EuroPCR-Kongress 2021

Einer der weltweit führenden Kongresse für interventionelle kardiovaskuläre Medizin – der EuroPCR – fand in diesem Jahr vom 17. bis 20. Mai 2021 virtuell statt. Die wichtigsten Studienergebnisse sind für Sie in diesem Dossier zusammengetragen. 

ESC-Kongress (virtuell)/© everythingpossible / stock.adobe.com
Digitaler HRS-Kongress 2021/© mandritoiu / stock.adobe.com
EuroPCR-Kongress 2021