Nachrichten 02.09.2019

Routinemäßige Sauerstoff-Gabe bei Herzinfarkt erneut als wirkungslos entlarvt

Die routinemäßige Sauerstoff-Gabe bei  Herzinfarkt wird durch eine  große Studie erneut infrage gestellt. Auch sie kommt zu dem Ergebnis, dass diese Maßnahme  bei hinreichender O2-Sättigung des Blutes weder nützlich noch schädlich ist.

Was vor zwei Jahren bereits die Ergebnisse der beim ESC-Kongress 2017 in Barcelona präsentierten Studie DETO2X-AMI aus Schweden zeigten, gilt offenbar auch am anderen Ende der Welt: Denn die in Neuseeland durchgeführte und jetzt beim ESC-Kongress 2019 in Paris vom Studienleiter Prof. Ralph Stewart, Auckland, vorgestellte Studie NZOTACS kommt zu dem Ergebnis, dass  Patienten mit Verdacht auf oder mit stattgehabtem Herzinfarkt bezüglich der Mortalität (primärer Endpunkt) nicht von einer hoch oder niedrig dosierten Sauerstoffgabe profitieren.

Anders als bei der schwedischen Studie, an der ca. 6.200 Teilnehmer teilgenommen hatten und deren primärer Endpunkt die (nicht signifikant unterschiedliche) 1-Jahresmortalität war, wurden in Neuseeland über 40.000 Patienten hinsichtlich der 30-Tage-Mortalitä untersucht.

Ziel war es, vorteilhafte oder nachteilige Effekte einer Sauerstoffgabe bei nicht oder leicht hypoxämischen Patienten mit bestätigtem oder vermutetem akuten Koronarsyndrom (ACS) zu identifizieren. Bisherige Studien waren zu klein, um das eine oder andere eindeutig zu belegen. Eine Metaanalyse von 2018 deutet eher auf mögliche  negative Folgen einer Oxygenierung  bei nicht hyopxämischer Patienten hin, erklärte Stewart.

Zwei verschiedene Protokolle der Oxygenierung  verglichen

In der NZOTACS-Studie traten zwei verschiedene Protokolle den Vergleich an, die jeweils ein Jahr lang in Ambulanzen, Notaufnahmen oder Intensivstationen der 24 neuseeländischen Studienzentren routinemäßig zum Einsatz kamen. Das „high oxygen“-Protokoll wurde unabhängig von der Sauerstoffsättigung (SpO2) des Blutes für Patienten mit ischämischen Symptomen oder EKG-Auffälligkeiten empfohlen, während das „low oxygen“-Protokoll eine Empfehlung für Patienten mit einer SpO2 unter 90% war und bis zum Erreichen einer SpO2 von 94% angewendet werden sollte.

„Weder schädlich noch nützlich“

Beide Protokolle kamen in randomisierter Reihenfolge zum Einsatz. Am Ende war die 30-Tage-Mortalität für alle Patienten beinahe gleich hoch, nämlich 3,1 vs. 3,0% für die „high“ bzw. „low oxygen“-Behandlung. „Das weist darauf hin, dass die Sauerstoffgabe weder schädlich noch nützlich ist“, so  Stewart.

Die meisten Studienteilnehmer (85 bis 90%) hatten ohnehin normale SpO2-Werte. Bei denjenigen mit Hypoxämie war das Mortalitätsrisiko dagegen vier- bis fünfmal höher und ließ sich um 1% reduzieren, wenn sie Sauerstoff bekamen. Auch konnte gezeigt werden, dass die Subgruppe der STEMI-Patienten von höherer vs. niedriger Oxygenierung hinsichtlich der 30-Tage-Mortalität möglicherweise profitierte und diesen Endpunkt signifikant seltener erreichte (8,8 vs.10,6%). Für den zuverlässigen Nachweis eines Nutzens bei dieser Subgruppe war die Studie aber nicht ausgelegt, weshalb dafür weitere Evidenz  aus größeren Studien erforderlich ist.

Derzeit empfehlen die ESC-Leitlinien die Gabe von Sauerstoff für Patienten mit ST-Hebungsinfarkt (STEMI) oder mit Nicht-ST-Hebungsinfarkt, wenn die Blutsättigung unter 90% sinkt, jedoch nicht routinemäßig bei Werten darüber.

Stewart fasst seine Kernbotschaft folgendermaßen zusammen: „Patienten mit Verdacht auf Herzinfarkt und normaler Sauerstoffsättigung profitieren nicht von einer Oxygenierung, wenn der Wert jedoch zu niedrig ist, könnte es nützlich sein, ihn mit Sauerstoffgabe zu normalisieren.“

Literatur

Stewart R.:  „NZOTACS – The New Zealand Oxygen Therapy in Acute Coronary Syndrome Trial“, Sitzung „Hot Line 2“ beim Kongress der European Society of Cardiology (ESC) 2019, 31. August – 4. September 2019, Paris

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