Nachrichten 30.08.2020

Colchicin für Herzinfarkt-Patienten? Warum die Gene entscheidend sein könnten

Colchicin konnte die Effektivität, die es bei Myokardinfarkt-Patienten bereits gezeigt hatte, teilweise replizieren. Eine Analyse deutet zudem an, dass die Entscheidung für eine solche antiinflammatorische Sekundärprävention auf Basis der Gene gefällt werden sollte.

Das alte Gichtmittel Colchicin hat einen Lauf. Das entzündungshemmende und immunmodulierende Medikament macht nicht nur bei kardiologischen Indikationen auf sich aufmerksam.

Colchicin im Trend – auch bei Corona

Es wird derzeit in der internationalen COLCORONA-Studie auch als Frühtherapie bei COVID-19-Erkrankung evaluiert. Beim digitalen ESC-Kongress 2020 stellte der Kardiologe Prof. Jamie Layland von Ramsay Health Care im Bundesstaat Victoria die COPS-Studie vor, die Colchicin – ähnlich wie die COLCOT-Studie – nach Myokardinfarkt im Hinblick auf künftige kardiovaskuläre Ereignisse evaluiert hat.

Colchicin bei Infarktpatienten

An der COPS-Studie nahmen 795 Patienten mit akutem Koronarsyndrom teil, sie war also kleiner als die COLCOT-Studie mit ihren über 4.700 Teilnehmern.

Primärer Endpunkt war ein Komposit aus Tod, akutem Koronarsyndrom, Schlaganfall oder ischämiebedingter Revaskularisierung. Behandelt wurde mit Colchicin 0,5 mg 2 x täglich für vier Wochen, danach 0,5 mg 1x pro Tag für elf Monate oder entsprechende Placebozubereitungen zusätzlich zu einer optimalen sonstigen medikamentösen Therapie.

Die Studienpatienten hatten überwiegend einen STEMI oder NSTEMI, 87% wurden per perkutaner Intervention behandelt. Kardiovaskuläre Folgeereignisse waren insgesamt selten.

Trend stimmt, Signifikanz verfehlt

In dem für den primären Endpunkt relevanten 12-Monats-Follow-up gab es einen Trend zugunsten des Colchicins, der das Signifikanzniveau aber verfehlte. (p=0,09) Das änderte sich mit etwas längerem Follow-up. Schon bei der 400-Tage-Auswertung war die Intention-to-Treat-Analyse zugunsten des Colchicins signifikant. Der Unterschied war getrieben durch eine Verringerung von akuten Koronarsyndromen, Schlaganfällen und Revaskularisationen. Todesereignisse waren im Colchicin-Arm der Studie häufiger.

Dosis macht vielleicht den Unterschied

Deutlich günstiger sieht die Per-Protocol-Analyse aus. Hier hatten Colchicin-Patienten eine Risikoreduktion um 58% (p=0,01).

Bei der virtuellen ESC-Tagung diskutierten Layland und Dr. Massimo Imazio von der Universität Turin mögliche Gründe für die Unterschiede zur COLCOT-Studie. Ein Grund speziell für die nicht signifikante Intention-to-Treat-Analyse könnte demnach sein, dass Colchicin in den ersten vier Wochen doppelt so hoch dosiert wurde wie in der COLCOT-Studie, die durchweg mit 0,5 mg 1 x am Tag gearbeitet hatte. Die Unterschiede bei den Todesereignissen führten die Experten auf die kleine Studiengröße zurück. Die Studie war nicht für Mortalität gepowert.

Warum manche Patienten zu Nebenwirkungen neigen

Ebenfalls vorgestellt wurden in Amsterdam die Ergebnisse einer pharmakogenetischen Subanalyse der COLCOT-Studie, an der immerhin 1.656 von 4.745 COLCOT-Patienten teilgenommen hatten. Dabei wurden insgesamt drei Genloci identifiziert, die für die (bei einigen Patienten stark nebenwirkungsbehaftete) Colchicin-Behandlung von Bedeutung zu sein scheinen. So gibt es ein Gen auf Chromosom 9, das an der Mikrotubuli-Stabilisierung beteiligt ist und bei dem ein relativ häufiges Allel mit einer besseren Colchicin-Wirkung einhergeht. Das ist auch funktionell plausibel, denn Colchicin wirkt wahrscheinlich (auch) über eine Hemmung der Mikrotubulus-Bildung.

Personalisierte Entscheidung auf Basis der Gene

An zwei weiteren Genorten auf den Chromosomen 6 und 10 sind bestimmte Risikoallele mit einem höheren Risiko für gastrointestinale Nebenwirkungen assoziiert. „Insgesamt sprechen diese Ergebnisse für eine künftige, personalisierte Herangehensweise an die antiinflammatorische Behandlung in der kardiovaskulären Sekundärprävention“, resümierte Prof. Marie-Pierre Dubé von der Universität Quebec.


Weitere Infos

Am Montag, den 31.08.2020, werden beim ESC-Kongress die Ergebnisse der LoDoCo-2-Studie vorgestellt. In dieser Studie wird die Wirksamkeit von Colchicin bei stabiler KHK geprüft. Über die Ergebnisse berichten wir in unserem Dossier.


Literatur

Layland J: COPS Trial - Colchicine to Improve Cardiovascular Outcomes in ACS Patients und Dube MP: COLCOT Pharmacogenomics ; vorgestellt bei der Session "Impact of Colchicine on Cardiovascular Disease" am 29.08.2020 beim ESC Congress 2020 - The Digital Experience

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Bildnachweise
AHA-Kongress 2020
AHA-Kongress 2020 virtuell
Jahrestagung und Herztage (virtuell)/© DGK
TCT 2020 virtuell
EKG-Quiz/© [M] Syda Productions / stock.adobe.com
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Webinar Prof. Christian Meyer/© Springer Medizin Verlag GmbH
Kardiale Computertomographie/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen