Nachrichten 01.09.2020

Jetzt definitiv: RAAS-Inhibitoren schaden bei COVID-19 nicht!

Erstmals wurden die Effekte von RAAS-Inhibitoren auf den Verlauf einer COVID-19-Erkrankung in einer randomisierten Studie untersucht. Das Ergebnis ist ziemlich eindeutig, ebenso wie die Konsequenzen für die Praxis.

Zu Beginn der Coronavirus-Pandemie sind RAAS-Inhibitoren in Verruf gekommen. Eine Publikation im „British Medical Journal“ deutete an, dass die Herzmedikamente schwere COVID-19-Verläufe begünstigen könnten.

Verdacht hat sich nicht bestätigt

Die Nachricht verbreitete sich rasend schnell und sorgte für Unsicherheit bei Patienten und Ärzten. In der Zwischenzeit haben einige Beobachtungsstudien diesen Verdacht widerlegen können. 

Es wurde sogar eine Art Gegenthese aufgestellt. Einige Experten vermuten nämlich, dass ACE-Hemmer und Angiotensin-II-Rezeptorblocker (ARB) durch eine Senkung der Angiotensin II-Konzentrationen vor schweren COVID-19-Verläufen schützen könnten (ausführlichere Details in diesem Beitrag).

Was bei beiden Theorien bisher fehlte, war eine endgültige Bestätigung oder Widerlegung durch eine randomisierte Studie. Eine solche Studie ist nun auf dem ESC-Kongress vorgestellt worden. Das Ergebnis der Phase IV-Studie BRACE CORONA scheint ziemlich eindeutig: RAAS-Inhibitoren bringen bei COVID-19 weder einen Schaden noch einen Nutzen!

Weder schädlich, noch nützlich in Bezug auf den COVID-Verlauf

Insgesamt 659 mit SARS-CoV-2 infizierte Patienten, die bereits vor der Infektion aufgrund einer chronischen Erkrankung RAAS-Inhibitoren eingenommen hatten, wurden zu zwei Strategien randomisiert:

  • Entweder wurde die ACE-Hemmer- bzw. ARB-Therapie zu Beginn des Infektionsnachweises für 30 Tage lang ausgesetzt oder
  • ohne Änderungen fortgesetzt.

Nach 30 Tagen hatte das Weglassen der Behandlung weder einen Einfluss auf die Sterblichkeit der Patienten noch auf die Dauer des Krankenhausaufenthaltes. Die Kurven für den primären Endpunkt (Überleben und Klinikentlassung nach 30 Tagen) waren nahezu deckungsgleich. In der Gruppe, deren RAAS-Therapie ausgesetzt wurde, haben nach 30 Tagen 91,8% überlebt und konnten aus der Klinik entlassen werden, in der Gruppe mit fortgesetzter Behandlung war das bei 95,0% möglich.

Therapie bei Indikation fortsetzen!

Auch bei den sekundären Endpunkten, in denen weitere klinische Aspekte wie z.B. Intubationspflichtigkeit untersucht worden seien, habe es keine Unterschiede gegeben, berichtete Prof. Renato Lopes von der Duke Universitätsklinik in Durham auf der ESC-Hotline-Session. Nach Ansicht des Kardiologen liefert die Studie nun „zuverlässige“ und „definitive“ Daten für das, was die Fachgesellschaften bereits empfehlen: Bei COVID-19-Patienten mit einer Indikation für einen RAAS-Inhibitor sollte die Behandlung fortgesetzt werden.

Doch ein Nutzen bei älteren Patienten mit höherem Risiko?

Trotz dieser Ergebnisse ist nach Ansicht des Diskutanten, Prof. Gianfranco Parati, das „letzte Wort womöglich noch nicht“ gesprochen. Der Kardiologe aus Mailand könnte sich vorstellen, dass der Vorteil einer fortgesetzten ACE-Hemmer/ARB-Behandlung bei älteren Patienten mit einem höheren Risiko mehr zum Tragen kommt, als dies in dieser Studie den Anschein erweckt. In BRACE CORONA sind relativ junge Patienten mit niedrigem bis mittlerem Risiko eingeschlossen worden. Das erklärt auch die relativ geringe Sterblichkeit in der Studie, mit 2,76%. Zudem könnte laut Parati aus dieser Studie keine differenzierte Aussage über die jeweilige Wirkstoffklassen getroffen werden, nur 16,7% der Patienten sind mit einem ACE-Hemmer behandelt worden, der Rest mit einem ARB.

Der italienische Kardiologe sieht deshalb weiterhin eine Notwendigkeit für gut gemachte Beobachtungsstudien, um daraus mehr Erfahrungen für die Praxis zu sammeln, gerade im Hinblick auf Alter und Komorbiditäten der Erkrankten.

Literatur

Lopes R: BRACE CORONA: Continuing vs. Suspending ACE Inhibitors and ARBs in COVID-19; vorgestellt bei der HOTLINE IV-Session am 01.09.2020 beim ESC Congress 2020 - The Digital Experience 

Pressekonferenz HOTLINE IV, am 31.08.2020 beim ESC Congress 2020 - The Digital Experience

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