Nachrichten 31.08.2020

SGLT2-Inhibitor hilft auch Nierenkranken

Werden SGLT2-Inhibitoren bald auch eine Therapieoption für Patienten mit chronischen Nierenerkrankungen? In einer randomisierten Studie hat Dapagliflozin deren Prognose jedenfalls deutlich verbessern können.

Neue, die Routinetherapie von Volkskrankheiten verändernde Erkenntnisse zu den SGLT2-Inhibitoren folgen derzeit Schlag auf Schlag.

Entwickelt wurden die Medikamente eigentlich für Diabetespatienten, dann strebten sie die Indikation Herzinsuffizienz an (die Ergebnisse der EMPEROR-REDUCED-Studie wurden gerade erst beim ESC 2020 publiziert, die Ergebnisse der DAPA-HF-Studie bereits beim ESC 2019).

Nächste Indikation: Niereninsuffizienz

Und jetzt kommen noch Patienten mit chronischen Nierenerkrankungen hinzu. Betroffene Patienten weisen bekanntermaßen ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen sowie eine reduzierte Lebenserwartung und -qualität auf. Neben ACE-Hemmern bzw. AT1-Blockern gibt es hier bisher keine prognostisch wirksame Therapie.

Mit der DAPA-CKD-Studie könnte sich das Therapierepertoir erweitern. Prof. Hiddo J.L. Heerspink von der Universitätsklinik Groningen hat die Ergebnisse dieser Doppelblindstudie, in der 4.031 Patienten entweder mit 10 mg/d Dapagliflozin oder Placebo behandelt worden sind, beim diesjährigen ESC-Kongress vorgestellt.

Studie wegen überwältigendem Vorteil vorzeigt beendet

Nach 2,4 Jahren sei die Studie von der Ethikkommission wegen des überwältigenden Vorteils der Patienten in der Verumgruppe vorzeitig abgebrochen worden, berichtete Studienleiter Heerspink.

Einschlusskriterium war eine chronische Nierenerkrankung der Stadien 2 bis 4 mit einer eGFR (geschätzte glomeruläre Filtrationsrate) zwischen 25 und 75 mL/min/1,73m2 (median: 43 mL/min/1,73m2) sowie einem Albumin-Kreatinin-Verhältnis im Urin zwischen 200 und 5.000 mg/g (median 950 mg/g). Die Patienten waren im Schnitt 62 Jahre alt, zu 67% männlich und ebenfalls zu 67% Typ-2-Diabetiker. Fast alle nahmen ACE-Hemmer oder AT1-Blocker ein.

Einfluss auf die Prognose war enorm

Der primäre Endpunkt bestand aus einem 50%igen Abfall der Nierenfunktion (eGFR) bzw. Erreichen einer terminalen Niereninsuffizienz, einem renalen oder kardiovaskulären Tod. Zum Zeitpunkt des Studienabbruches hatten 197 Verum-Patienten und 312 Placebo-Patienten diesen Endpunkt erlitten, was einer relativen Risikoreduktion 39% mit hoher statistischer Signifikanz entspricht (p=0,000000028), so Heerspink.

Dieses und alle weiteren Ergebnisse waren unabhängig vom Diabetesstatus der Patienten, d.h. Nicht-Diabetiker profitierten im gleichen Maße wie Diabetiker.

Das relative Risiko für renale Endpunkte (eGFR-Abfall über 50%, terminale Nierenschwäche oder Tod aus renaler Ursache) wurde um 44% reduziert (142 vs. 243 Patienten). Das relative Risiko nur für die schwersten Nierenkomplikationen (Dialyse, Nierentransplantation, renaler Tod) sank um 34% (71 vs. 103 Patienten).

Es wurden 65 (Verum) und 80 (Placebo) Todesfälle aus kardiovaskulärer Ursache verzeichnet, dieser Unterschied war nicht signifikant. Das kombinierte Risiko für einen Tod aus kardiovaskulärer Ursache oder eine Krankenhauseinweisung wegen Herzinsuffizienz reduzierte sich hingegen signifikant um 29% (100 vs. 138 Patienten), was einmal mehr unterstreicht, dass der SGLT2-Hemmer einer Herzschwäche vorbeugt.

Reduktion der Gesamtsterblichkeit um 31%

Besonders eindrucksvoll war die Wirksamkeit auf die Gesamtsterblichkeit: Es starben 101 (Verum) und 146 (Placebo) Patienten, die relative Risikoreduktion lag bei 31% (p=0,0035).

Die Verträglichkeit der Therapie war gut. 12,8% der Patienten unter Dapagliflozin sowie 14,4% der Placebo-Patienten brachen die Therapie ab, 5,5% bzw. 5,7% davon aufgrund von Nebenwirkungen. Es wurde keine diabetische Ketoazidose unter Dapagliflozin beobachtet und auch keine schwere Hypoglykämie bei Patienten ohne Diabetes, berichtete Heerspink.

„Reduziert Nierenversagen, schützt vor Herzschwäche, verlängert das Leben“

Der von ESC bestellte offizielle Diskutant der DAPA-CKD-Studie, Prof. Diederick Grobbee von der Universität Utrecht, betonte, dass Dapagliflozin bei Patienten mit Niereninsuffizienz mit oder ohne Diabetes ebenso deutliche renoprotektive Eigenschaften zeigte wie verschiedene SGLT2-Inhibitoren zuvor in Studien bei Diabetikern mit oder ohne Niereninsuffizienz. Insgesamt zeige die Studie, dass die Therapie mit dem SGLT2-Inhibitor bei Patienten mit Nierenerkrankungen das Risiko eines Nierenversagen reduziert, vor Herzschwäche schützt und das Leben verlängert. 

Literatur

Heerspink H: DAPA-CKD - Dapagliflozin in Patients with Chronic Kidney Disease; vorgestellt bei der HOTLINE II-Session am 30.08.2020 beim ESC Congress 2020 - The Digital Experience 

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