Nachrichten 31.08.2020

Herzinsuffizienz mit erhaltener Pumpfunktion: ARNI überzeugt nicht wirklich

Sacubitril/Valsartan hat bei Patienten mit Herzinsuffizienz und erhaltener Pumpfunktion (HFpEF) erneut keinen klaren Wirksamkeitsnachweis erbracht. Für gewisse Patienten besteht dennoch Hoffnung.

Reduzierte NT-proBNP-Werte sowie eine deutliche Risikoreduktion für Herzinsuffizienz-bedingte Krankenhauseinweisungen in einer Post-hoc-Analyse, aber keine Verbesserung der Belastbarkeit oder der Lebensqualität – auf diesen Nenner lassen sich die Ergebnisse der PARALLAX-Studie mit 2.572 HFpEF-Patienten bringen, die beim ESC-Kongress 2020 online vorgestellt wurden.

„Die Ergebnisse sind konsistent mit denen der im letzten Jahr publizierten PARAGON-HF-Studie und erweitern die Evidenz eines potenziellen Nutzens des ARNI bei Patienten mit Herzinsuffizienz mit leicht reduzierter (HFmEF) oder erhaltener Ejektionsfraktion“, summierte Studienleiter Prof. Burkert Pieske, Direktor der Med. Universitätsklinik mit Schwerpunkt Kardiologie an der Charité Berlin.

Viele HFpEF-Patienten erhalten HRrEF-Medikamente

Die Hälfte aller Herzinsuffizienz-Patienten leidet an einer HFpEF. Aber im Gegensatz zur Herzinsuffizienz mit Pumpschwäche (HFrEF) gibt es derzeit keine prognostisch wirksame Therapie. Empfohlen werden Diuretika zur Symptomkontrolle und ein individualisiertes Management der Komorbiditäten, was in der Praxis dazu führt, dass viele HRpEF-Patienten eine ähnliche Therapie erhalten wie HRrEF-Patienten.

PARALLAX-Studie mit 2.572 HFpEF-Patienten

In der PARALLAX-Studie wurden deshalb Patienten rekrutiert, die bisher entweder mit ACE-Hemmern (41%), Angiotensin-Rezeptorblocker (ARB, 46%) oder einem RAAS-Blocker (13%) behandelt worden waren. Über 80% der Patienten hatten zusätzlich einen Betablocker an Bord, ein Drittel einen Mineralkortikoid-Rezeptorantagonisten (MRA).

Bei fast allen Patienten war ein Hypertonus bekannt, bei ca. 40% ein Diabetes, bei über 50% Vorhofflimmern. Das Kollektiv war im Schnitt 73 Jahre alt, die Hälfte waren Frauen. Zwei Drittel der Patienten befanden sich im NYHA-Stadium II, ein Drittel im NYHA-Stadium III, die mittlere linksventrikuläre Ejektionsfraktion (EF) betrug 57% und der NT-proBNP-Wert lag zu Studienbeginn median bei ca. 770 pg/mL.

Die Patienten wurden nach Randomisierung entweder weiter wie bisher behandelt oder von dem ACE-Hemmer/ARB auf Sacubitril/Valsartan (2 × 97/103 mg/d) umgestellt.

Heterogene Ergebnisse

Der erste koprimäre Endpunkt sei erreicht worden, so Pieske: Die NT-proBNP-Werte reduzierten sich unter Sacubitril/Valsartan nach 12 Wochen im Vergleich zur Kontrollgruppe um 16% (p<0,0001). Auf den anderen koprimären Endpunkt – die 6-Minuten-Gehstrecke nach 24 Wochen – hatte der ARNI aber keinen signifikanten Einfluss.

Die Lebensqualität im KCCQ-CSS-Score zeigte sich in der ARNI-Gruppe zwar anfänglich verbessert, doch diese Differenz verlor die Signifikanz zum vorbestimmten Zeitpunkt nach 24 Wochen. Auch bei den Veränderungen des NYHA-Stadien ergaben sich keine Differenzen.

Hoffnungsvoll stimmen die Ergebnisse einer Post-hoc-Analyse von klinischen Endpunkten. Diese hätten eine Reduktion erster Hospitalisationen wegen Herzinsuffizienz um 51% (p=0,005) sowie ein um 36% reduziertes Risiko für den kombinierten Endpunkt von Krankenhauseinweisungen wegen Herzschwäche und Tod aufgrund von Herzversagen (0=0,034) ergeben, berichtete Pieske. Auch der Verlust der Nierenfunktion wurde durch den ARNI signifikant gebremst.

Parallelen zu PARAGON-HF?

In der im letztem Jahr publizierten PARAGON-HF-Studie hatte Sacubitril/Valsartan bei 4.822 Herzinsuffizienz-Patienten mit einer EF>45% das Signifikanzniveau für einen prognostischen Nutzen nur sehr knapp verfehlt. Allerdings zeigten die Daten eine signifikante Wirksamkeit bei Patienten mit sog. mittelgradig reduzierte Pumpfunktion (45%< EF <57%) sowie bei Frauen, jedoch keinen Effekt bei Patienten mit einer EF über 57% sowie bei Männern.

Fazit: Wann der ARNI empfehlenswert ist

Diese Interaktionen konnten in der kleineren PARALLAX-Studie jetzt nicht bestätigt werden. Dennoch war sich Prof. Pieske mit dem offiziellen Diskutanten der Studie, Prof. Rudolf de Boer von der Universität Groningen, einig, dass aufgrund der aktuellen Datenlage eine Therapie mit Sacubitril/Valsartan bei Patienten mit Herzinsuffizienz gerechtfertigt sei, die auf dem Wege zu einer eingeschränkten Pumpfunktion seien.

Für Patienten mit eindeutiger HFpEF, die häufig einen kleinen, nicht dilatierten Ventrikel und eine EF von 60% und darüber aufweisen, gebe es hingegen weiterhin keine guten Therapieoptionen.

Literatur

Pieske B: PARALLAX: Sacubitril/Valsartan versus Individualized RAAS Blockade in Patients with HFpEF; vorgestellt bei der HOTLINE II-Session am 30.08.2020 beim ESC Congress 2020 - The Digital Experience 

Neueste Kongressmeldungen

Rivaroxaban bei PAVK-Patienten mit und ohne KHK von Nutzen

Zwei neue Subanalysen der VOYAGER-PAD-Studie präzisieren das Bild vom klinischen Nutzen einer Therapie mit Rivaroxaban bei Patienten mit peripherer arterieller Verschlusskrankheit (PAVK) und Revaskularisation der unteren Extremitäten.

Verdacht entkräftet: Kein Krebsrisiko durch Blutdrucksenker

Manche Blutdrucksenker stehen im Verdacht, das Risiko für bestimmte Krebsarten erhöhen zu können. Eine große Analyse räumt nun auf mit den Spekulationen, und gibt Patienten wie Ärzten Gewissheit.

Prasugrel: Strategie der „Dosis-Deeskalation“ zeigt Vorteile

Eine Strategie der „Deeskalation“, bei der die Dosis von Prasugrel nach einem Monat von 10 mg auf 5 mg reduziert wird, scheint in der antithrombotischen Therapie nach akutem Koronarsyndrom in puncto Sicherheit von Vorteil zu sein, wie eine Studie aus Südkorea nahelegt.

Neueste Kongresse

ESC-Kongress 2020

Für die diesjährige Jahrestagung der European Society of Cardiology (ESC), die ebenfalls virtuell stattfindet, werden mehrere zehntausend Teilnehmer erwartet. In diesem Dossier haben wir für Sie die wichtigsten Studien und Neuigkeiten zusammengefasst. 

PCR e-course 2020

Auch die diesjährige EuroPCR-Jahrestagung musste wegen Corona gestrichen werden – aber auch hier gab's virtuellen Ersatz: Interessierte Teilnehmer konnten sich bequem von zuhause oder der Praxis aus beim PCR e-Course 2020 über die aktuellen Entwicklungen und Innovationen in der interventionellen Herz-Kreislauf-Medizin informieren. 

Heart Failure 2020

Die Jahrestagung der Heart Failure Association ist der weltweit führende Kongress für kardiologische Experten zum Thema Herzinsuffizienz. Auch dieser Kongress fand dieses Jahr virtuell statt. Die Highlights finden Sie in diesem Kongressdossier. 

Highlights

Die Top-Studien 2020

In diesem Jahr mussten sich Ärzte Corona-bedingt auf völlig neue Diagnose- und Therapieverfahren einstellen – und auch viele Kongresse fanden gar nicht oder rein digital statt. Damit Sie trotzdem immer auf dem aktuellen Stand sind, haben wir für Sie die wichtigsten Studien aus dem Jahr 2020 zusammengefasst. 

Corona, COVID-19 & Co.

Die Ausbreitung des Coronavirus hat einschneidende Folgen auch für die Herzmedizin. Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Wann der ultradünne Stent die bessere Wahl ist

Der ultradünne Orsiro-Stent läuft dem Xience-Stent langsam den Rang ab. Beim DGK.Online-Kongress diskutieren Experten, ob und wann genau der Orsiro wirklich besser ist.

Falsche NOAK-Dosis kann fatale Folgen haben

Mehr als jeder fünfte Patient erhält in Deutschland eine von den Empfehlungen abweichende NOAK-Dosis. Eine weltweite Registerstudie verdeutlicht die Konsequenzen einer solchen Fehldosierung.

TAVI-Klappen im Vergleich: Diese Unterschiede gibt es auf lange Sicht

Selbstexpandierbar oder ballonexpandierbar? Welche TAVI-Klappe wann am besten geeignet ist, darüber herrscht mangels Daten noch immer Unsicherheit. In einer randomisierten Studie kristallisierten sich nun Unterschiede zweier Klappentypen über längere Sicht heraus. 

Aus der Kardiothek

Thorax-CT bei COVID-19-Patient – worauf zeigen die Pfeile?

Natives CT des Thorax bei einem Patienten mit COVID-19-Pneumonie (kleiner Pfeil). Was ist noch zu sehen (große Pfeile)?

Was sehen Sie im Kardio-MRT?

Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement) mit Darstellung eines Kurzachsenschnitts im mittventrikulären Bereich. Was ist zu sehen?

BNK-Webinar "Von den Toten lernen für das Leben"

Alle verstorbenen COVID-19-Patienten werden in Hamburg obduziert und häufig auch im CT  betrachtet. Rechtsmediziner Prof. Klaus Püschel gewährt einen Einblick in seine Arbeit und erläutert die Todesursachen der Patienten – mit speziellem Fokus auf das Herz.

Bildnachweise
ESC-Kongress (virtuell)/© [M] metamorworks / Getty Images / iStock | ESC
EuroPCR 2020/© ipopba / stock.adobe.com
Heart Failure 2020/© © ipopba / stock.adobe.com
Medizinische Zeitschriften/© pinkomelet / stock.adobe.com
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Thorax-CT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen)
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
BNK-Webinar/© BNK | Kardiologie.org