Nachrichten 28.08.2020

Kommt ein „plötzlicher“ Herztod gar nicht plötzlich?

Ein plötzlicher Herztod kommt offenbar häufig nicht ganz so unangekündigt wie der Name suggeriert. Eine aktuelle Registerstudie deutet an, dass sich viele Patienten vorab unwohl fühlten.

Ein plötzlicher Herztod tritt oft vermeintlich ohne Vorankündigung auf. Doch offenbar scheinen viele der betroffenen Patienten vorab vermehrt irgendwelche Beschwerden gehabt zu haben.

So hatten deutlich mehr als die Hälfte (57,8%) aller Patienten in einer dänischen Registerstudie in den letzten zwei Wochen vor dem lebensbedrohlichen Ereignis medizinischen Kontakt gehabt. Die aktuellen Daten sind auf dem diesjährigen digital präsentierten ESC-Kongress in Form eines Abstracts veröffentlicht worden.

Viele Betroffene fühlten sich vorab offenbar unwohl

Diese Ergebnisse deuteten an, dass sich viele Patienten vor dem Herzstillstand unwohl fühlten, wird Studienautorin Dr. Nertila Zylyftari aus Hellerup in Dänemark in einer ESC-Pressemitteilung zitiert. Das Ereignis scheint somit häufig gar nicht so „unerwartet“ und „plötzlich“ zu kommen wie angenommen.

Die Wissenschaftler hatten in dem Danish Cardiac Arrest-Register 28.955 Menschen ausfindig machen können, die zwischen 2001 und 2014 einen plötzlichen Herztod außerhalb der Klinik erlitten hatten.

Viele kontaktierten davor ihren Hausarzt

Differenziert nach Art des Kontakts zeigt sich, dass in dem Jahr vor dem Ereignis der Anteil der Patienten, die ihren Hausarzt kontaktierten, sehr konstant war, mit einem Anteil von 26% pro Woche. In den zwei Wochen vor dem Ereignis kam es dann zu einem deutlichen Anstieg solcher Kontakte (56%). Zum Vergleich: Von nach Alter und Geschlecht gematchten Kontrollpersonen, die keinen plötzlichen Herztod erlitten haben, kontaktierten im selben Zeitraum nur 14% ihren Hausarzt.

Krankenhäuser wurden ebenfalls deutlich häufiger aufgesucht, je näher das Ereignis heranrückte (wöchentlicher Anteil stieg von 3,5% bis 6,8% 2 Wochen vor dem Herzstillstand). In der Allgemeinbevölkerung lag der Anteil bei 2%.

Gründe für die Kontaktaufnahme sind allerdings unklar

Überrascht äußert sich Zylyftari über die Tatsache, dass die Patienten vor allem vermehrt ihren Hausarzt vor dem Ereignis kontaktiert hatten. Warum sie dies taten, darüber gibt die aktuelle Analyse allerdings keine Auskunft.

Die im Krankenhaus gestellten Diagnosen waren sehr heterogen, mit 8% und 4,5% waren ischämische Erkrankungen und Herzinsuffizienz am häufigsten; insgesamt litten 25% der Patienten, die in den zwei Wochen vor dem Ereignis ein Krankenhaus aufsuchten, an einer kardiovaskulären Erkrankung.

„Frühere Studien berichteten, dass einige Patienten vor einem Herzstillstand Beschwerden wie Kurzatmigkeit, Brustschmerzen und Palpitationen hatten und deshalb das Gesundheitssystem kontaktierten“, mutmaßt Zylyftari über die potenziellen Gründe einer Kontaktaufnahme. Ihrer Ansicht nach ist weitere Forschungsarbeit notwendig, um genau solche Warnsignale zu identifizieren, damit ein sich ankündigender Herzstillstand verhindert werden kann.  

Literatur

Zylyftari N et al. contacts to health care system prior to out-of-hospital cardiac arrest. ESC Congress 2020 - The Digital Experience, 29.08.-01.09; Abstract: 84270.

ESC-Pressemitteilung: More than half of “sudden” cardiac arrest victims had contacted health services before; veröffentlicht am 25.08.2020

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