Nachrichten 10.09.2020

Rivaroxaban bei PAVK-Patienten mit und ohne KHK von Nutzen

Zwei neue Subanalysen der VOYAGER-PAD-Studie präzisieren das Bild vom klinischen Nutzen einer Therapie mit Rivaroxaban bei Patienten mit peripherer arterieller Verschlusskrankheit (PAVK) und Revaskularisation der unteren Extremitäten.

Patienten mit symptomatischer PAVK und vorangegangener Revaskularisation von Arterien der unteren Extremitäten waren durch eine Kombi-Therapie mit Rivaroxaban in niedriger (vaskulärer) Dosierung (2 x 2,5 mg/Tag) plus ASS (100 mg/Tag) gegen PAVK-bezogene und kardiovaskuläre Ereignisse deutlich besser geschützt als durch ASS allein, hat die im März 2020 beim virtuellen ACC-Kongress vorgestellte VOYAGER-PAD-Studie gezeigt.

Eine KHK hatten 32% der Studienteilnehmer

Von den 6.564 Studienteilnehmern hatten 2067 (32%) zusätzlich zur PAVK eine KHK als Begleiterkrankung.  PAVK-Patienten mit und ohne KHK standen im Fokus der ersten neuen VOYAGER-PAD-Subanalyse, die Dr. William R. Hiatt vom University of Colorado Hospital in Aurora beim virtuellen ESC-Kongress vorgestellt hat.

Das sind ihre wichtigsten Ergebnisse:

  • Patienten mit PAVK und KHK hatten ein deutlich höheres Risiko für Herzinfarkte und ischämische Schlaganfälle als PAVK-Patienten ohne KHK.
  • Bezüglich Wirksamkeit und Sicherheit von Rivaroxaban bei PAVK erwiesen sich die Ergebnisse bei Patienten mit und ohne KHK als konsistent. Allerdings war die absolute Reduktion von Herzinfarkten und  Schlaganfällen bei PAVK plus KHK deutlich stärker als bei PAVK allein.
  • Bei PAVK-Patienten ohne KHK dominierte als Effekt die Reduktion von schwerwiegenden Gliedmaßen-bezogenen Ereignissen.

Beide Gruppen waren hinsichtlich der Patientenmerkmale sehr unterschiedlich. Patienten mit PAVK und KHK waren im Schnitt älter und wiesen häufiger Risikofaktoren wie Hypertonie, Diabetes  und Hypertonie auf, sie rauchten allerdings seltener als PAVK-Patienten ohne KHK.

Entsprechend den unterschiedlichen Risikoprofilen waren auch die Ereignisraten für den primären 5-Komponenten-Endpunkt (akute Extremitätenischämie, Major-Amputationen aus vaskulären Gründen, Myokardinfarkt, ischämischer Schlaganfall, kardiovaskulär verursachter Tod) in beiden Gruppen im Studienzeitraum (im Median 28  Monate) sehr unterschiedlich:

  • In der Placebogruppe war die Ereignisrate mit 24,3% versus 17,9% bei Patienten mit KHK deutlich höher als bei Patienten ohne KHK (absoluter Risikounterschied 6,4%).
  • Bei Patienten mit KHK war die Ereignisrate unter Rivaroxaban mit 18,1% relativ um 22% niedriger (Hazard Ratio [HR]: 0,78; 95 % Konfidenzintervall [KI]: 0,64-0,95) und
  • bei Patienten ohne KHK unter Rivaroxaban mit 16,1% relativ um 11% niedriger (HR 0,89; 95% KI: 0,77 – 1,04)
  • Die absolute Risikoreduktion war mit 5,4% versus 1,8% bei Patienten mit KHK weitaus stärker als bei Patienten ohne KHK.

Von den Komponenten des primären Endpunktes waren Herzinfarkte bei Patienten mit KHK das häufigste Ereignis, dessen Inzidenz durch Rivaroxaban  im Vergleich zu Placebo (plus ASS) relativ um 23% reduziert wurde (7,3% vs. 8,8%, HR 0,77; 95%; KI: 0,55 – 1,08) – bei einer absoluten Risikoreduktion um 1,5%. Das Risiko für Schlaganfälle war unter Rivaroxaban relativ um 25% niedriger (2,9% vs. 3,9%, HR 0,75; 95%; KI: 0,44 – 1,26).

Bei Patienten ohne KHK bestanden  bezüglich Herzinfarkte  (3,3% vs. 3,7%, HR 0,98; 95%-KI: 0,70 – 1,35) und Schlaganfälle (2,6% vs. 2,6%, HR: 0,94; 95% KI: 0,63 – 1,40) so gut wie keine Unterschiede zwischen Rivaroxaban und Placebo.

Bei Patienten ohne KHK dominierten akute Extremitätenischämien als häufigstes Ereignis, wobei deren Inzidenz durch Rivaroxaban im Vergleich zu Placebo (plus ASS) relativ um 37% reduziert wurde (5,2% vs. 8,3%, HR 0,63; 95% KI: 0,49 – 0,81) – bei einer absoluten Risikoreduktion um 3,1%. Bei Patienten mit KHK war die Inzidenz  dieser PAVK-Ereignisse unter Rivaroxaban relativ um 22% niedriger (5,4% vs. 6,5%, HR 0,78; 95% KI: 0,54 – 1,14).

Obgleich schwere Blutungen (TIMI major) unter Rivaroxaban bei Patienten mit und ohne  KHK als Begleiterkrankung numerisch häufiger waren als unter Placebo, erwiesen sich die Unterschiede als nicht statistisch signifikant.

Fokus auf akute Extremitätenischämien

In einer weiteren beim ESC-Kongress vorgestellten sekundären Analyse der VOYAGER-PAD-Studie hat eine Untersuchergruppe um die Kardiologin Dr. Connie N. Hess aus Aurora, Colorado, gezielt die akuten Extremitätenischämien als Endpunktereignisse unter die Lupe genommen. Mit einer Inzidenz von 7,8% in der Placebogruppe stellen diese PAVK-bezogenen Komplikationen die relativ am  häufigsten aufgetretene Komponente des primären Endpunktes dar.

Rivaroxaban reduzierte die Inzidenz von akuten Extremitätenischämien innerhalb von drei Jahren signifikant von 7,8% unter Placebo auf 5,2% %, (HR 0,67; 95% KI: 0,55 – 0,82, p=0,0001), wobei der präventive Effekt auf diese Komplikationen schon früh erkennbar und mit der Zeit immer stärker wurde.

Effekt wurde mit der Zeit immer stärker

Schon nach einem Monat wurde eine absolute Risikoreduktion um 0,51% und nach drei Monaten um 1,1% festgestellt, berichtete Hess. Nach sechs Monaten  war es schon eine absolute Risikoreduktion um 1,5%, die sich nach einem Jahr auf 1,7% und nach drei Jahren auf 2,6% erhöhte.

Der Nutzen von Rivaroxaban bezüglich der Reduktion von Gliedmaßen-Ischämien war im Übrigen unabhängig davon, welche Methode der Revaskularisation (chirurgisch oder endovaskulär) zuvor zur Anwendung gekommen war. Ob die Patienten zusätzlich Clopidogrel erhalten hatten oder nicht, hatte ebenfalls keinen Einfluss auf den Behandlungserfolg mit Rivaroxaban.


Literatur

Hiatt WR. et al. Rivaroxaban in PAD Patients Undergoing Lower Extremity Revascularization with and without Concomitant Coronary Disease: Insights from VOYAGER PAD, vorgestellt am 30.08.2020 beim ESC Congress 2020 - The Digital Experience 

Hess CN. et al. Reduction in Acute Limb Ischemia with Rivaroxaban versus Placebo in Peripheral Artery Disease after Lower Extremity Revascularization: Insights from VOYAGER PAD, vorgestellt am 01.09.2020 beim ESC Congress 2020 - The Digital Experience 

Bonaca MP et al. Rivaroxaban in Peripheral Arterial Disease. N Engl J Med 2020; 382:1994-2004, DOI 10.1056/NEJMoa2000052

Neueste Kongressmeldungen

Roboter senkt Strahlenbelastung bei PCI-Eingriffen deutlich

Interventionell tätige Kardiologinnen und Kardiologen sind ständig einer erhöhten Strahlenbelastung ausgesetzt. Deutlich verringern lässt sich die Exposition, wenn ein Roboter sie in der Durchführung von PCI-Prozeduren unterstützt.

Neue invasive HFpEF-Therapie besteht ersten Test

Bei HFpEF-Patienten kann eine Dekompensation auch durch eine Volumenverschiebung von extrathorakal nach thorakal ausgelöst werden. Ein Therapieansatz ist deshalb, dem ungünstigen Shift durch Modulation der Splanchnicus-Aktivität entgegenzuwirken. Erste Daten zu diesem Verfahren werden zwar als positiv bewertet, Kritik bleibt aber nicht aus.

Lungenfunktion bei COVID: Impedanz verhält sich anders als bei Herzinsuffizienz

Lungen bei COVID-Patienten können im Röntgen-Thorax aussehen wie Lungen bei Herzinsuffizienz. Die Lungenimpedanzmessung allerdings verhält sich unterschiedlich.

Neueste Kongresse

DGK-Jahrestagung 2022

„Neue Räume für kardiovaskuläre Gesundheit“ – so lautet das diesjährige Motto der 88. Jahrestagung. Alle Infos und Berichte im Kongressdossier.

ACC-Kongress 2022

Der diesjährige Kongress der American College of Cardiology findet wieder in Präsenz in Washington DC und gleichzeitig online statt. In diesem Dossier lesen Sie über die wichtigsten Studien und Themen vom Kongress.

AHA-Kongress 2021

Die wichtigsten Ergebnisse der beim amerikanischen Herzkongress AHA präsentierten  Studie lesen Sie in unserem Dossier. Bleiben Sie auf dem Laufenden.

DGK Jahrestagung 2022/© m:con/Ben van Skyhawk
ACC-Kongress 2022 in Atlanta/© SeanPavonePhoto / Getty Images / iStock
AHA-Kongress 2020 virtuell