Nachrichten 26.08.2021

Hypertonierate hat sich weltweit verdoppelt – Experten fordern Maßnahmen

Trotz großer Fortschritte in der Therapie von Bluthochdruck bleibt die Mehrheit der Betroffenen weltweit unbehandelt, zeigt eine internationale Metaanalyse mit über 100 Millionen Patienten. Experten liefern Verbesserungsvorschläge.

Die weltweite Anzahl der Menschen mit Hypertonie ist in den vergangenen 30 Jahren von rund 650 Millionen auf 1,28 Milliarden gestiegen, ergab eine globale Langzeitanalyse. Fast die Hälfte der Betroffenen weiß nichts von ihrer Erkrankung, viele werden nicht behandelt. Die von Forschern des Imperial College London und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) durchgeführte Untersuchung wurde beim Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) vorgestellt.

Ein großes internationales Forscherteam, zusammengefasst als Non-Communicable Disease Risk Factor Collaboration, analysierte Daten aus mehr als 1.200 Studien mit 104 Millionen Teilnehmern aus 184 Ländern, die 99% der Weltbevölkerung ausmachen. Die Mediziner definierten Hypertonie als systolischer Blutdruck von 140 mmHg oder höher, diastolischer Blutdruck von 90 mmHg oder höher oder die Einnahme von Bluthochdruckmedikamenten. Untersucht wurde die Prävalenz von Hypertonie sowie Fortschritte bei Erkennung, Behandlung und Kontrolle von 1990 bis 2019.

In reichen Ländern sinken Hypertonieraten eher

Die Analyse ergab, dass die Anzahl der 30- bis 79-Jährigen mit Bluthochdruck von geschätzt 331 Millionen Frauen und 317 Millionen Männern im Jahr 1990 auf 626 Millionen Frauen und 652 Millionen Männer 2019 gestiegen ist. Der größte Teil dieser Zunahme sei auf Länder mit niedrigem und mittleren Einkommen zurückzuführen, so die Forscher um den Studienleiter Prof. Majid Ezzati vom Imperial College London. In den reicheren Ländern seien die Raten eher gesunken.

Im Jahr 2019 waren die Hypertonieraten in Kanada und Peru bei Männern und Frauen am niedrigsten. In Taiwan, Südkorea, Japan, der Schweiz, Spanien, Großbritannien und weiteren westeuropäischen Ländern waren sie für Frauen am niedrigsten und in mehreren Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen wie Eritrea, Bangladesch und Äthiopien für Männer.

Insgesamt waren sich in diesem Jahr 41% der Frauen und 51% der Männer mit Hypertonie ihrer Erkrankung nicht bewusst. 53% der betroffenen Frauen und 62% der Männer wurden nicht behandelt. Weltweit konnte der Bluthochdruck bei weniger als einer von vier Frauen und einem von fünf Männern medikamentös kontrolliert werden.

Versorgung in Deutschland schneidet gut ab

Deutschland, wo die Bluthochdruckrate den Daten zufolge bei den 30- bis 79-jährigen Frauen 25% und bei den Männern 34% beträgt, gehörte zu den Ländern mit guter Versorgung von Hypertonie-Patienten. Die Behandlungs- und Kontrollraten waren 2019 in Südkorea, Kanada und Island am höchsten (Behandlung >70%, Kontrolle >50%), gefolgt von den USA, Costa Rica, Deutschland, Portugal und Taiwan. Am niedrigsten waren diese Raten dagegen in afrikanischen Ländern südlich der Sahara, Zentral-, Süd- und Südostasien und den pazifischen Inselstaaten. In vielen dieser Regionen lagen die Behandlungsraten für Frauen unter 25% und für Männer unter 20%.

Insgesamt haben sich die Behandlung- und Kontrollraten seit 1990 in den meisten Ländern verbessert, am stärksten in den Ländern mit hohem und mittleren Einkommen, darunter Costa Rica, Taiwan, Kasachstan, Südafrika, Brasilien, Chile, die Türkei und der Iran. Das liege den Forschern zufolge an einem verbesserten Zugang zu Gesundheitsversorgung und einer verstärkten Primärversorgung.

Trotz medizinischer und pharmakologischer Fortschritte über Jahrzehnte hinweg bleibe die Mehrheit der Menschen mit Bluthochdruck weltweit unbehandelt, was besonders für ärmere Länder große Nachteile habe, so die Mediziner um Majid. Um den steigenden Hypertonieraten in Ländern mit niedrigem und mittleren Einkommen entgegenzuwirken, brauche es eine Politik, die den Menschen Zugang zu gesünderen Nahrungsmitteln, Gesundheitsversorgung und Medikamenten ermögliche.

Digitale Innovation könnte Raten weltweit senken

Auch Dr. Tu Nguyen und Prof. Clara Chow von der Universität Sidney weisen in ihrem begleitenden Kommentar auf einen dringenden Bedarf an Transformation und innovativen Ansätzen hin, um die Prävalenz von Bluthochdruck weltweit zu senken. Angesichts der großen Unterschiede zwischen den Ländern müsse die lokale Umsetzung untersucht werden.

„Telemonitoring, Blutdrucküberwachung zu Hause, SMS-Erinnerungen zur Verbesserung der Adhärenz und andere digitale Gesundheitsinterventionen zur Förderung eines gesunden Verhaltens sollten in Betracht gezogen werden, um Barrieren bei der Blutdruckkontrolle zu beseitigen“, lautet ihr Vorschlag. Auch einfachere medizinische Therapien, wie zum Beispiel eine Erstbehandlung mit einer einzelnen Tablette, die eine sehr niedrig dosierte Vierfach-Kombinationstherapie enthalte, könnten Nguyen und Chow zufolge dazu beitragen.

Literatur

Ezzati M et al. Worldwide trends in hypertension prevalence and progress in treatment and control from 1990 to 2019: a pooled analysis of 1201 population-representative studies with 104 million participants. The Lancet 2021. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(21)01330-1

Nguyen T et al. Global and national high blood pressure burden and control. The Lancet 2021. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(21)01688-3

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