Nachrichten 27.08.2021

Was das Serumnatrium über das Herzinsuffizienz-Risiko aussagt

Der Serumnatriumspiegel einer Person lässt Rückschlüsse auf den Hydratationsstatus zu – und damit auch auf das Herzinsuffizienzrisiko, legt eine beim ESC-Kongress vorgestellte Studie nahe. Die beteiligten Forscher konnten auch einen kritischen Grenzwert ermitteln.

Unser Körper ist auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr angewiesen: Empfehlungen reichen von täglich 1,6 bis 2,1 Liter für Frauen und 2 bis 3 Liter für Männer. Doch viele Menschen trinken nicht annähernd so viel, haben Umfragen gezeigt. Jetzt haben US-amerikanische Forscher entdeckt, dass das langfristige Aufrechterhalten einer guten Flüssigkeitsversorgung kardiale Veränderungen, die zu Herzinsuffizienz führen, verhindern oder zumindest verlangsamen kann.

Für die beim Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) vorgestellte Studie haben Dr. Natalia Dmitrieva vom National Heart, Lung and Blood Institute in Bethesda und ihr Team die Natriumkonzentrationen im Serum von Probanden untersucht. Damit lässt sich der Hydratationsstatus feststellen: Wird wenig getrunken, steigt der Natriumspiegel im Serum – ein Zeichen, dass der Körper versucht, Wasser zu sparen, und Prozesse aktiviert, die zur Entwicklung von Herzinsuffizienz beitragen können.

Studie mit 16.000 Teilnehmern

Die Forscher analysierten, ob sich mithilfe der Serumnatriumkonzentration in der Lebensmitte – als Maß für die Trinkgewohnheiten – Vorhersagen zur Entwicklung einer Herzinsuffizienz 25 Jahre später treffen lassen. Sie untersuchten zudem den potenziellen Zusammenhang zwischen Flüssigkeitszufuhr und linksventrikulärer Hypertrophie, einer Herzinsuffizienz-Vorstufe. Es wurden knapp 16.000 Teilnehmer der ARIC-Studie (Atherosklerose Risk in Communities) einbezogen, die zu Studienbeginn zwischen 44 und 66 Jahre alt waren.

Bis sie ein Alter von 70 bis 90 Jahren erreicht hatten, fanden fünf Besuche statt. Bei den ersten beiden innerhalb der ersten drei Jahre der Nachbeobachtungszeit wurden sie basierend auf ihrer durchschnittlichen Serumnatriumkonzentration in vier Gruppen eingeteilt: 135–139,5, 140–141,5, 142–143,5 und 144–146 mmol/l. Für jede Gruppe untersuchten die Mediziner um Dmitrieva den Anteil der Personen, die beim letzten Besuch nach 25 Jahren eine Herzinsuffizienz oder linksventrikuläre Hypertrophie entwickelt hatten.

Hohe Serumnatriumwerte, hohes Herzinsuffizienzrisiko

Die Studie ergab, dass eine höhere Serumnatriumkonzentration im mittleren Alter 25 Jahre später sowohl mit Herzinsuffizienz als auch mit linksventrikulärer Hypertrophie assoziiert war. Die Korrelationen blieben auch nach Adjustierung auf Alter, Blutdruck, Nierenfunktion, Cholesterinwerte, Blutzucker, Body-Mass-Index, Geschlecht und Raucherstatus signifikant.

Jede Zunahme der Serumnatriumkonzentration um 1 mmol/l in der Lebensmitte ging mit einem um 20% gesteigerten Risiko für eine spätere linksventrikuläre Hypertrophie und einem um 11% erhöhten Risiko für eine spätere Herzinsuffizienz einher. Das Risiko für beide Erkrankungen begann zu steigen, sobald der Serumnatriumspiegel im mittleren Alter einen Wert von 142 mmol/l überschritten hatte.

Befunde könnten zur Prävention beitragen

„Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine gute Flüssigkeitszufuhr während des gesamten Lebens das Risiko für die Entwicklung von linksventrikulärer Hypertrophie und Herzinsuffizienz verringern kann“, fassen Dmitrieva und Kollegen zusammen.

Darüber hinaus könne der Befund, dass ein Serumnatriumspiegel von mehr als 142 mmol/l das Risiko für nachteilige Effekte auf das Herz erhöhe, dazu beitragen, Personen zu identifizieren, die von einer Bewertung ihres Flüssigkeitshaushalts profitieren könnten. Auch wenn diese Konzentration im Normbereich liege, könne der Wert bei Routineuntersuchungen verwendet werden, um die Flüssigkeitszufuhr zu beurteilen und damit zur Herzinsuffizienz-Prävention beizutragen, schließen die Forscher um Dmitrieva.

Literatur

Dmitrieva N: Increased risk of heart failure is associated with chronic habitual hypohydration that elevates serum sodium above 142 mmol/l suggesting lifelong optimal hydration as preventive measure, ESC Congress 2021 – The Digital Experience; 27. bis 30. August 2021

ESC-Pressemitteilung: Drinking sufficient water could prevent heart failure. 24.08.2021.

Neueste Kongressmeldungen

COVID-19 bei Athleten – das Dilemma der Sportfreigabe

Bei der vor allem für Hochleistungssportlerinnen und -sportler so wichtigen Entscheidung über die Freigabe „return to sports“ stehen Ärzte vor einem Dilemma. Einerseits will man mit Untersuchungen Sicherheit schaffen, andererseits ist die Aussagekraft einiger Befunde zweifelhaft.

ICD bei Herzinsuffizienz: Immer noch ein notwendiger Lebensretter?

Wird der implantierbare Defibrillator (ICD) angesichts einer immer besser gewordenen Therapie bei Herzinsuffizienz als Schutz vor plötzlichem Herztod noch gebraucht? Eine neue Studienanalyse legt einen Nutzen auch im Kontext einer modernen Herzinsuffizienz-Therapie zumindest nahe.

Erstmals gezeigt: Linksventrikuläre Leitungsstörungen sind vermeidbar

Linksventrikulären Leitungsstörungen lässt sich anscheinend durch eine intensive Blutdrucksenkung wirksam vorbeugen. Dafür sprechen aktuelle Ergebnisse einer Subanalyse der viel diskutierten SPRINT-Studie.

Neueste Kongresse

DGK-Jahrestagung 2022

„Neue Räume für kardiovaskuläre Gesundheit“ – so lautet das diesjährige Motto der 88. Jahrestagung. Alle Infos und Berichte im Kongressdossier.

ACC-Kongress 2022

Der diesjährige Kongress der American College of Cardiology findet wieder in Präsenz in Washington DC und gleichzeitig online statt. In diesem Dossier lesen Sie über die wichtigsten Studien und Themen vom Kongress.

AHA-Kongress 2021

Die wichtigsten Ergebnisse der beim amerikanischen Herzkongress AHA präsentierten  Studie lesen Sie in unserem Dossier. Bleiben Sie auf dem Laufenden.

Blutproben/© fotoquique / Getty Images / iStock
DGK Jahrestagung 2022/© m:con/Ben van Skyhawk
ACC-Kongress 2022 in Atlanta/© SeanPavonePhoto / Getty Images / iStock
AHA-Kongress 2020 virtuell