Nachrichten 06.09.2022

SGLT2-Hemmer: Auch in der Prävention nach Myokardinfarkt ein Gewinn?

Eine kleine Studie aus Österreich weckt Hoffnungen, dass SGLT2-Hemmer auch in der Prävention nach akutem Myokardinfarkt therapeutisch etwas bewirken könnten. Große Studien zum Nachweis eines möglichen Nutzens in diesem klinischen Kontext sind schon unterwegs.

SGLT2-Hemmer haben – zuletzt mit der beim ESC-Kongress 2022 präsentierten DELIVER-Studie – gerade erst bewiesen, dass sie bei chronischer Herzinsuffizienz sowohl im Fall einer erniedrigten als auch normalen („erhaltenen“) linksventrikulären Auswurffraktion klinisch von Nutzen sind – da ist die klinische Forschung bereits mit neuen Möglichkeiten für eine noch breitere kardiologische Nutzung dieser Wirkstoffe befasst. Ihr potenzieller Nutzen in der Sekundärprävention nach akutem Myokardinfarkt rückt nun in den Blickpunkt.

Myokardinfarkte und der damit einhergehende Verlust an kontraktilem Herzmuskelgewebe sind häufig Ausgangspunkt für die Entwicklung einer Herzinsuffizienz. Würden SGLT2-Hemmer auch in diesem Kontext therapeutisch wirksam sein? Das wollte eine österreichische Forschergruppe um Prof. Harald Sourij und Prof. Dirk von Lewinski, beide von der Medizinischen Universität Graz, in der ebenfalls beim ESC-Kongress 2022 präsentierten EMMY-Studie (EMpagliflozin in patients with acute MYocardial infarction) zumindest ansatzweise ergründen.

EMMY sollte zeigen, ob eine Behandlung mit Empagliflozin additiv zur Standardtherapie die Spiegel der kardialen Biomarkers NT-proBNP, der von prognostischer Bedeutung für künftige kardiovaskuläre Ereignisse ist, nach einem großen Myokardinfarkt stärker senkt als die Standardtherapie allein. Dieser Nachweis wurde erbracht.

NT-proBNP-Spiegel signifikant stärker gesenkt

An der Multicenter-Studie EMMY waren 476 Patientinnen und Patienten (medianes Alter: 57 Jahre) mit akutem Myokardinfarkt in Verbindung mit einer starken Kreatinkinase-Erhöhung (>800 U/l) beteiligt. Innerhalb von 72 Stunden nach perkutaner Koronarintervention (PCI) ist bei ihnen nach Zufallszuteilung eine Therapie mit Empagliflozin (10 mg/Tag) oder Placebo eingeleitet worden.

Der mediane Ausgangwert für NT-proBNP betrug 1.294 (757–2.246) pg/ml. Wie eine für Faktoren wie Ausgangs-NT-proBNP, Geschlecht und Diabetesstatus adjustierte Analyse ergab, waren die NT-proBNP-Spiegel (primärer Endpunkt) nach sechs Monaten in der Empagliflozin-Gruppe signifikant um 15% stärker gesenkt worden als in der Placebo-Gruppe (p=0,026).

Positive Effekte auch auf echokardiografische Parameter

Auch hinsichtlich echokardiografischer Parameter ergaben sich Vorteile. So war sowohl die mittlere absolute Zunahme der linksventrikulären Auswurffraktion (+1,5%, p=0,029) als auch die mittlere Reduktion des E/e’-Quotienten als Parameter der linksventrikulären diastolischen Funktion (–6,8%, p=0,015) unter Empagliflozin jeweils signifikant stärker als unter Placebo. Die linksventrikulären endsystolischen und enddiastolischen Volumina waren am Ende in der Empagliflozin-Gruppe signifikant um 7,5 ml (p=0,0003) respektive um 9,7 ml (p=0,0015) geringer als in der Placebo-Gruppe.

Sieben Studienteilnehmer mussten wegen Herzinsuffizienz stationär behandelt werden, davon drei in der Empaglifozin-Gruppe. Im Studienverlauf gab es drei Todesfälle, die zwar alle in der Empagliflozin-Gruppe auftraten, aber nach eingehender Prüfung als nicht in Bezug zur SGLT2-Hemmer-Therapie stehend beurteilt wurden.

Große Postinfarkt-Studien mit zwei SGLT2-Hemmern laufen

Mit dem Nachweis eines günstigen Effekts von Empagliflozin auf einen Surrogatmarker der Herzinsuffizienz nach Myokardinfarkt ist das Ziel der EMMY-Studie erreicht worden.  Ein erster Schritt in eine neue Richtung ist damit gemacht. Um als Studie zuverlässige Informationen zur Wirkung auf klinische Ereignisse liefern zu können, ist EMMY allerdings viel zu klein. Da braucht es Studien anderen Kalibers – die bereits unterwegs sind.

Für die Teilnahme an den laufenden Studien DAPA-MI und EMPACT-MI sollen jeweils rund 6.500 Patientinnen und Patienten mit akutem Myokardinfarkt und Anzeichen für eine linksventrikuläre Dysfunktion gewonnen werden. Primär wird geprüft, ob eine SGLT2-Hemmer-Therapie – zum einen mit Dapagliflozin, zum anderen mit Empagliflozin – geeignet ist, den kombinierten Endpunkt aus kardiovaskulärer Mortalität und Klinikeinweisungen wegen Herzinsuffizienz in der Postinfarktphase im Vergleich zu Placebo substanziell zu reduzieren. Beide Studien könnten Schätzungen zufolge schon 2023 zum Abschluss kommen.

Literatur

Sourij H: Empagliflozin in patients with acute myocardial infarction. Latest science in pharmacotherapy, ESC Congress 2022, 26. – 29. August 2022 in Barcelona

Dirk von Lewinksi et al. Empagliflozin in acute Myocardial Infarction: the EMMY trial. Eur Heart J 2022; https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehac494 

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