Nachrichten 22.08.2022

ESC-Herzkongress 2022: Diese neuen Studien stehen im Blickpunkt!

Zehn „Hotline“-Sitzungen mit insgesamt 37 Präsentationen – das Angebot an neuen, für die Praxis potenziell wichtigen Studien ist beim diesjährigen Kongress der europäischen Kardiologengesellschaft ESC (26.– 29. August 2022, Barcelona) außerordentlich groß. Hier eine Vorschau auf ausgewählte „heiße“ Studien.

Los geht es in der ersten „Hotline“-Sitzung mit der von der British Heart Foundation gesponsorten TIME-Studie. Sie soll Aufschluss darüber geben, ob die abendliche Einnahme von Antihypertensiva für Patientinnen und Patienten mit Bluthochdruck grundsätzlich vorteilhafter ist als die Einnahme am Morgen. Die Studie ist zugleich ein Test auf die Machbarkeit einer in ihrem Ablauf weitgehend über eine eigene Website organisierten „Online-Studie“.

„Polypill“-Strategie erstmals in der Sekundärprävention getestet

Es folgt die mit EU-Mitteln unterstützte SECURE-Studie. SECURE ist die erste Studie, in der erstmals die klinische Wirksamkeit einer Triple-Fixkombination („Polypill“) aus Plättchenhemmer, Statin und ACE-Hemmer (ASS, Atorvastatin, Ramipril) in der Sekundärprävention nach Myokardinfarkt im Vergleich zur Standardtherapie (separate Einnahme der drei Wirkstoffe) geprüft worden ist. An der in sieben europäischen Ländern einschließlich Deutschland durchgeführten Studie, die eine relative Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse durch die „Polypill“-Strategie belegen soll, waren rund 3.200 Patientinnen und Patienten (65 Jahre oder älter) mit Herzinfarkt in der Vorgeschichte beteiligt.

Erweiterte Screening-Strategie bei älteren Menschen geprüft

Um die Optimierung des kardiovaskulären Screenings in der älteren Bevölkerung geht es in der DANCAVAS-Studie. Bei 45.000 männlichen Einwohnern Dänemarks im Alter zwischen 64 und 74 Jahren sollte geklärt werden, ob sich deren Lebenserwartung durch einen routinemäßigen umfangreicheren Gesundheitscheck verbessern lässt. Nach Randomisierung sollte ein Drittel der Teilnehmer einem solchen Check unterzogen werden.

Er umfasste eine CT-Untersuchung auf Koronarkalk und mögliche Aorten- oder Ilikalaneurysmen, eine Messung des Knöchel/Arm-Indexes, ein telemetrisches Hezrhythmus-Monitoring sowie eine Cholesterin- und Glukose-Messung. Die dänische Studiengruppe hofft, mit dieser Screening-Strategie die Gesamtmortalität im Vergleich zur Kontrollgruppe ohne entsprechenden Check um etwa 5% senken zu können.

Neues zur Therapie bei akuter Herzinsuffizienz und bei Herzstillstand

In der randomisierten ADVOR-Studie ist eine europäische Untersuchergruppe der Frage nachgegangen, inwieweit der Wirkstoff Acetazolamid dafür geeignet ist, bei akuter Herzinsuffizienz in Kombination mit einem Schleifendiuretikum die Volumenüberladung zu beseitigen. Primärer Endpunkt der Studie, für die mehr als 500 Patientinnen und Patienten rekrutiert werden sollten, ist eine erfolgreiche Dekongestion am dritten Tag nach Klinikaufnahme.

Um die bestmögliche Versorgung von reanimierten komatösen Patienten mit Herzstillstand (OHCA: out-of-hospital cardiac arrest) geht in der in zwei Präsentationen beim ESC-Kongress vorgestellten BOX-Studie. In dieser randomisierten Studie sind jeweils zwei „targets“ sowohl für den Blutdruck als auch für die Oxygenierung verglichen worden.

Erste randomisierte Studie zum Nutzen der PCI bei ischämischer Kardiomyopathie

Besonderes Augenmerk dürfte auf die beim ESC-Kongress erwartete REVIVED-Studie gerichtet sein. Sie ist die erste randomisierte kontrollierte Studie, die den möglichen klinischen Nutzen einer Revaskularisation durch perkutane Koronarintervention (PCI) additiv zur optimalen medikamentösen Therapie speziell bei ischämisch Kardiomyopathie, also bei KHK-Patienten mit deutlich erniedrigter linksventrikulärer Auswurffraktion mit oder Herzinsuffizienz-Symptome, untersucht hat.

Im Praxisalltag wird sich mittlerweile häufig für eine PCI als Revaskularisationsmethode bei ischämischer Kardiomyopathie entschieden. Eine Expertengruppe hat allerdings erst jüngst in einer Übersicht darauf aufmerksam gemacht, dass die dieser Praxis zugrunde liegende wissenschaftliche Evidenz derzeit äußerst begrenzt ist.

Die REVIVED-Studie ist nun ein erster Schritt, die einschlägige Datenlage zu verbessern. In dieser Studie sollte bei rund 700 KHK-Patienten mit eingeschränkter linksventrikulärer Funktion (Auswurffraktion 35% oder niedriger) untersucht werden, ob eine PCI zusätzlich zur bestmöglichen Pharmakotherapie von additivem Nutzen ist. In internationalen Leitlinien wird eine PCI bei ischämischer Kardiomypathie derzeit noch mit einer gewissen Zurückhaltung empfohlen. Ob REVIVED daran etwas ändert, wird sich zeigen.

Erfolgsgeschichte der SGLT2-Hemmer bei Herzinsuffizienz geht weiter

Auch auf dem ESC-Kongress 2022 wird der Erfolgsgeschichte der SGLT2-Hemmer bei Herzinsuffizienz wohl ein weiteres Kapitel hinzugefügt. Viel Aufmerksamkeit wird sicherlich die DELIVER-Studie auf sich ziehen. Nach EMPEROR-Preserved mit Empagliflozin ist sie die zweite große Studie, in der ein SGLT2-Hemmer – in diesem Fall Dapagliflozin – bei Patienten mit Herzinsuffizienz und „leicht reduzierter“ bzw. „erhaltener“ Auswurffraktion (HFmrEF bzw. HFpEF) untersucht worden ist. Laut einer Topline-Ankündigung ist das Studienziel, das Risiko für kardiovaskuläre Todesfälle und Klinikeinweisungen wegen Herzinsuffizienz mit Dapagliflozin signifikant zu senken, erreicht worden.

Mit der DELIVER-Studie werden mit ziemlicher Sicherheit die Voraussetzungen dafür erfüllt sein, dass SGLT2-Hemmer als erste Wirkstoffklasse überhaupt in den Leitlinien künftig eine Klasse-I-Empfehlung für die Behandlung der Herzinsuffizienz des HFpEF-Typs erhalten. Die Basis dieser Empfehlung wird unter anderem eine präspezifizierte Metaanalyse von gepoolten Daten der DELIVER und EMPEROR-Preserved-Studie sein, deren Ergebnisse auf derselben „Hotline“-Sitzung vorgestellt werden.

Eine dort ebenfalls präsentierte Analyse gepoolter Daten der DAPA-HF- und DELIVER-Studie wird zudem zum Aufschluss über die klinische Wirksamkeit des SGLT2-Hemmers Dapagliflozin über das gesamte Spektrum der linksventrikulären Auswurffraktion bei Herzinsuffizienz geben.

Taugt Gichtmittel zur kardiovaskulären Prävention?

Zum „Hotline“-Programms des ESC-Kongress zählt auch die ALL-HEART-Studie. Sie soll die definitive Antwort auf die Frage geben, ob das Gichtmittel Allopurinol auch dafür taugt, bei Patienten mit KHK kardialen Ereignissen vorzubeugen. In die Studie sind an Zentren im Vereinigten Königreich rund 6.000 Patientinnen und Patienten mit Koronarerkrankung aufgenommen worden.

Rivaroxaban bei rheumatischem Vorhofflimmern

Rheumatische Herzerkrankungen sind vor allem in weniger entwickelten Ländern noch immer ein Problem. Patientinnen und Patienten mit rheumatischem Vorhofflimmern und erhöhtem Schlaganfallrisiko (Mitralstenose, linksatrialer Thrombus oder CHA2DS2VASc-Score ≥2) stehen im Fokus der randomisierten INVICTUS-Studie, die an 138 Zentren in 23 Ländern Afrikas, Asiens und Südamerikas durchgeführt worden ist.

Geklärt werden sollte, ob bei dieser speziellen Patientengruppe Rivaroxaban als Antikoagulans in puncto Wirksamkeit und Sicherheit einem Vitamin-K-Antagonisten nicht unterlegen (oder überlegen) ist. Den primären Wirksamkeitsendpunkt bilden Schlagabfälle und systemische Embolien. An der Studie waren mehr als 4.500 Patientinnen und Patienten mit rheumatischem Vorhofflimmern beteiligt.

Neue Antithrombotika: Ist das Blutungsrisiko noch ein Thema?

Mehr Informationen wird es beim ESC-Kongress auch zu innovativen antithrombotischen Therapien geben. So sind zwei neue Studien aus dem Phase-II-Programm PACIFIC mit dem Faktor-XIa-Hemmer Asundexian in die „Hotline“-Präsentationen aufgenommen worden.

Mit dem Wirkprinzip der Faktor-XIa-Hemmung ist die Hoffnung verknüpft, thrombotischen Ereignisse ohne Zunahme des Blutungsrisikos vorbeugen zu können. Die Studien PACIFIC-AMI und PACIFIC-STROKE werden zeigen, ob Asundexian bei Patienten mit Myokardinfarkt respektive ischämischem Schlaganfall diesen Erwartungen gerecht geworden ist. Jüngst beim ACC-Kongress 2022 vorgestellte Ergebnisse der PACIFIC-AC-Studie haben jedenfalls Hoffnungen auf ein günstigeres Nutzen/Risiko-Profil dieses Faktor-XIa-Hemmers bestärkt.

Mit AXIOMATIC-SSP steht auch eine neue Studie zur Wirksamkeit des Faktor-XIa-Hemmers Milvexian in der Sekundärprävention nach Schlaganfall auf dem „Hotline“-Programm. Auch Milvexian hat sich bereits in einer randomisierten Studie (AXIOMATC-TKR) in der Thromboseprophylaxe nach Kniegelenks-OP als sehr effektiv erwiesen – bei im Vergleich zu Enoxaparin niedrigerem Blutungsrisiko.

Vier neue ESC-Leitlinien

Damit nicht genug. Auch vier neue ESC-Leitlinien zu den Themen ventrikuläre Arrhythmien und plötzlicher Herztod, kardiovaskuläres Management bei nicht-kardialen Operationen sowie Kardio-Onkologie und Pulmonale Hypertonie sollen in Barcelona vorgestellt werden.


Info

Wir berichten live vom ESC-Kongress. Alle Neuigkeiten findet Ihr in unserem Kongress-Dossier.


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Statintherapie: Vergleich von zwei Strategien bleibt ohne Sieger

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DGK.Herztage 2022

Vom 29.9.-1.10.2022 finden die DGK.Herztage in Bonn statt.

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Hier finden Sie die Highlights der Transcatheter Cardiovascular Therapeutics (TCT) Conference 2022, der weltweit größten Fortbildungsveranstaltung für interventionelle Kardiologie. 

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„Neue Räume für kardiovaskuläre Gesundheit“ – so lautet das diesjährige Motto der 88. Jahrestagung. Alle Infos und Berichte im Kongressdossier.

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