Nachrichten 30.08.2022

SGLT2-Hemmung: Das neue Fundament der Herzinsuffizienz-Therapie

SGLT2-Hemmer sind die einzigen Arzneimittel, die bei Herzinsuffizienz über die gesamte Bandbreite der linksventrikulären Auswurffraktion nachweislich von prognoseverbesserndem Nutzen sind. Wie groß dieser Nutzen ist, verdeutlichen zwei neue Metaanalysen.

Die ursprünglich als Antidiabetika entwickelten SGLT2-Hemmer sind in relativ kurzer Zeit zu einer Herzinsuffizienz-Therapie mit sehr solider wissenschaftlichen Datenbasis avanciert. Bei Herzinsuffizienz mit reduzierter linksventrikulärer Ejektionsfraktion (LVEF ≤40% = HFrEF) haben sie auf Grundlage von Studien wie DAPA-HF und EMPEROR-Reduced inzwischen den Status einer etablierten Standardtherapie mit Klasse-IA-Empfehlung in den Leitlinien erlangt.

Bei Herzinsuffizienz mit „mild reduzierter“ (LVEF 41–49% = HFmrEF) oder weitgehend normaler („erhaltener“) Auswurffraktion (LVEF ≥50% = HFpEF) lag mit EMPEROR-Preserved bislang nur eine große randomisierte Studie vor. Mit der beim ESC-Kongress 2022 aktuell vorgestellten DELIVER-Studie ist nun auch die Datenbasis zum Nutzen der SGLT2-Hemmer bei HFmrEF und HFpEF konsolidiert worden. 

Die Autoren künftiger Leitlinien werden deshalb ab sofort über eine mögliche Klasse-IA-Empfehlung für SGLT2-Hemmer wie Empagliflozin und Dapagliflozin auch bei Herzinsuffizienz mit LVEF >40% nachdenken müssen.

Wie massiv derzeit die klinische Erforschung dieser Wirkstoffgruppe betrieben wird, verdeutlicht unter anderem die Tatsache, dass Analysen von Daten der DELIVER-Studie ihren Niederschlag in nicht weniger als elf simultan zum ESC-Kongress erschienenen Publikationen in diversen Fachjournalen gefunden haben – ein wahrer publizistischer DELIVER-Tsunami!

Daten von mehr als 12.000 Patienten als Basis

Trotz ihrer Größe konnten die Studien EMPEROR-Preserved und DELIVER jeweils für sich nicht alle Fragen zum Wirkprofil der SGLT2-Hemmer bei Herzinsuffizienz des HFmrEF- und HFpEF-Typs beantworten. Eine internationale Expertengruppe um Dr. Muthiah Vaduganathan vom Brigham and Women’s Hospital, Harvard Medical School in Boston, hat deshalb schon vor Entblindung der DELIVER-Studie eine Metaanalyse der gepoolten Daten beider Studien geplant. Vaduganathan hat die Ergebnisse in einer „Hotline“-Sitzung beim ESC-Kongress 2022 vorgestellt.

In die Metaanalyse sind Daten von insgesamt 12.251 an beiden Studien beteiligten Patientinnen und Patienten mit Herzinsuffizienz und LVEF >40% eingeflossen. Auf dieser erweiterten Grundlage lassen sich Fragen etwa zum Effekt auf die kardiovaskuläre Mortalität oder zur Wirkung in Subgruppen zuverlässiger beantworten.

Risikoreduktion um 20% beim primären Endpunkt

Das sind die im Hinblick auf diverse klinische Endpunkte im Vergleich zu Placebo ermittelten Ergebnisse:

  • Die Inzidenz der Ereignisse kardiovaskulärer Tod und erstmalige Hospitalisierung wegen Herzinsuffizienz (primärer kombinierter Endpunkt) wurde durch die SGLT2-Hemmung signifikant um 20% reduziert (Hazard Ratio, HR: 0,80; 95%-KI: 0,73–0,87, p<0,0001).
  • Die Metaanalyse ergab konsistente Reduktionen für beide Endpunktkomponenten, wobei die kardiovaskuläre Mortalität relativ um 12% und statistisch nicht signifikant verringert wurde (HR: 0,88; 95% KI: 0,77–1,00, p=0,052).
  • Für Klinikeinweisungen wegen Herzinsuffizienz resultierte eine signifikante relative Reduktion um 26% (HR: 0,74; 95% KI: 0,67–0,83, p<0,0001).
  • Unabhängig davon, ob die LVEF in Bereich zwischen 41% bis 49%, 50% bis 59% oder ≥60% lag, ergaben sich in allen drei Subgruppen jeweils signifikante relative Reduktionen für den primären Endpunkt um rund 20%.

Für insgesamt 13 analysierte Subgruppen fand sich keine signifikante Heterogenität bezüglich des Effekts auf den primären Endpunkt – sprich: Die Wirkung der SGLT2-Hemmer war über alle Subgruppen hinweg konsistent. Auch ein signifikanter positiver Effekt der SGLT2-Hemmer auf den Gesundheitsstatus und die Lebensqualität der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer wird durch die Metaanalyse auf breiterer Datenbasis bestätigt.

Zweite Metaanalyse auf fünf randomisierte Studien erweitert

Im nächsten Schritt hat die Gruppe um Vaduganathan ihre Metaanalyse um drei Studien bei Patienten mit HFrEF (DAPA-HF, EMPEROR-Reduced und SOLOIST-WHF) erweitert. Die nun das gesamte LVEF-Spektrum bei Herzinsuffizienz abdeckende Metaanalyse stützt sich auf Daten von 21.947 Studienteilnehmerinnen und -teilnehmern mit HFrEF, HFmrEF oder HFpEF.

Das ist der auf dieser Analyse für SGLT2-Hemmer im Vergleich zu Placebo ermittelte klinische Nutzen:

  • Die Inzidenz der Ereignisse kardiovaskulärer Tod und Hospitalisierung wegen Herzinsuffizienz wurde durch die SGLT2-Hemmung signifikant um 23% reduziert (HR: 0,77; 95% KI: 0,72–0,82, p<0,0001).
  • Im Hinblick auf Klinikeinweisungen wegen Herzinsuffizienz betrug die relative Risikoreduktion 28% (HR: 0,72; 95% KI: 0,67–0,78, p<0,0001).
  • Die kardiovaskuläre Mortalität wurde der erweiterten Metaanalyse zufolge signifikant um 13% reduziert (HR: 0,87; 95% KI: 0,79–0,95, p=0,002).
  • Für die Gesamtmortalität ergab sich eine Reduktion um 8%, die sich ebenfalls als statistisch signifikant erwies (HR: 0,92; 95% KI: 0,86–0,99, p=0,025).

In den präsentierten Metaanalysen sei die Gesamtheit der derzeitigen Evidenz für die Behandlung mit SGLT2-Hemmer bei Herzinsuffizienz zusammengefasst, betonte Vaduganathan. Ihre Ergebnisse zeigten, dass diese Therapie das Leben verlängert, die Morbidität verringert und den Gesundheitsstatus verbessern. Das spricht nach Ansicht von Vaduganathan sehr dafür, SGLT2-Hemmer als grundlegende Therapie bei allen Patienten mit Herzinsuffizienz unabhängig von deren Phänotyp und vom Versorgungskontext (stationär oder ambulant) einzusetzen.

Literatur

Vaduganathan M: A Pre-Specified Meta-Analysis of DELIVER and EMPEROR-Preserved. Hotline-Session 4, ESC Congress 2022, 26. – 29. August, Barcelona

Vaduganathan M. et al. SGLT-2 inhibitors in patients with heart failure: a comprehensive meta-analysis of five randomised controlled trials. Lancet 2022. DOI: https://doi.org/10.1016/S0140-6736(22)01429-5

Neueste Kongressmeldungen

Booster für Bivalirudin bei radialen STEMI-Interventionen

Die BRIGHT-4 Studie rückt den Thrombin-Blocker Bivalirudin zurück in den Fokus. Bei STEMI-Interventionen über einen radialen Zugang wurde ein kombinierter Endpunkt aus Gesamtsterblichkeit und schwerer Blutung im Vergleich zu Heparin um ein Viertel reduziert.

Kardiogener Schock: Was nützt frühe ECMO?

Patienten mit kardiogenem Schock, bei denen früh eine ECMO-Therapie begonnen wird, haben hinsichtlich Reanimationsbedürftigkeit und Gesamtmortalität keinen Vorteil gegenüber Patienten, bei denen die Indikation zur mechanischen Kreislaufunterstützung später gestellt wird.

Welche Antikoagulation bei Dialyse-Patienten mit Vorhofflimmern?

Apixaban scheint in der Antikoagulation bei Patienten mit dialysepflichtigem Nierenversagen und Vorhofflimmern ebenso wirksam und sicher zu sein wie ein Vitamin-K-Antagonist. Das legen Ergebnisse der deutschen AXADIA-AFNET-8-Studie nahe.

Neueste Kongresse

DGK.Herztage 2022

Vom 29.9.-1.10.2022 finden die DGK.Herztage in Bonn statt.

TCT-Kongress 2022

Hier finden Sie die Highlights der Transcatheter Cardiovascular Therapeutics (TCT) Conference 2022, der weltweit größten Fortbildungsveranstaltung für interventionelle Kardiologie. 

DGK-Jahrestagung 2022

„Neue Räume für kardiovaskuläre Gesundheit“ – so lautet das diesjährige Motto der 88. Jahrestagung. Alle Infos und Berichte im Kongressdossier.

Highlights

Myokarditis – eine tödliche Gefahr

In der vierten Ausgabe mit Prof. Andreas Zeiher geht es um die Myokarditis. Der Kardiologe spricht über Zusammenhänge mit SARS-CoV-2-Infektionen und COVID-19-Impfungen und darüber, welche Faktoren über die Prognose entscheiden.

Podcast: Plötzlicher Herztod im Sport

In der dritten Ausgabe mit Prof. Martin Halle geht es um den Plötzlichen Herztod im Sport. Warum trifft es ausgerechnet Leistungssportler, warum überwiegend Männer? Und gibt es einen Zusammenhang mit SARS-CoV-2-Infektionen?

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Familiäre Hypercholesterinämie: Guter Lebensstil kann „schlechte“ Gene kompensieren

Auch für Menschen mit einer familiären Hypercholesterinämie lohnen sich Lebensstilmaßnahmen, bekräftigt eine aktuelle Analyse. Denn das erhöhte Herzrisiko durch „schlechte Gene“ kann offenbar durch einen guten Lebensstil abgeschwächt werden.

Hilft eine Ablation auch gegen Reflexsynkopen?

Es gibt kaum wirksame Therapien gegen vasovagale Synkopen. Jetzt hat eine spezielle Ablationsprozedur in einer randomisierten Studie Wirkung gezeigt, das macht Hoffnung – zumindest für eine gewisse Patientenpopulation.

Vorhofflimmern: Ablation hilft Männern und Frauen gleichermaßen

Im Fall von Vorhofflimmern machen die Symptome Frauen zumeist mehr zu schaffen als Männern. Wie bei Männern verbessert eine Katheterablation auch bei Frauen die Lebensqualität in stärkerem Maß als eine medikamentöse Therapie, zeigt eine neue Analyse der CABANA-Studie.

Aus der Kardiothek

Therapie der akuten Herzinsuffizienz – Wann und womit starten

Nach Dekaden des Stillstandes wurden in der letzten Zeit einige Fortschritte in der Therapie der Herzinsuffizienz gemacht. Welche das sind, und wie diese in der Praxis umgesetzt werden sollten, erläutert Prof. Christine Angermann in diesem Video.

Hypertonie und Dyslipidämie - einfach gemeinsam behandeln

Hypertonie und Hypercholesterinämie treten oft gemeinsam auf. Prof. Ralf Dechend stellt in diesem Video neue Strategien zum Umfang mit diesen kardiovaskulären Risikofaktoren vor.

Systematisches Vorhofflimmern-Screening in Risikopopulation: sinnvoll und machbar

Wearables eröffnen ganz neue Perspektiven für das Vorhofflimmern-Screening. Doch wie sinnvoll ist der Einsatz eines solchen Screenings? Und inwiefern können Patienten davon tatsächlich profitieren? Prof. Ralf Birkemeyer gibt Antworten.

DGK.Herztage 2022/© DGK
TCT-Kongress 2022/© mandritoiu / stock.adobe.com
DGK Jahrestagung 2022/© m:con/Ben van Skyhawk
Podcast-Logo/© Springer Medizin Verlag GmbH (M)
Podcast-Logo
kardiologie @ home/© BNK | Kardiologie.org