Nachrichten 26.08.2022

Einnahme von Blutdrucksenkern: Die Tageszeit ist egal!

Sollten Ärzte ihren Patientinnen und Patienten dazu raten, Blutdruckmedikamente besser abends statt morgens einzunehmen? Gewisse Überlegungen scheinen dafür zu sprechen. Doch eine randomisierte Studie zeigt jetzt: Der Einnahmezeitpunkt ist egal!

Es ist offenbar egal, ob Menschen ihre Blutdrucksenker morgens oder abends einnehmen. In der großen randomisieren TIME-Studie hatte der Einnahmezeitpunkt keinen Einfluss auf die kardiovaskuläre Prognose der Patienten.

„Patienten können ihre Blutdrucktabletten einnahmen, wie es ihnen passt“, lautet deshalb die klare Botschaft des Studienautors Prof. Thomas MacDonald, University of Dundee, der die Ergebnisse beim ESC-Kongress in Barcelona in einer Hotline-Session präsentierte.

Vieles sprach für einen positiven Ausgang

Wie der britische Kardiologe beim Kongress ausführte, gab es im Vorfeld der TIME-Studie durchaus Anzeichen, die dafür sprachen, dass eine abendliche Medikamenteneinnahme für Blutdruckpatienten Vorteile mit sich bringt. So wirkte sich ein erhöhter nächtlicher Blutdruck oder ein fehlendes Absinken des Blutdrucks in der Nacht („Nondipper“) in Studien negativ auf die Prognose der Patienten aus. Diese Beobachtung führte zu der Überlegung, Blutdrucksenker abends einzunehmen, damit der Blutdruck im Schlaf stärker abfällt (was sich in Studien gezeigt hat) und die Prognose dadurch verbessert wird. In einer 2019 publizierten, randomisierten Studie aus Spanien hat sich diese Annahme tatsächlich bewahrheitet: Hypertonie-Patienten, die ihre Medikamente abends eingenommen hatten, wiesen ein deutlich niedrigeres Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen auf als jene, die ihre Pillen am Morgen zu sich geführt hatten.

Doch das Ergebnis von TIME ist neutral

Umso enttäuschender sind die gerade bekanntgegebenen Ergebnisse der TIME-Studie. Ganze 21.104 an Bluthochdruck erkranke Patientinnen und Patienten wurden für die Studie randomisiert: Die eine Hälfte sollte ihre Blutdrucksenker morgens (6 bis 10 Uhr), die andere abends (20 bis 24 Uhr) einnehmen. Im Mittel gut fünf Jahre lang wurden die Teilnehmer nachverfolgt. Die Studie wurde dezentralisiert in Großbritannien durchgeführt.

Während des Studienzeitraums kam es in beiden Gruppen vergleichbar oft zu Herzinfarkten, Schlaganfällen und vaskulär bedingten Todesfällen ­- der primäre Endpunkt der Studie - insgesamt ereilte 752 Patienten ein solches Ereignis. In der Intention-to-Treat-Analyse zeigte sich kein Unterschied zwischen beiden Gruppen (Hazard Ratio, HR: 0,95). Auch bei den sekundären Endpunkten war nach Angaben MacDonalds „nichts zu sehen“. Ebenso wenig ließ sich irgendeine Subgruppe ausmachen, die von der abendlichen Einnahme profitiert hat, auch Patienten, die neben dem Bluthochdruck noch an einem Diabetes litten, waren keine „Nutznießer“ davon.

Er sei von dem neutralen Ergebnis überrascht gewesen, erzählte MacDonald beim ESC über seine eigene Reaktion. „Aber wir haben nichts finden können“, machte er nochmals deutlich.

Lag‘s an der mangelnden Adhärenz?

Als positive Nachricht lässt sich immerhin noch der Umstand auslegen, dass eine abendliche Einnahme in der TIME-Studie nicht geschadet hat. Stürze kamen bei abendlicher Einnahme sogar etwas seltener vor als bei morgendlicher Einnahme (21,1% vs. 22,2%, P=0,05). Sonst gab es keine Unterschiede bei den dokumentierten Sicherheitsparametern.  

Die anschließende Diskutantin der Studie, Prof. Rhian Touyz von der Mcgill University in Montreal, gab noch zu bedenken, dass die Adhärenz in der Studie womöglich ein Thema sei. 22,5% der Patienten aus der Gruppe mit morgendlicher Einnahme haben angegeben, zumindest einmal ihre Medikamente nicht im vorgegebenen Zeitraum eingenommen zu haben, in der Gruppe mit abendlicher Einnahme traf das auf 39,0% zu (p˂0,0001). Von außen kontrolliert wurde die Compliance nicht. „Ich denke nicht, dass die Adhärenz so schlecht gewesen war“, entgegnete MacDonald darauf. Der britische Kardiologe sieht daher keinen wirklichen Anlass, die Ergebnisse seiner Studie anzuzweifeln: „Das ist das Ergebnis“, beendete er die Diskussion. 

Literatur

MacDonald T: TIME - The Treatment in Morning versus Evening study, Hotline-Session 1, ESC Congress 2022, 26. bis 29. August in Barcelona

Neueste Kongressmeldungen

Booster für Bivalirudin bei radialen STEMI-Interventionen

Die BRIGHT-4 Studie rückt den Thrombin-Blocker Bivalirudin zurück in den Fokus. Bei STEMI-Interventionen über einen radialen Zugang wurde ein kombinierter Endpunkt aus Gesamtsterblichkeit und schwerer Blutung im Vergleich zu Heparin um ein Viertel reduziert.

Kardiogener Schock: Was nützt frühe ECMO?

Patienten mit kardiogenem Schock, bei denen früh eine ECMO-Therapie begonnen wird, haben hinsichtlich Reanimationsbedürftigkeit und Gesamtmortalität keinen Vorteil gegenüber Patienten, bei denen die Indikation zur mechanischen Kreislaufunterstützung später gestellt wird.

Welche Antikoagulation bei Dialyse-Patienten mit Vorhofflimmern?

Apixaban scheint in der Antikoagulation bei Patienten mit dialysepflichtigem Nierenversagen und Vorhofflimmern ebenso wirksam und sicher zu sein wie ein Vitamin-K-Antagonist. Das legen Ergebnisse der deutschen AXADIA-AFNET-8-Studie nahe.

Neueste Kongresse

DGK.Herztage 2022

Vom 29.9.-1.10.2022 finden die DGK.Herztage in Bonn statt.

TCT-Kongress 2022

Hier finden Sie die Highlights der Transcatheter Cardiovascular Therapeutics (TCT) Conference 2022, der weltweit größten Fortbildungsveranstaltung für interventionelle Kardiologie. 

DGK-Jahrestagung 2022

„Neue Räume für kardiovaskuläre Gesundheit“ – so lautet das diesjährige Motto der 88. Jahrestagung. Alle Infos und Berichte im Kongressdossier.

Highlights

Myokarditis – eine tödliche Gefahr

In der vierten Ausgabe mit Prof. Andreas Zeiher geht es um die Myokarditis. Der Kardiologe spricht über Zusammenhänge mit SARS-CoV-2-Infektionen und COVID-19-Impfungen und darüber, welche Faktoren über die Prognose entscheiden.

Podcast: Plötzlicher Herztod im Sport

In der dritten Ausgabe mit Prof. Martin Halle geht es um den Plötzlichen Herztod im Sport. Warum trifft es ausgerechnet Leistungssportler, warum überwiegend Männer? Und gibt es einen Zusammenhang mit SARS-CoV-2-Infektionen?

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Familiäre Hypercholesterinämie: Guter Lebensstil kann „schlechte“ Gene kompensieren

Auch für Menschen mit einer familiären Hypercholesterinämie lohnen sich Lebensstilmaßnahmen, bekräftigt eine aktuelle Analyse. Denn das erhöhte Herzrisiko durch „schlechte Gene“ kann offenbar durch einen guten Lebensstil abgeschwächt werden.

Hilft eine Ablation auch gegen Reflexsynkopen?

Es gibt kaum wirksame Therapien gegen vasovagale Synkopen. Jetzt hat eine spezielle Ablationsprozedur in einer randomisierten Studie Wirkung gezeigt, das macht Hoffnung – zumindest für eine gewisse Patientenpopulation.

Vorhofflimmern: Ablation hilft Männern und Frauen gleichermaßen

Im Fall von Vorhofflimmern machen die Symptome Frauen zumeist mehr zu schaffen als Männern. Wie bei Männern verbessert eine Katheterablation auch bei Frauen die Lebensqualität in stärkerem Maß als eine medikamentöse Therapie, zeigt eine neue Analyse der CABANA-Studie.

Aus der Kardiothek

Therapie der akuten Herzinsuffizienz – Wann und womit starten

Nach Dekaden des Stillstandes wurden in der letzten Zeit einige Fortschritte in der Therapie der Herzinsuffizienz gemacht. Welche das sind, und wie diese in der Praxis umgesetzt werden sollten, erläutert Prof. Christine Angermann in diesem Video.

Hypertonie und Dyslipidämie - einfach gemeinsam behandeln

Hypertonie und Hypercholesterinämie treten oft gemeinsam auf. Prof. Ralf Dechend stellt in diesem Video neue Strategien zum Umfang mit diesen kardiovaskulären Risikofaktoren vor.

Systematisches Vorhofflimmern-Screening in Risikopopulation: sinnvoll und machbar

Wearables eröffnen ganz neue Perspektiven für das Vorhofflimmern-Screening. Doch wie sinnvoll ist der Einsatz eines solchen Screenings? Und inwiefern können Patienten davon tatsächlich profitieren? Prof. Ralf Birkemeyer gibt Antworten.

DGK.Herztage 2022/© DGK
TCT-Kongress 2022/© mandritoiu / stock.adobe.com
DGK Jahrestagung 2022/© m:con/Ben van Skyhawk
Podcast-Logo/© Springer Medizin Verlag GmbH (M)
Podcast-Logo
kardiologie @ home/© BNK | Kardiologie.org