Nachrichten 21.05.2021

Neuer Plättchenhemmer punktet mit seiner Schnelligkeit

Bei Herzinfarktpatienten ist das Erreichen einer rasche Reperfusion essenziell. Die Wirkung der üblicherweise verwendeten Plättchenhemmer setzt jedoch verzögert ein. Nun konnte ein neuer Glykoprotein-IIb/III-Inhibitor in einer Phase II-Studie mit einem sehr raschen Wirkeintritt punkten. 

Ein neuer Glykoprotein-IIb/III-Rezeptorantagonist konnte in einer Phase II-Studie mit einer schnellen potenten Thrombozytenaggregationshemmung punkten. Die Daten der offenen Phase IIa-Studie CEL-02 hat Studienleiter Prof. Jurrien Ten Berg aktuell beim EuroPCR-Kongress präsentiert. Die Ergebnisse wurden darüber hinaus in der Fachzeitschrift EuroIntervention publiziert. 

P2Y12-Inhibitoren wirken verzögert

Der Wirkeintritt der üblicherweise bei STEMI-Patienten zum Einsatz kommenden P2Y12-Inhibitoren ist verzögert, weil sie oral aufgenommen werden und deshalb zunächst absorbiert werden müssen. Eine rasche Reperfusion ist bei STEMI-Patienten allerdings essenziell, wie Ten Berg beim Kongress betonte. Deshalb haben es er und sein Team aus Nieuwegein sich zu Aufgabe gemacht, nach schnellen „Überbrückungslösungen“ zu suchen, die diese Lücke schließen können. 

Offene Dosisfindungs-Studie

Getestet haben die Kardiologen das neue Medikament mit dem Namen RUC-4 an insgesamt 24 Patienten, die wegen eine ST-Hebungsinfarktes eine perkutane Koronarintervention erhalten sollten. Noch vor der Koronarangiografie erhielten sie den Zweitgenerations-GP-IIb/III-Rezeptorantagonist subkutan injiziert.

Dabei wurden zur Dosisfindung drei Dosisgruppen gebildet: Jeweils 8 Patienten erhielten 0,075 mg/kg, 0,090 mg/kg und 0,110 mg/kg. Wenn die aktive Gerinnungszeit unter 200 Sekunden betrug, erhielten die Teilnehmer zusätzlich noch Heparin.

Dosisabhängige Hemmung der Thrombozytenaggregation

Eine Hemmung der Plättchenfunktion von 77% – den primären Endpunkt – erreichten mit der geringsten Dosis drei von acht Patienten, mit den beiden anderen Dosis sieben von acht. Das Ausmaß der Plättchenhemmung war dosisabhängig: mit der niedrigsten Dosis wurde eine maximale Hemmung von 77,5% erreicht, mit der mittleren von 87,5% und mit der höchsten Dosis 91,1%.  

Gemessen wurde die Plättchenreaktivität mit dem im VerifyNow-Test. Eine 77%ige Hemmung mit diesem Test entspricht laut Ausführungen Ten Bergs einer 80%igen Inhibition in der Lichttransmissions-Aggregometrie nach Stimulation mit 20 µm ADP.

Nach ca. 90 bis 120 Minuten war die Wirkung des Plättchenhemmer bereits abgeklungen, bzw. oder anders ausgedrückt: Die Thrombozytenaggregation war zu diesem Zeitpunkt nur noch zu 50% gehemmt. 

Maximale Wirkung schon nach 15 Minuten

„Die Plättcheninhibition war sehr schnell, ihr Maximum wurde in den drei Gruppen bereits nach 15 Minuten erreicht“, berichtete Ten Berg beim EuroPCR.

Auch die Sicherheit von RUC-4 scheint der Phase II-Studie zufolge gut zu sein. Es kam zu einer Reaktion an der Injektionsstelle (3,7%) und zu zwei schwereren Blutungen (7%). Die zwei Blutungsereignisse sind Ten Berg zufolge wahrscheinlich auf die Katheterintervention zurückzuführen. Diese seien während der Präparation der Radialis-Arterie aufgetreten, erläuterte der Kardiologe die Umstände.

Die gute Nachricht: Thrombozytopenien gab es gar keine. Bei den bisher verfügbaren GP-IIb/III-Rezeptorantagonisten ist diese Gerinnungsstörung zu einem geringen Prozentsatz aufgetreten (0,5% bis 2,0%). Es könne sein, dass RUC-4 mit weniger Episoden von Thrombozytopenien einhergehe, äußern sich die Studienautoren dazu in der Publikation. Die Anzahl an Studienteilnehmer war allerdings zu klein, um dies wirklich beurteilen zu könne.

Ambulanz als potenzielles Einsatzgebiet

Aufgrund der aktuellen Daten hält Ten Berg RUC-4 für eine „vielversprechende“ Substanz zur Plättchenhemmung bei STEMI-Patienten, und zwar in einem prähospitalen Setting. Eignen würde sich RUC-4 hierfür auch deshalb, weil die Substanz sich subkutan verabreichen lässt. 

Nach Ansicht des Kardiologen macht es deshalb Sinn, den klinischen Nutzen der Substanz in der Ambulanz weiter zu erforschen. Mit der CELEBRATE-Studie ist eine Phase III-Studie bereits in Planung.  

Literatur

Ten Berg J: A novel rapid glycoprotein IIb/IIIa inhibitor(RUC-4) for STEMI patients; EuroPCR 2021; 18. Mai 2021

Bor WL et al. Pharmacokinetics, pharmacodynamics, and tolerability of subcutaneous administration of a novel glycoprotein IIb/IIIa inhibitor, RUC-4, in patients with ST-segment elevation myocardial infarction. EuroIntervention. 2021; DOI: 10.4244/EIJ-D-21-00287

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