Onlineartikel 23.10.2014

Frauen mit stabiler KHK reagieren anders auf Stress als Männer

Männer sind anders, Frauen auch.“ Das gilt anscheinend ebenso bei stabiler KHK. Vorläufige Daten zeigen, dass es deutliche Geschlechterunterschiede hinsichtlich psychologischer und physiologischer Stressreaktionen gibt.

Auf der Suche nach einer Erklärung des ischämischen Paradoxons – Frauen mit koronarer Herzkrankheit (KHK) haben weniger schwere Symptome aber trotzdem eine schlechtere Prognose – untersuchten Wissenschaftler im Rahmen der REMIT (Responses of Mental Stress-Induced Myocardioal Ischemia to Escitalopram)-Studie an über 300 Patienten (56 Frauen, 254 Männer) die Reaktionen auf mentalen Stress. Der Altersdurchschnitt lag bei 63 Jahren, die weiblichen Teilnehmer hatten in der Vergangenheit öfter Depressionen als die Männer (31 vs. 10%).
Dieses Kollektiv mit stabiler KHK erhielt zudem teilweise den Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) Escitalopram und wurde verschiedenen Stresstests ausgesetzt: Die Probanden mussten Rechenaufgaben lösen, eine nur im Spiegel erkennbare Figur nachzeichnen (mirror trace; kognitiver Stress) und eine Ärgerexposition erdulden (emotionaler Stress). Danach kam noch die Untersuchung von körperlichem Stress auf dem Laufband. Stressinduzierte myokardiale Ischämien waren definiert als im EKG detektierbare abnorme Herzwandbewegungen, Reduktion der LVEF um >8% und/oder ST-Streckenveränderungen während der Tests. Anschließend füllten die Teilnehmer Fragebögen zu den empfunden Emotionen aus und man entnahm ihnen Blutproben.
Nach den stressigen Herausforderungen stiegen bei Männern Blutdruck und Herzfrequenz stärker an als bei Frauen. Die dagegen zeigten häufiger eine reduzierte Herzdurchblutung, einen Anstieg der kollagenstimulierten Plättchenaggregation und hatten mehr negative Emotionen. Körperlicher Stress (Laufband) führte zu keinem signifikanten Unterschied hinsichtlich Myokardischämien zwischen den Geschlechtern. Unter mentalem Stress (kognitiv und emotional) wurden bei Frauen aber deutlich öfter myokardiale Ischämien induziert (57 vs. 41%; p >0,04).

Sollten sich die Ergebnisse in Langzeitstudien mit einer größeren Teilnehmerzahl bestätigen lassen, bieten sich womöglich Ansätze für eine differenziertere Risikoeinschätzung und Therapie von KHK-Patienten. Offen bleiben allerdings einige Fragen, z.B. zur genereller Fitness der Probanden, zu deren Hormonstatus, zum Einfluss der höheren Depressivität der teilnehmenden Frauen sowie zur Auswirkung der SSRI-Medikation auf die Ergebnisse. Ärzte können zumindest den „kleinen Unterschied“ zwischen Männern und Frauen bei KHK-Patienten im Auge behalten.

Literatur

Samad Z et al. Sex Differences in Platelet Reactivity and Cardiovascular and Psychological Response to Mental Stress in Patients With Stable Ischemic Heart Disease: Insights From the REMIT Study. J Am Coll Cardiol. 2014;64(16):1669-78

Erhöhte Krankenhaussterblichkeit bei Frauen/© psdesign1 / fotolia.com