Nachrichten 10.08.2020

Akute Aortendissektionen in der Schwangerschaft – selten, aber tödlich

Eine Schwangerschaft erhöht das Risiko für akute Arteriendissektionen. Wissenschaftler haben nun untersucht, wann die Gefahr besonders groß ist.

Die Komplikation ist selten, aber wenn es in der Schwangerschaft zu einer spontanen Dissektion in einer Arterie kommt, erhöht sich das Sterberisiko für die Frauen deutlich, so fassen Ärzte um Dr. Sebastian Beyer von der Harvard Medical School in Boston die Ergebnisse ihrer großen Kohortenstudie zusammen.

In dieser Untersuchung kam es in 5,5 Fällen von 100.000 Schwangerschaften zu einer akuten Arteriendissektion. Insgesamt 18.151.897 Schwangerschaften wurden berücksichtigt, bei 997 Frauen kam es zu einer spontanen Dissektion einer Arterie.

Am häufigsten ist die Komplikation direkt nach der Geburt

Am häufigsten trat diese lebensbedrohliche Komplikation kurz nach der Geburt auf – nämlich in 61,5% aller Fälle – zumeist  innerhalb von 30 Tagen nach der Entbindung. Eher seltener war ein solcher Notfall vor der Geburt (15,1%). In 23,4% der Fälle kam es während der Entbindung zu einer Arteriendissektion.

3,7% der Frauen mit einer Schwangerschafts-assoziierten Dissektion verstarben an der Komplikation, bei den anderen Frauen ohne diese Komplikation lag die intrahospitale Mortalität nach einer Schwangerschaft bei ˂ 0,0001%.

Hohe Sterblichkeit bei Aortendissektionen

Besonders hoch war die Sterblichkeit, wenn die Dissektion in der Aorta auftrat (8,6%), während eine entsprechende Komplikation in anderen Arterien viel seltener tödlich verlief: Koronardissektion (4,2%), Dissektion in supraaortalen Gefäßen (˂ 2,5%), andere Lokalisationen (0%).

Obwohl noch immer hoch, ist die Sterblichkeit bei schwangerschaftsassoziierten Arteriendissektionen im Vergleich zu früheren Studien deutlich zurückgegangen. Laut einem kürzlich publizierten Review sei die Müttersterblichkeit bei dieser Schwangerschafts-Komplikation von 85% auf 4% gesunken, berichten die Autoren der aktuellen Studie. Den dramatischen Rückgang führen die US-Ärzte auf die Fortschritte im Therapiemanagement zurück.

Bei bestimmten Faktoren steigt das Risiko

Deutlich wird an der aktuellen Analyse, dass bestimmte Frauen einem höherem Risiko ausgesetzt sind. So war das Risiko für ältere Frauen ab einem Alter von 32,8 Jahren deutlich höher als für Frauen, die mit 28 Jahren oder jünger schwanger wurden (p˂ 0,001). Bei Vorliegen eines Gestationsdiabetes (in 14,3% vs. 0,2% ohne diesen Risikofaktor; p˂ 0,001), einer Gestationshypertonie (6,0% vs. 0,6%, p˂ 0,001), Mehrlingsschwangerschaften (3,6% vs. 1,9%; p=0,006) oder einer Präeklampsie (2,7% vs. 0,4%; p˂ 0,001) war die Wahrscheinlichkeit für eine solche Komplikation ebenfalls deutlich erhöht. Beeinflusst wurde das Risiko erwartungsgemäß auch von den klassischen kardiovaskulären Risikofaktoren, beispielsweise wenn die Frauen vor der Schwangerschaft bereits einen Bluthochdruck oder eine Dyslipidämie hatte.

Ursache für Dissektionen vom Zeitpunkt abhängig

Interessant ist, dass sich die Patientencharakteristika je nach Zeitpunkt der Dissektion – also ob die Komplikation vor oder nach der Entbindung auftrat – unterschieden: So wiesen Frauen, bei denen es postpartum zu einer spontanen Arteriendissektion kam, verhältnismäßig weniger kardiovaskuläre und schwangerschaftsassoziierte Risikofaktoren auf als Frauen, die vor der Entbindung betroffen waren.

Die Autoren vermuten deshalb, dass mit der Geburt zusammenhängende Stressfaktoren das Auftreten von postpartalen Dissektionen begünstigt haben, etwa die schnelle Volumenveränderungen nach der Entbindung, während vor der Geburt zusätzliche Risikofaktoren wie ein Gestations-Hypertonus eine größere Rolle spielen.

Für unterschiedliche Pathomechanismen spricht auch, dass Dissektionen, die vor der Entbindung aufgetreten waren, zumeist woanders lokalisiert waren als Dissektionen in der Postpartum-Phase. So kam es vor der Entbindung sehr viel häufiger zu Aortendissektionen als danach (Anteil sank von 41,4% auf 5,2%), während nach der Geburt deutlich mehr Koronardissektionen auftraten (von 19,9% antepartum auf 49,8% postpartum).

Literatur

Beyer S et al. Pregnancy-associated arterial dissections: a nationwide cohort study. Eur Heart J, ehaa497, DOI: 10.1093/eurheartj/ehaa497