Onlineartikel 14.12.2015

Geht Krebs auch direkt aufs Herz?

Bestimmte Zytostatika sind kardiotoxisch, das ist lange bekannt. Doch vielleicht schädigt auch der Krebs selbst den Herzmuskel. Darauf deutet zumindest eine Untersuchung hin, die bei der Tagung der European Association of Cardiovascular Imaging (EACVI) in Sevilla vorgestellt wurde.

Doxorubicin ist der Klassiker unter jenen Chemotherapeutika, die den Herzmuskel direkt schädigen. Aber auch eine Reihe anderer Zytostatika und auch einige Vertreter der neuen, zielgerichteten Therapien gehen insbesondere bei längerfristiger Einnahme aufs Herz. Eine höhere Rate an Myokardinfarkten und mehr Herzinsuffizienz gehören zu den Folgen.

Kardiologen um Dr. Rajdeep S. Khattar vom Royal Brompton Hospital in London wollen jetzt Hinweise darauf gefunden haben, dass maligne Tumore das Herz auch direkt schädigen können, ganz unabhängig von den Anti-Tumor-Therapien. Über ihre auf eine Echokardiographiestudie zurückgehenden Erkenntnisse berichteten sie bei der Tagung EuroEcho-Imaging 2015, die Teil des großen EACVI-Kongresses der European Society of Cardiology in Sevilla war.

Kontraktilität im Visier

An der britischen Studie nahmen insgesamt 99 Probanden teil, die alle zu Beginn eine normale Ejektionsfraktion (EF) aufwiesen, definiert als 55% oder besser. 43 von ihnen waren Krebspatienten, die aktuell eine Anti-Tumor-Therapie erhielten oder eine solche Behandlung kürzlich erhalten hatten. 36 Probanden hatten ebenfalls Krebs, waren aber ohne Tumorbehandlung. Außerdem gab es 20 gesunde Probanden als Kontrollen, die hinsichtlich Alter und Geschlecht auf die Krebspatienten abgestimmt waren.

Um die Studie sensitiver zu machen, wurde als Maß für die Kardiotoxizität von Therapie und/oder Tumor nicht, wie üblich, ein Abfall der EF herangezogen, sondern der Echo-Parameter „myokardiale Verformung“ (myocardial strain). Er erlaubt Rückschlüsse auf die Kontraktionsfähigkeit des Myokards. In mehreren Chemotherapiestudien sei gezeigt worden, dass dieser Parameter als Prädiktor für einen späteren Abfall der EF genutzt werden könne, so Khattar.

Myokardiale Dysfunktion auch ohne Krebstherapie

Das Ergebnis erstaunte die Kardiologen: Sowohl bei den behandelten Krebspatienten als auch in der Gruppe der unbehandelten Krebspatienten war die myokardiale Verformung reduziert. Und dieser Befund war auch noch in beiden Gruppen ähnlich ausgeprägt. „Es gab also in beiden Patientengruppen eine myokardiale Dysfunktion, obwohl die EF noch normal war“, so Khattar.

Eine andere Studie, die in eine ähnliche Richtung deutete, gab es bereits. Im September hatten österreichische Kardiologen in der Zeitschrift Heart über erhöhte kardiovaskuläre Biomarker bei Krebspatienten berichtet, ebenfalls unabhängig von der Therapie. Möglicherweise produzieren maligne Tumorerkrankungen diese Biomarker, die dann sekundär das Herz angreifen.

Literatur

Pressemeldung der European Society of Cardiology (ESC): Can cancer itself damage the heart? 3. Dezember 2015
Pavo N et al. Cardiovascular biomarkers in patients with cancer and their association with all-cause mortality; Heart 2015; 101(23):1874-80