Nachrichten 11.05.2021

Nebenwirkungen von Thiaziddiuretika – wann das Risiko besonders hoch ist

Thiaziddiuretika werden häufig zur Blutdrucksenkung verordnet. Einer aktuellen Studie zufolge begünstigt ihre Einnahme allerdings das Auftreten von Elektrolytstörungen, Synkopen und Stürzen – doch das Risiko hängt vom Präparat und Patienten ab.

Elektrolytstörungen sind häufig bei Patienten, die Thiaziddiuretika einnehmen. Das hat sich in einer aktuellen Analyse aus der Schweiz bestätigt.

Im Rahmen der Studie wurde bei allen Patienten, die zwischen 1. Januar 2017 und 31. Dezember 2018 in der Notaufnahme des Bürgerspitals Solothurn eingeliefert worden sind, die Elektrolytwerte bestimmt und dokumentiert. Insgesamt 1.604 Patienten – das waren 7,9% der Gesamtpopulation – hatten zum Zeitpunkt der Einlieferung Thiazide eingenommen.

Jeder fünfte Patient hatte mit Elektrolytstörungen

Die Schweizer Mediziner um Dr. Svenja Ravioli stellten bei den mit Thiaziden behandelten Patienten überproportional häufig Hyponatriämien – bei 22,1% – und Hypokaliämien – bei 19,0% – fest. Bei Patienten ohne eine solche Medikation waren solche Elektrolytstörungen deutlich seltener (9,8% bzw. 11,0%). Die Unterschiede waren signifikant (p ˂ 0,0001). Darüber hinaus stellte sich in einer multivariaten Regressionsanalyse die Thiazid-Einnahme als stärkster unabhängiger Prädiktor für das Auftreten von Hyponatriämien und Hypokaliämien heraus (Odds Ratio, OR: 1,55 bzw. 2,45; p ˂ 0,0001).

Akute Nierenstörungen waren ebenfalls deutlich häufiger nachweisbar bei Patienten unter einer solchen Diuretikabehandlung (22,1% vs. 7,0%; p ˂ 0,0001).

Negativ aufgefallen sind den Ärzten darüber hinaus die überproportional häufigen Stürze und Synkopen in der Vergangenheit der Patienten, die mit Thiaziden behandelt wurden: Bei 20,5% der Patienten sind bereits Stürze und bei 6,2% Synkopen aufgetreten, dagegen nur bei 7,0% bzw. 3,1% der Patienten ohne Thiazide-Behandlung. Auch hier war die Assoziation unabhängig von anderen Einflussfaktoren (p ˂ 0,0001).

Risiko hängt von bestimmten Faktoren ab

Dass Elektrolytstörungen unter Thiaziddiuretika als unerwünschte Effekte auftreten können, ist zwar nicht neu, das wurde schon in mehreren Studien beschrieben. Deutlich an der aktuellen Analyse wird aber, dass das Risiko für solche Nebenwirkungen von unterschiedlichen Faktoren abhängig ist.

Zum einen gab es einen Dosiseffekt: Also je höher die Dosis desto größer war das Risiko für die genannten Elektrolytstörungen. Dieser Umstand bekräftigt die Schweizer Ärzte in ihrer Vermutung, dass die Einnahme von Thiaziden kausal für die hohen Raten an Hyponatriämien und Hypokaliämien verantwortlich ist.

Zum anderen hing das Risiko in dieser Studie von dem verwendeten Thiazid-Substanzart ab. So war die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten solcher Elektrolytstörungen bei Einnahme von Chlortalidon am höchsten mit einer OR von 7,63 für Hyponatriämien und einer OR von 22,7 für Hypokaliämien. Am geringsten war das Risiko dagegen bei Hydrochlorothiazid (OR von entsprechend 2,28 bzw. 2,23). Im Bereich zwischen beiden Substanzen befanden sich Metolazon (OR: 4,93 bzw. 2,6) und Indapamid (OR: 3,49 bzw. 4,7).

Verordnung sorgfältig abwägen

Und zu guter Letzt hatte das Alter und Geschlecht der Patienten Einfluss auf das Auftreten solcher Nebenwirkungen. So waren ältere Patienten und Frauen häufiger davon betroffen. „Speziell bei älteren Frauen ist es deshalb berechtigt, wenn möglich, auf Thiazide zu verzichten“, stellen Ravioli und Kollegen die praktischen Konsequenzen heraus. Und falls nicht anders möglich, sollten im Falle einer Neuverordnung zumindest die Elektrolyte überwacht werden, empfehlen die Ärzte vom Bürgerspital Solothurn.

Generell bei allen älteren Patienten sollte nach Ansicht der Mediziner eine Verordnung von Thiaziden sorgfältig abgewogen wegen. Weil ihre Ergebnisse bei dieser Population ungünstige Effekte gezeigt hätten, erläutern sie. Dazu deuteten kürzlich publizierte Daten begünstigende Effekte einer Hyponatriämie auf die Entwicklung einer Osteoporose an. Auch der Befund, dass das Risiko von der Substanzart abhängig ist, sollte laut der Schweizer Mediziner bei der Neuverordnung möglicherweise Beachtung finden.

Zu berücksichtigen ist bei den aktuellen Daten, dass trotz Adjustierung Störeffekte nicht völlig auszuschließen sind. So könnten die Patienten, die Thiazide verordnet bekamen, aufgrund ihrer Grundkonstitution bereits ein erhöhtes Risiko für Elektrolytstörungen und Stürze aufgewiesen haben.

Literatur

Ravioli S et al. Risk of electrolyte disorders, syncope and falls in patients taking thiazide diuretics: results of a cross-sectional study. The American Journal of Medicine 2021; DOI: https://doi.org/10.1016/j.amjmed.2021.04.007

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