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08.02.2019 | Herz und Diabetes | Nachrichten

Artikel plus Interview

ESC-Positionspapier: Wie bringt man Patienten mit Diabetes in Bewegung?

Autor:
Joana Schmidt

Ein neues ESC-Positionspapier betont die positiven Effekte von körperlichem Training auf die Gesundheit von Patienten mit Typ-2-Diabetes. Wichtig ist, Behandlungsziele individuell festzulegen und Einschränkungen der Betroffenen zu berücksichtigen. Prof. Martin Halle, der am Positionspapier mitwirkte, beantwortet im anschließenden Interview Fragen dazu.

Das neue Positionspapier der ESC und der EAPC (European Association of Preventive Cardiology) empfiehlt Ärzten, Diabetespatienten zu mehr Bewegung zu animieren. Konkret verbessert körperliches Training vor allem Insulinempfindlichkeit, Lipidprofil, Gefäßreaktivität und Sauerstoffversorgung des Körpers. Ärzte können Patienten ohne Herz-Kreislauf-Erkrankungen unbeaufsichtigte Übungen empfehlen. Betroffene, die einen Herzinfarkt oder eine Bypass-Operation hatten, sollten sie an ein Herz-Rehabilitationsprogramm verweisen, wo unter Beobachtung trainiert wird. Bevor die Intensität erhöht wird, sollte der Arzt eine stumme Myokardischämie beim Patienten ausschließen, etwa mit einem Test der kardiopulmonalen Leistungsfähigkeit. Auch kardiovaskuläre Risikofaktoren wie den LDL-Cholesterinwert sollte er vorher kontrollieren.

Die richtigen Ziele setzen

Der positive Effekt der folgenden Trainingsziele ist belegt. Es gelten aber nicht alle Ziele für jeden Patienten, Ärzte sollten sie individuell anpassen. Körperliche Fitness und Sauerstoffversorgung sollten sich verbessern, was der Arzt regelmäßig überprüfen sollte. Wichtig ist zudem eine gute Blutzuckerkontrolle. Anstrebenswert ist auch, die Gefäßfunktion zu verbessern, da dies das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse verringert. Eine gute Einstellung des Fettstoffwechsels ist ebenfalls relevant, wobei das Training lipidsenkende Medikamente unterstützen, aber nicht ersetzen kann. Optimale Blutdruckkontrolle ist ein generelles Behandlungsziel, wobei sich Bewegung positiv auswirkt, vor allem kombiniert mit Medikamenten. Auch Muskelaufbau sollte angestrebt werden.

Art, Dauer und Intensität des Trainings

Klassische Herz-Rehabilitationsprogramme beinhalten vor allem Aerobes Training wie Walken, Joggen, Schwimmen oder Radfahren. Die meisten Leitlinien raten Diabetikern dazu, da es die Herzfrequenz erhöht und große Muskelgruppen beansprucht. Um diese zu stärken, wird auch Widerstandstraining empfohlen. Beide Trainingsarten kombiniert wirken am besten. Dauer, Wiederholungen und Intensität variieren mit den Zielen und sollten individuell angepasst werden. Häufiges Training mit geringer Intensität verbessert den Körperaufbau und das kardiovaskuläre Risikoprofil, besonders wenn der Patient seine Ernährung umstellt. Es wirkt sich zudem positiv auf Blutzuckerwerte und Sauerstoffversorgung aus, genauso wie Intervalltraining mit hoher Intensität.

Umgang mit Einschränkungen der Patienten

Diabetiker haben ein hohes Risiko beim Training Herz-Kreislauf-Probleme zu bekommen, durch Beschwerden wie autonome Neuropathie, Myokardischämie, Arrhythmie, linksventrikuläre Dysfunktion, Bluthochdruck, Blutzuckerschwankungen oder periphere Arterienerkrankungen. Deshalb sollte der Arzt sie sorgfältig untersuchen und regelmäßig kontrollieren. Patienten mit Risiken und ohne Trainingserfahrung sollten mit niedriger Intensität starten, jede Steigerung muss gut überwacht werden. Regelmäßige Bewegung soll Teil des Alltags werden, etwa durch Treppensteigen oder zu Fuß einkaufen. Wichtig ist, erreichbare Ziele zu setzen und dem Patienten klarzumachen, dass die Bewegung seine Lebensqualität verbessert und Risiken reduziert.

Vermeiden von Misserfolgen

Trotz positiver Effekte verbessern sich nicht bei allen Betroffenen Stoffwechselfunktion und Sauerstoffversorgung. Das ist zum Teil genetisch bedingt, liegt aber oft daran, dass Patienten das Training nicht einhalten, weil die Motivation fehlt oder ihre Begleiterkrankungen sie behindern. Deshalb sollte der Arzt das Trainingsprogramm individuellen Zielen und Barrieren anpassen, die er nach einer Voruntersuchung bestimmt. Da die Motivation entscheidend für den Trainingserfolg ist, sollten Physiotherapeuten, Psychologen und Ernährungsberater den Patienten dabei unterstützen, sein Leben entsprechend zu organisieren und die Übungen in den Alltag zu integrieren.

Interview mit Prof. Martin Halle zum ESC-Positionspapier


„Sprechende Medizin immer noch zu gering honoriert“


Zum Stellenwert des Bewegungstrainings in der Diabetesbehandlung befragten wir Professor Martin Halle, Ärztlicher Direktor des Zentrums für Prävention und Sportmedizin der TU München, Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Sportmedizin. Als President-elect der EACP arbeitete er am neuen Positionspapier über Training für Diabetespatienten mit.



Was sind die Kernaussagen des Positionspapiers der EAPC?

Professor Halle: Körperliche Aktivität kann den Diabetes im Frühstadium heilen, da sie Mechanismen vor allem in der Muskulatur anspricht, die von Medikamenten nicht verändert werden. Diese Mechanismen sind allerdings das pathophysiologische Problem: Die Passage von Blutzucker in die Muskulatur ist bei Typ-2-Diabetes gestört. Zudem zeigen neue Daten, dass Diabetes selbst im Rahmen einer Hausarztbehandlung meist wieder in normale Stoffwechselleistung verändert werden kann, wenn der Patient es schafft, sein Gewicht zu reduzieren.

Welche Trainingsmöglichkeiten gibt es?

Professor Halle: Ausdauertraining ist sicherlich die beste Option, also 20 Minuten Nordic Walking oder sogenanntes Tripp-Trapp-Laufen. Dabei wird minütlich zwischen Walking und Vorfußlaufen gewechselt, bei dem das Gewicht mehr auf dem Fußballen liegt. Auch Krafttraining mit leichten Gewichten und vielen Wiederholungen ist sinnvoll.

Was hat körperliches Training für nachweisbare positive Effekte auf Diabetespatienten? 

Professor Halle: Nicht nur die Blutzuckerwerte verbessern sich, sondern auch die Gefäßfunktion in allen Organen wie Herz, Nieren oder Extremitäten.

Wie sieht das im ärztlichen Alltag in Deutschland aus: Wird da körperliches Training schon ausreichend verordnet?

Professor Halle: Empfohlen wird es inzwischen ausreichend, umgesetzt immer noch viel zu wenig. Es reicht nicht aus, Treppensteigen zu empfehlen, sondern es muss ein gezieltes Trainingsprogramm empfohlen und umgesetzt werden. Gerade beim Diabetes führen zu intensive Belastungen zu Erhöhungen der BZ-Werte, die optimale Dosis im moderaten Intensitätsbereich ist entscheidend.

Wenn es noch zu wenig umgesetzt wird, woran liegt das?

Professor Halle: Das ist vielschichtig, aber sicher liegt es auch daran, dass entsprechende Maßnahmen wie auch die sprechende Medizin im Vergleich zu Gerätediagnostik immer noch zu gering honoriert werden. Ist das Wartezimmer voll, haben Ärzte keine Zeit sich auch noch dem Thema Lebensstil zu widmen.

Wie kann man erreichen, dass es unter den heutigen Bedingungen besser umgesetzt wird?

Professor Halle: Helfen würden strukturierte Programme mit einer Zielerreichungshonorierung. Man könnte etwa Ärzte direkt einbinden, indem sie besonders entlohnt werden, wenn Patienten ihre Laborwerte verbessern. Das Gleiche gilt für Patienten: Würden sie einen Bonus von der Krankenkasse bekommen, wären sie motiviert. Alle Seiten hätten etwas davon, das Geld wäre von den Krankenkassen gut angelegt.

Wie motiviert man Patienten am besten, dass sie das Training einhalten?

Professor Halle: Ärzte sollten den Patienten aufzeigen, warum Training gut ist, optimal wäre als Skizze, das bleibt hängen. Sie sollten die Betroffenen in Programme mit anderen Patienten einbinden. Auch Boni für Training an Geräten und Gewichtsabnahme würden helfen.

Interview: Joana Schmidt


Literatur

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