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12.12.2017 | Herz und Diabetes | Nachrichten

Erfolg mit Hausarztprogramm

Intensive Gewichtsreduktion bringt Diabetes in Remission

Autor:
Wolfgang Geissel

Ein intensives Programm zur Gewichtsreduktion bringt Typ-2-Diabetes bei jedem zweiten davon Betroffenen in Remission. Ein Klinikaufenthalt ist dafür nicht nötig, die Gewichtsreduktion gelingt in Hausarztpraxen, ergab eine britische Studie.

Übergewichtige Typ-2-Diabetiker können auch ohne bariatrische Chirurgie massiv an Gewicht verlieren und die Zuckerkrankheit wieder loswerden. Das haben Forscher um Prof. Roy Taylor von der Newcastle University und Prof. Michael Lean von der University of Glasgow gezeigt.

An ihrem Diabetes Remission Clinical Trial (DiRECT) nahmen 298 übergewichtige Zuckerkranke (BMI 27–45 kg/m2) aus 49 Praxen der Primärversorgung in Großbritannien teil. Die Krankheit war bei ihnen in den vergangenen sechs Jahren diagnostiziert worden.

Nach dem Zufallsprinzip wurden die Patienten in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine Hälfte erhielt ein intensives Abnehm-Programm mit Formuladiäten (825–853 kcal/Tag) über drei bis fünf Monate plus eine schrittweise Gewöhnung an gesunde Normalkost. Die andere Hälfte wurde normal versorgt und diente als Kontrollgruppe. Die beiden primären Endpunkte waren ein Gewichtsverlust von mindestens 15 kg und eine Diabetes-Remission mit einem HbA1c-Wert unter 6,5 Prozent nach mindestens zwei Monaten ohne Antidiabetika. Von den je 149 Patienten in den beiden Gruppen blieben 128 (Intervention) und 147 (Kontrolle) bis zur Auswertung bei der Stange.

Ergebnis: In den zwölf Monaten hatten 24 Prozent der Patienten in der Interventionsgruppe und keiner in der Kontrollgruppe mindestens 15 kg an Gewicht verloren. Im Mittel hatte jeder Teilnehmer in der Interventionsgruppe 10 kg und in der Kontrollgruppe 1 kg abgespeckt.

Eine Diabetes-Remission ergab sich bei 46 Prozent aller Teilnehmer in der Behandlungsgruppe und bei 4 Prozent in der Kontrollgruppe. Je mehr die Patienten an Gewicht abnahmen, desto größer war ihre Chance für normale HbA1c-Werte ohne Antidiabetika:

  • Bei bis zu 7 kg Reduktion hatten 7 Prozent eine Remission,
  • bei 7 bis 10 kg waren es 34 Prozent,
  • bei 10 bis 15 kg 57 Prozent und
  • bei 15 kg und mehr 86 Prozent.

Die größten Chancen zum Abnehmen bestehen bei der Diabetes-Diagnose, wenn die Patienten noch motiviert sind, so die Forscher. Ob die Teilnehmer das reduzierte Gewicht und die Remission langfristig erhalten können, wird nun in weiteren vier Jahren Studiendauer geprüft.

Kommentar von Prof. Stephan Martin

Nobelpreis-verdächtig: Weg zurück in die Gesundheit für Typ-2-Diabetiker

Britische Forscher haben mit einem intensiven Programm zur Gewichtsreduktion in Hausarztpraxen bei jedem zweiten Behandelten eine Remission des Typ-2-Diabetes erzielt. Betroffenen geben die Daten Hoffnung, dass Diabetes keine Einbahnstraße ist.

Alfred Nobel hat in seinem Testament festgelegt, dass die Zinsen der Stiftung, die mit seinem Vermögen gegründet wurde „als Preis denen zugeteilt werden, die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben“. Wenn man diese Definition zugrunde legt, ist die jetzt im Fachblatt „The Lancet“ online publizierte Arbeit (2017, online 5. Dezember) sicherlich Nobelpreis-verdächtig.

Einer der „Glaubenssätze“ der Diabetologie ist: Einmal Diabetes – immer Diabetes. Für Menschen mit Typ-1-Diabetes, bei denen die Insulinproduktion nur noch unzureichend vorhanden ist, wird dieser Spruch leider weiterhin seine Gültigkeit behalten. Hingegen gibt es für übergewichtige Personen mit Typ-2-Diabetes, die 90 Prozent der Diabeteserkrankungen ausmachen, aufgrund der aktuellen Publikation neue Hoffnung.

Weniger als 900 kcal am Tag

Die englische Arbeitsgruppe um Prof. Roy Taylor hat in 49 Hausarzt-Praxen über 300 übergewichtige Personen mit einer mittleren Typ-2-Diabetesdauer von drei Jahren in eine Kontroll- und eine Interventionsgruppe-Gruppe randomisiert. Die Intervention bestand über drei bis fünf Monate in einer flüssigen Mahlzeiten-Ersatztherapie (weniger als 900 kcal am Tag) mit dem Ziel, 15 kg an Gewicht zu verlieren.

Ergebnis: Im Mittel hat die Interventionsgruppe ein Jahr nach Beginn der Intervention 10 kg Gewicht verloren, während es in der Kontrollgruppe nur 1 kg war. In der Interventionsgruppe erreichten in dieser Zeit 46 Prozent der Teilnehmer eine klinische Remission des Typ-2-Diabetes, das heißt der HbA1c lag bei unter 6,5 Prozent, ohne jegliche pharmakologische Diabetesmedikation. Probanden mit mehr als 15 kg Gewichtsverlust hatten sogar eine 89-prozentige Remissionswahrscheinlichkeit. In der Kontrollgruppe gelang eine Remission nur 4 Prozent der Teilnehmer. Diese Daten bestätigen bereits früher publizierte Pilotstudien dieser Arbeitsgruppe (Diabet Med. 2015;32:1149).

Was bedeuten diese Daten für unser Gesundheitssystem? Zum einen müssen Ärzte, Diabetesassistenzberufe und Diätassistenten umdenken und sich von ihrer grundsätzlichen Abneigung von Ersatzmahlzeiten verabschieden. Diese waren in der Initialphase der englischen Studie der Schlüssel zum Erfolg! Zum anderen müssen sich die Beteiligten auf ärztlicher Seite, aber auch die Gesundheitspolitik von der 68er-Mentalität lösen, dass jeder seinen Körper zugrunde richten darf, denn wenn es irgendwann nicht mehr funktioniert, finanziert das Solidarsystem schon die entsprechenden Medikamente. Die steigende Prävalenz der Adipositas, in deren Folge sich der Typ-2-Diabetes bildet, bringt nicht nur unser Gesundheitssystem an die Grenzen der Finanzierbarkeit, sondern stellt ein weltweites Problem dar. Die englische Studie zeigt, dass es eine Hilfe zu Selbsthilfe gibt, die die Betroffenen in eine Remission des Typ-2-Diabetes führen kann.

Wie könnten die Ergebnisse dieser Studie in Deutschland umgesetzt werden? Hier gibt es die positive Nachricht, dass dies bereits begonnen hat. Zusammen mit dem Deutschen Institut für Telemedizin und Gesundheitsförderung (DITG) konnten wir bei Personen mit einer Diabetesdauer von über elf Jahren mit einem telemedizinischen Ansatz, bei dem auch eine flüssige Ersatzmahlzeit zur Einleitung einer Gewichtsreduktion eine wichtige Rolle spielt, eine HbA1c Reduktionen von bis zu 1,1 Prozent erreichen (Diabetes Care. 2017;40:863-71).

Förderung durch den Innovationsfonds

Dieses Programm wird bereits von der BKK-Deutsche Bank und der AXA-Krankenversicherung für ihre Versicherten angeboten. Ganz aktuell hat eine Nachfolgestudie zusammen mit der AOK-Rheinland-Hamburg durch den Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) eine Förderung zuerkannt bekommen.

Zusammenfassend bedeuten diese neuen Studienergebnisse, dass Typ-2-Diabetes keine Einbahnstraße ist: Für Betroffene gibt es einen Weg zurück in die Gesundheit!

Prof. Stephan Martin ist Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums (WDGZ) in Düsseldorf.


Literatur

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