Nachrichten 26.09.2019

Primärprävention bei Diabetes: Gibt es sie oder gibt es sie nicht?

Kann man Patienten mit Diabetes klar der Primär- oder Sekundärprävention zuordnen oder gibt es zeitgemäßere Konzepte, um Zielwerte und Behandlungsstrategien zu bestimmen? Der Kardiologe Prof. Nikolaus Marx schlägt beim Europäischen Diabeteskongress Alternativen vor.

Um über Primärprävention zu diskutieren, definierte Prof. Nikolaus Marx, Klinikdirektor des Universitätsklinikums Aachen, zunächst den Begriff: „Es sind Methoden, die das Entstehen von Erkrankungen durch das Bekämpfen von Erregern oder das Steigern der Resistenz verhindern.“ Basierend auf dieser Definition gebe es Primärprävention kardiovaskulärer Erkrankungen bei Diabetes. Sekundärprävention sei in diesem Zusammenhang die Vorbeugung von Ereignissen bei Diabetikern mit bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Diabetiker haben ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, die zudem die häufigste Todesursache sowohl bei Typ-1- als auch bei Typ-2-Diabetes sind. Um die Prognose dieser Patienten zu verbessern, sind Lebensstiländerungen und eine medikamentöse Therapie, die Blutdruck und Cholesterinspiegel senkt sowie die Blutzuckerwerte verbessert, wichtig.

„Den richtigen Zeitpunkt für eine Intervention zu finden, wird immer herausfordernder“

Sobald Herz-Kreislauf-Erkrankungen auftreten, sind solche Strategien zusätzlich zu Behandlungen wie Revaskularisation notwendig, um die Krankheitsentwicklung zu verzögern. Das Vorbeugen akuter Ereignisse wie Herzinfarkt, Schlaganfall und kardiale Dekompensation verringert das Sterberisiko der Patienten. „Den richtigen Zeitpunkt für eine Intervention zu finden, wird jedoch immer herausfordernder“, fügte Marx hinzu.

Bei Diabetes zwischen Primär- und Sekundärprävention zu unterscheiden, erscheine jedoch angesichts der allmählichen Krankheitsentwicklung sowohl bei Gefäßerkrankungen als auch bei Herzinsuffizienz künstlich, so Marx. Frühere Behandlungsmethoden teilten die Patienten der Primär- oder der Sekundärprävention zu und empfahlen davon ausgehend Zielwerte für bestimmte kardiovaskuläre Risikofaktoren.

Heute werde dieses Konzept in Frage gestellt, denn ein Patient mit Diabetes und chronischer Nierenerkrankung, aber ohne Erkrankung der Herzkranzgefäße, der peripheren Arterien, der zerebralen Gefäße oder Herzinsuffizienz, habe beispielsweise eine ähnliche Prognose wie ein Diabetiker mit Koronarer Herzerkrankung.

„Das Konzept der Primärprävention bei Diabetes ist nicht länger angemessen“

Das Senken von Blutfett- und  Blutzuckerwerten und antiglykämische Therapien erwiesen sich bei Diabetikern mit oder ohne kardiovaskuläre Erkrankungen als effizient. Auch das lasse am klinischen Nutzen zweifeln, Patienten entweder der Primär- oder der Sekundärprävention zuzuordnen.

„Angesichts des hohen kardiovaskulären Risikos von Diabetikern, dem Zusammenspiel mehrerer Risikofaktoren und dem nicht eindeutig klaren Zeitpunkt für eine Intervention, ist das Konzept der Primärprävention bei Diabetes nicht länger angemessen“, schlussfolgerte Marx. Auch die Leitlinien empfehlen, Patienten besser in drei Gruppen mit mittlerem, hohem und sehr hohem Risiko einzuteilen. Davon ausgehend könnten passendere Zielwerte und Behandlungsstrategien empfohlen werden.

Klinischen Daten zeigen, dass Patienten mit Typ-2-Diabetes unabhängig  davon, ob sie kardiovaskuläre Erkrankungen haben, von Wirkstoffen wie SGLT2-Inhibitoren oder GLP-1-Rezeptoragonisten profitieren. Das und die vorherigen Überlegungen ließen Marx folgendes Fazit ziehen: „Das Konzept der Primär- und Sekundärprävention bei Diabetes scheint überwunden zu sein. Es sollte durch eine stärkere Risikostratifizierung unter Berücksichtigung anderer Risikofaktoren und Komorbiditäten ersetzt werden.“

Literatur

Marx N et al. Exploring myths in diabetes. Primary prevention in diabetes: Does it exist? Vorgestellt beim Kongress der European Association for the Study of Diabetes (EASD) 2019, 16.09. - 20.09. 2019, Barcelona

EASD-Pressemitteilung: Primary prevention in diabetes: Does it exist? 18.09.2019.

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