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06.02.2017 | Herz und Gefäße | Nachrichten

Auswirkung unterschiedlicher Blutdruckmessmethoden

Blutdruckzielwert: Wie repräsentativ ist die SPRINT-Studie für die Praxis?

Autor:
Veronika Schlimpert

Die Ergebnisse der SPRINT-Studie zur Intensität der Blutdrucksenkung sind aufgrund der dort verwendeten Blutdruckmessmethode nach Ansicht von nicht wenigen Experten auf den Praxisalltag nicht übertragbar. Die Bedeutung der Messmethode wurde nun in einer Studie genauer untersucht.

Nach Veröffentlichung der SPRINT-Ergebnisse 2015 haben viele Experten eine Änderung der Leitlinien hin zu einer strengeren Blutdruckkontrolle kommen sehen. Darin wurde ein Vorteil einer intensiven Blutdrucksenkung auf unter 120 mmHg im Vergleich zur Standardtherapie (< 140 mmHg) belegt. Doch Kritiker argumentieren, dass die Studienergebnisse nicht einfach auf die Praxis zu übertragen seien.

Das Argument, das hierbei häufig zu hören ist, ist die in SPRINT verwendete Messmethode. Besonders daran war, dass die Messung automatisch dreimal wiederholt wurde, unbeobachtet, also ohne ärztliche Aufsicht, stattfand und erst begann, nachdem die Patienten fünf Minuten in Ruhe gesessen waren. Mit dieser Methode der automatischen „unbeobachteten“ Messung in Ruhe wollten die Studienautoren Verfälschungen durch einen sog. Weißkitteleffekt ausschließen.

Ungewöhnliche Messmethode in SPRINT

Nicht wenige Experten, etwa der bekannte Hypertensiologe Dr. George Bakris, sind allerdings der Ansicht, dass diese Art der Blutdruckmessung  womöglich zu niedrigeren Blutdruckwerten geführt hat, als sie im Praxisalltag gemessen werden. Und auch die Hochdruckliga hat auf ihrer Jahrestagung im Dezember letzten Jahres die Messmethode in der SPRINT-Studie als Argument dafür herangezogen, die deutschen Leitlinien bzgl. des Blutdruckzielwertes vorläufig nicht ändern zu wollen.

Eine Untersuchung von Prof. Rajiv Agarwal scheint der Argumentation der Fachgesellschaft zunächst Recht zu geben. Der Mitarbeiter der nephrologischen Abteilung der Indiana University hat unterschiedliche Blutdruckmessverfahren – nämlich die in SPRINT verwendete „wissenschaftliche“ Methode, die übliche Praxismessung und die 24-Stunden-Blutdruckmessung – an 275 seiner Patienten angewandt und geschaut, inwieweit die gemessenen Werte voneinander abweichen.  

Messwerte deutlich niedriger als in der Praxis

Die Unterschiede waren tatsächlich beträchtlich: Der „wissenschaftlich“ gemessene systolische Blutdruck lag im Mittel um 12,7 mmHg niedriger als der Wert, der bei der üblichen Praxismessung herausgekommen war, und auch um 7,9 mmHg niedriger als der Wert in der ambulanten 24-Stunden-Blutdruckmessung – und das obwohl die Praxismessung und die wissenschaftliche Messung am selben Tag erfolgten. Der diastolische Wert unterschied sich entsprechend um 12,0 mmHg und 11,7 mmHg.

Die Größe des Übereinstimmungsbereich zwischen den Messwerten variierte allerdings deutlich (–46,1 bis 20,7 mmHg systolisch, –34,2 bis 10,1 mmHg diastolisch). Sprich, ein Patient, dessen Blutdruck mittels der „wissenschaftlichen“ SPRINT-Methode gemessen wird, kann in der Praxis einen um 46,1 mmHg niedrigeren, aber auch einen um 20,7 mmHg höheren Wert aufweisen.

Differenz einfach dazu addieren, reicht nicht aus

Agarwal hält es daher für ein „naives Vorgehen“, die Differenz von 12,7 mmHg auf den Zielwert der SPRINT-Studie einfach dazu zu addieren und diesen Wert dann als „Praxisblutdruckzielwert“ festzulegen. Mit dieser Handhabe hatte die Hochdruckliga jüngst versucht, die in den aktuellen Leitlinien empfohlenen Blutdruckzielwerte zu verteidigen: Auf die 121 mmHg, die die Patienten im Interventionsarm von SPRINT erreicht und dadurch eine 25% Senkung der kardiovaskulären Morbidität und Mortalität erzielt haben, wurde 15 mmHg dazu addiert, um auf den Praxiswert zu schließen. Die dabei herauskommenden 136 mmHg entsprechen wiederum der aktuellen Leitlinienempfehlung, argumentiert die Hochdruckliga.   

„Anstatt mit einer solchen rechnerischen Korrektur auf den Praxiszielwert rückzuschließen, sollte die SPRINT-Messmethode erst mal als Blutdruckmessmethode angewendet werden, um die Ergebnisse der Studie auf Bevölkerungsebene übertragen zu können“, äußert sich  Agarwal im „Journal of the American Heart Association“ kritisch gegenüber diesem Vorgehen.

Kein Ersatz für die 24-Stunden-Blutdruckmessung

Um die Übertragbarkeit der Messwerte auf die klinische Praxis weiter zu untersuchen, wurde in der Studie von Agarwal bei jedem Patienten die linksventrikuläre Wanddicke echokardiografisch bestimmt. Demnach korrelierten der wissenschaftlich gemessene Blutdruck und der Wert in der ambulanten Blutdruckmessung besser mit dem Vorhandensein einer linksventrikulären Hypertrophie als der Praxisblutdruck.

Wie der Nephrologe allerdings betont, ließen sich weder mit der „wissenschaftlichen“ Messmethode noch mit der Praxismessung die Werte der ambulanten 24-Stunden-Blutdruckmessung akkurat einschätzen. Folglich stelle keines der beiden Messverfahren einen angemessenen Ersatz für die ambulante Blutdruckmessung dar. 

Alle Teilnehmer dieser Studie wiesen unter einer Medikation von im Mittel 3,1 Antihypertensiva einen Blutdruck <140/90 mmHg auf, sodass sie dahingehend mit den SPRINT-Patienten vergleichbar waren (im Mittel nahmen diese 2,8 Medikamente ein). Allerdings ist die Übertragbarkeit der Studienergebnisse auf die Allgemeinbevölkerung nur bedingt möglich, da alle Studienpatienten an einer chronischen Nierenerkrankung litten.

Literatur