Nachrichten 21.05.2020

COVID-19: Was für ein erhöhtes Thrombose-Risiko spricht

COVID-19 scheint das Thromboserisiko zu erhöhen. Daten aus Wuhan geben nun Hinweise, welche Patienten besonders gefährdet sind und deshalb von einer Prophylaxe profitieren könnten.

Fast jeder zweite schwer erkrankte COVID-19-Patient entwickelte in einer chinesischen Fallserie während des Krankenhausaufenthaltes eine tiefe Venenthrombose (TVT). Kam es zu einer solchen Komplikation, verringerten sich die Überlebenschancen der Patienten deutlich.

Ärzte um Dr. Li Zhang haben nun untersucht, welche Faktoren mit einem erhöhten Thrombose-Risiko einhergehen, um Hochrisikopatienten, die von einer Thromboseprophylaxe profitieren, bereits bei Klinikaufnahme identifizieren zu können.

Jeder zweite schwerkranke Patient entwickelt tiefe Venenthrombose

Zwischen 29. Januar und 29. Februar 2020 wurden in der Klinik in Wuhan insgesamt 745 Patienten mit einer SARS-CoV-2-Infektion aufgenommen. Bei 143 von ihnen, die schwerer erkrankt waren, wurde in der Abteilung von Zhang und Kollegen eine Ultraschalluntersuchung der Beinvenen vorgenommen, bei 66 Patienten stellten sie dabei eine tiefe Beinvenenthrombose fest (bei 23 proximal und bei 43 distal), womit die TVT-Prävalenz in dieser Fallserie bei 46,1% lag (in der gesamten Klinik 8,8%).

Diese 3 Faktoren gingen mit einem erhöhten Risiko einher

In einem multivariaten Regressionsmodell gingen folgende bei Klinikaufnahme bestimmten Parameter für die COVID-19-Patienten mit einem erhöhten Risiko einher, im späteren Erkrankungsverlauf eine tiefe Venenthrombose zu entwickeln:

  • Padua-Prediction-Score von ≥ 4,
  • CURB-65-Score zwischen 3–5 und
  • D-Dimer-Werte ˃ 1,0 µg/ml bei Klinikaufnahme.

Mit der Kombination aus allen drei Faktoren ließ sich das Auftreten einer TVT in diesem Datensatz am besten vorhersagen sagen: mit einer Sensitivität von 88,52% und einer Spezifität von 61,43%.  

Padua-Score

Der Padua-Score ist ein Tool zur Risikostratifizierung für venöse Thromboembolien (VTE) und besteht aus insgesamt 11 Punkten (aktive Tumorerkrankung, zurückliegende VTE, einschränkte Mobilität, bekannte Thrombophilie, zurückliegendes Trauma und/oder OP [≤ 1 Monat], Alter ≥ 70 Jahre, respiratorische und/oder kardiale Insuffizienz, akuter Herzinfarkt und/oder Schlaganfall, akute Infektion und/oder rheumatologische Erkrankung, Übergewicht mit BMI ≥ 30 und aktuell bestehende Hormontherapie). Treffen ≥ 4 Punkte zu, liegt ein hohes VTE-Risiko vor.  

CURB-65-Score

Der CURB-65-Score wurde ursprünglich zur Prognoseabschätzung einer Pneumonie bei immunkompetenten Patienten validiert und setzt sich aus fünf Punkten zusammen (neu aufgetretene Verwirrtheit; Harnstoff > 7 mmol/L; Atemfrequenz ≥ 30/min; Blutdruck: systolisch ˂ 90 mmHg oder diastolisch ˂ 60 mmHg; Alter ≥ 65 Jahre alt).

Schutz durch Thromboseprophylaxe?

Die Ärzte aus Wuhan gehen davon aus, dass die Virusinfektion selbst ein zusätzlicher Risikofaktor für tiefe Venenthrombosen darstellt, da die Prävalenz bei anderen schwerkranken Patienten ohne COVID-19-Erkrankung niedriger sei als in dieser und anderer COVID-19-Kohorten.

Welche therapeutischen Implikationen haben diese Befunde? Die aktuelle Fallserie besitzt nicht die statistische Power, um diese Frage definitiv beantworten zu können. Es scheint aber so, als hätte eine VTE-Prophylaxe den Hochrisikopatienten in dieser Kohorte einen gewissen Schutz geboten. In der Subgruppe mit Padua-Score ≥ 4 entwickelten 75% der Patienten (n=40), die kein niedermolekulares Heparin erhalten hatten (n=53), während des Klinikaufenthaltes eine TVT, während nur 46% der Hochrisikopatienten mit Thromboseprophylaxe davon betroffen waren (19 von 41 Patienten). Jetzt muss sich zeigen, ob sich dieser Trend auch in größeren Studien bestätigen lässt.

Die aktuellen Empfehlungen zur VTE-Prophylaxe bei COVID-19-Patienten lesen Sie in diesem Beitrag.

Literatur

Zhang Li et al. Deep Vein Thrombosis in Hospitalized Patients with Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) in Wuhan, China: Prevalence, Risk Factors, and Outcome. Circulation 2020; DOI: 10.1161/CIRCULATIONAHA.120.046702

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Bildnachweise
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Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Thorax-CT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen)
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen