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14.09.2017 | Herz und Gefäße | Nachrichten

„Empfehlungen 2017“

Deutsche Hochdruckliga: Es bleibt bei „moderaten“ Blutdruckzielwerten!

Autor:
Peter Overbeck

In aktuellen „Empfehlungen 2017“ zum Thema  Zielblutdruck  und Blutdruckmessung hält die Deutsche Hochdruckliga e.V. DHL® - Deutsche Gesellschaft für Hypertonie  weiterhin an „moderaten“ Zielwerten für die Blutdrucksenkung fest.  Sie erinnert zudem an die Notwendigkeit einer exakten Blutdruckmessung.

Auch rund zwei Jahr nach Publikation ihrer Ergebnisse wirkt die amerikanische SPRINT-Studie in den Diskussionen noch immer nach. Sie hat bekanntlich ergeben,  dass eine intensive Blutdrucksenkung nach Maßgabe eines systolischen Zielwerts von unter 120 mmHg ausgewählte Patienten mit Hypertonie signifikant besser vor kardiovaskulären Ereignissen und Todesfällen schützt als eine am gängigen Zielwert von unter 140 mmHg ausgerichtet Therapie. 

SPRINT hatte zunächst allgemein eine positive Resonanz hervorgerufen. Eine entsprechende Änderung internationaler Leilinien schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein. In der Folge sind jedoch Zweifel an der Übertragbarkeit der SPRINT-Ergebnisse auf die Alltagspraxis laut geworden. 

Kritik an der Art der Blutdruckmessung in SPRINT 

Ins Blickfeld geriet dabei die unkonventionelle Art der  Praxisblutdruckmessung in der Studie. Diese Messung erfolgte nach einer fünfminütigen Ruhephase automatisch und ohne Beaufsichtigung durch ärztliches oder nichtärztlichen Personal. Durch den Wegfall des sogenannten „Weißkitteleffekts“ seien die dabei ermittelten Werte niedriger als bei der üblichen Blutdruckmessung und somit nicht unmittelbar auf die Praxis übertragbar, lautete die Kritik. 

Die Reaktionen internationaler Fachgesellschaften waren uneinheitlich. Ebenso wie die International Society of Hypertension (ISH) nahmen auch Fachgesellschaften etwa in Kanada und Österreich die SPRINT-Ergebnisse zum Anlass, die Zielwerte zu senken und eine intensive Blutdrucksenkung zu empfehlen – natürlich nur für Patienten, die den SPRINT-Teilnehmern weitgehend gleichen. 

Es bleibt bei 140/90 mmHg als generellem Zielwert 

Die Task Force „Wissenschaftliche Stellungnahmen und Leitlinien“ der Hochdruckliga hat sich für einen anderen Weg entschieden.  „Aufgrund der erweiterten Datenlage nach SPRINT sowie darauf bezogener Publikationen und Metaanalysen empfehlen wir weiterhin einen generellen Zielwert von unter 140/90 mmHg“, verkündet Professor Bernhard Krämer, Vorstandsvorsitzender der Hochdruckliga und Mitglied der Task Force in einer DHL®-Pressemitteilung. Er erinnert daran, dass selbst dieser moderate Zielblutdruck In Deutschland gegenwärtig nur bei weniger als 60 Prozent der Patienten mit Bluthochdruck erreicht werde. „Wichtigstes Behandlungsziel für alle Ärzte muss daher sein, dass dieses Blutdruckziel erreicht wird“, fordert Krämer. 

Intensivere Senkung bei bestimmten Risikopatienten 

Eine kleine Konzession an die SPRINT-Studie in Form einer moderaten Anpassung machen die „Empfehlungen 2017“ dennoch. Zumindest bei kardiovaskulären Risikopatienten,  deren Profil dem der SPRINT-Teilnehmer entspricht, soll künftig ein Blutdruckwert von unter 135/85 mmHg angestrebt werden.

Diese Empfehlung ist demnach auf Patienten gemünzt, die bereits kardiovaskuläre Vorerkrankungen (außer Schlaganfall) aufweisen, 75 Jahre oder älter sind, an chronischer Nierenerkrankung (CKD 3, eGFR < 60 ml/min)  leiden und einem hohen kardiovaskulären Risiko (≥ 15 Prozent nach Framingham Risk Score) unterliegen. Patienten mit Diabetes mellitus, die von der SPRINT-Studie ausgeschlossen waren, zählen nicht dazu.

Da bei der empfohlenen intensiveren Blutdrucksenkung mehr Nebenwirkungen zu erwarten seien, erfordere diese Therapie regelmäßige Labortests zur Kontrolle von Nierenfunktion und Elektrolyten, betont Krämer. 

Festhalten an der konventionellen Praxisblutdruckmessung 

In ihren „Empfehlungen 2017“ nimmt die  Deutschen Hochdruckliga auch zur Blutdruckmessung Stellung.  Die in der SPRINT-Studie genutzte  Methode der Blutdruckmessung wird mit Blick auf hiesige Verhältnisse als derzeit nicht praxistauglich beurteilt. „Diese Methode wird auf lange Sicht in Deutschland nicht flächendeckend verfügbar und praktikabel sein“, so die Einschätzung Krämers. 

Die „Empfehlungen 2017“ der Deutschen Hochdruckliga beziehen sich deshalb auf die konventionelle auskultatorische oder oszillometrische Praxisblutdruckmessung mit validierten Messgeräten (im Sitzen nach fünf  Minuten Ruhe, mindestens zwei Messungen im Abstand von einer Minute mit Angabe des niedrigeren Wertes, bei Patienten mit Vorhofflimmern Mittelwert von drei Messungen) sowie auf die entsprechend niedrigeren Zielwerte bei ambulanter Selbstmessung oder 24-Stunden-Blutdruckmessung (ABDM). 

Niedrigere Zielwerte bei Selbstmessung und ABDM 

Die Hochdruckliga rät ausdrücklich dazu, wann immer möglich ambulante Messungen - also Selbstmessungen oder ABDM - für die Anpassung der antihypertensiven Therapie zu nutzen. Bei der Selbstmessung ist ein Wert von unter 135/85 mmHg das vorgegebene Maß. 

Die zuverlässigste Auskunft über die Höhe des  Blutdrucks gibt die 24-Stunden-Blutdrucklangzeitmessung. Hier gilt ein Zielwert von unter 130/80 mmHg. Tagsüber ist dabei ein etwas höherer Blutdruck (unter 135/85 mmHg) zulässig, in der Nacht sollte er unter 120/70 mmHg liegen.

 

Literatur