Onlineartikel 16.12.2019

EXCEL-Kontroverse: Studienleiter weisen alle Vorwürfe zurück

Es hat ein paar Tage gedauert, doch jetzt haben die Leiter der EXCEL-Studie reagiert: Es habe keinerlei Datenmanipulation gegeben. Auch die Relevanz der Mortalitätsdifferenz in EXCEL wird bestritten.

Die BBC hatte, wie berichtet, in einer viertelstündigen Reportage vermeintliche Manipulationen bei der EXCEL-Studie publik gemacht. EXCEL war die bisher größten Studie, in der perkutane Koronarintervention (PCI) und offene Bypasschirurgie bei Patienten mit Hauptstammstenose geringer oder moderater Komplexität (Syntax Score bis 32) verglichen wurden. Die European Society of Cardiothoracic Surgery (EACTS) hatte als Reaktion auf die BBC-Sendung angekündigt, die im Jahr 2018 gemeinsam mit der European Society of Cardiology (ESC) verfasste, europäische Leitlinie zur myokardialen Revaskularisation im Hinblick auf das Kapitel linke Hauptstammstenose nicht weiter zu unterstützen.

„Universelle Myokardinfarkt-Definition für EXCEL ungeeignet“

Nachdem seitens der Studienleiter von EXCEL nach der BBC-Reportage einige Tage lang gar nichts zu hören gewesen war, haben sie sich jetzt umso kraftvoller gemeldet. Sie haben unter Leitung von Prof. Dr. Gregg Stone von der Mount Sinai University in New York ein elfseitiges Statement vorgelegt, in dem sie auf die in der Recherche erhobenen Punkte detailliert eingehen. Auf Twitter teilte Stone außerdem mit, dass sich die Studienleiter gegenüber der Presse oder in sozialen Medien zu dem Thema nun nicht mehr äußern würden.

Konkret betonen die EXCEL-Leiter, dass sich alle involvierten EXCEL-Ärzte einschließlich der Chirurgen darauf geeinigt hätten, dass die universelle Myokardinfarkt-Definition für die EXCEL-Studie ungeeignet sei. Grund sei gewesen, dass in diese Definition postprozedurale 12-Kanal-EKGs und postprozedurale Brustschmerzen einflössen, beides problematisch zu erheben nach Bypass-Operation. Aus diesem Grund sei die CKMB-basierte Infarktdefinition genutzt worden. Diese sei – anders als in der BBC-Reportage behauptet – durchaus auch in anderen Studien verwendet worden, unter anderem in der SYNTAX-Studie, wo sie nie infrage gestellt worden sei.

Was den Vorwurf angeht, dass die Myokardinfarktdefinition im Verlauf der Studie geändert wurde, gibt es seitens Stone und Kollegen ein klares Nein. Dies sei schlicht absolut falsch, und Prof. Dr. David Taggart von der Universität Oxford, der diesen Vorwurf bei der 33. EACTS Konferenz im Oktober erstmals öffentlich erhoben hatte, habe ihn beim International Coronary Congress in New York im Oktober auch offiziell widerrufen. Das gleiche gelte für den Vorwurf, dass die EXCEL-Daten manipuliert worden seien. Auch dieser Vorwurf sei mittlerweile von Taggart zurückgezogen worden.

Metaanalyse zeigt keinen Mortalitätsunterschied

Die Stellungnahme geht auch noch einmal ausführlich auf den Mortalitätsunterschied in der 5-Jahres-Auswertung der EXCEL-Studie von absolut 3% zuungunsten der PCI ein. Dieser Unterschied war nicht statistisch signifikant, wird von den in der BBC-Sendung zu Wort kommenden EXCEL-Kritikern einschließlich Taggart sowie eines britischen Statistikers aber als relevant betrachtet. Auch die EACTS scheint zu dieser Auffassung zu neigen, zumindest begründete sie ihren Rückzug von der Leitlinie mit „Patientengefährdung“.

Das wollen die EXCEL-Autoren so nicht stehenlassen. Sie betonen einmal mehr, dass die EXCEL-Studie nicht für einen Nachweis von Mortalitätsunterschieden gepowert war. Auch seien die Todesfälle genau analysiert worden, und es habe Einigkeit bestanden, dass die Todesursachen – unter anderem Sepsis und Karzinome mehrere Jahre nach der PCI – keinen biologisch plausiblen Zusammenhang mit dem Koronareingriff gehabt hätten. Stone uns Kollegen zitieren auch eine Metaanalyse aller vier bisherigen randomisierten Vergleiche zwischen DES und Operation bei der linken Hauptstammstenose mit insgesamt 4.394 Patienten. In der Gesamtschau gebe es hier bei der 5-Jahres-Mortalität keinen signifikanten Unterschied zwischen den beiden Eingriffsarten.

Sind die geleakten Daten wissenschaftlich haltlos?

Worauf die EXCEL-Autoren um Stone entgegen manchen Erwartungen nicht im Detail eingehen, sind die genauen Häufigkeiten der Myokardinfarkte in den beiden Studienarmen bei Nutzung der unterschiedlichen Infarktdefinitionen. Das war einer der Hauptpunkte der BBC-Recherche: Die Journalisten hatten unter Bezugnahme auf ihnen zugespielte Daten behauptet, dass die Myokardinfarkt-Rate im PCI-Arm bei Nutzung der universellen Definition nicht genauso hoch wie im Arm mit Bypass-Operation, sondern um 80% höher gewesen sei.

Stone und Kollegen betonen, dass der Troponin-Wert periprozedural überhaupt nur bei relativ wenigen Patienten gemessen worden sei, und dass die Daten, auf die Bezug genommen wurde, möglicherweise aus einer exploratorischen Analyse stammten, bei der Troponin-Patienten mit CKMB-Patienten verglichen wurden. Dies sei wissenschaftlich aber nicht aussagekräftig, und daher könnten daraus auch keine Schlussfolgerungen gezogen werden. Einer Bitte, ihnen die geleakten Daten zuzusenden, seien die BBC-Journalisten nicht nachgekommen, so die EXCEL-Autoren. Sie kündigten an, eine eigen Publikation hierzu vorzulegen, die dann auf möglichst vollständigen Daten beruhen solle.

Literatur

Genereux P, Stone GW et al. Stellungnahme zur EXCEL-Kontroverse vom 12. Dezember 2019. https://s3.amazonaws.com/prod.tctmd.com/public/2019-12/Response%20final.pdf