Nachrichten 01.02.2021

Beschleunigen Kalziumpräparate die Arterienverkalkung?

Kalzium nützt zwar den Knochen, eine externe Zufuhr könnte sich aber nachteilig auf die Koronararterien auswirken. Eine aktuelle Analyse gibt jedenfalls Anlass zur Sorge.

Nahrungsergänzungsmittel sind ein großer Markt – und ein kontroverses Thema. Nicht wenige Menschen schwören auf die Wirkung solcher Präparate, wissenschaftlich belegt ist der Nutzen allerdings oft nicht.  

Wenn sie nicht nützen, so schaden sie wenigstens nicht – selbst diese, weit verbreitete Einstellung scheint nicht immer zu stimmen. Zum Beispiel für Kalzium. Eine aktuelle Analyse deutet darauf hin, dass eine externe Zufuhr des Spurenelementes Kalkablagerungen in den Koronararterien begünstigen könnte.

Fortschreitende Koronarverkalkung

„Wir konnten das erste Mal eine statistisch signifikante unabhängige Assoziation zwischen einer Kalzium-Supplementierung und einer fortschreitenden Koronararterien-Kalzifizierung demonstrieren“, erläutern die Studienautoren um Dr. Najdat Bazarbashi von der Cleveland Clinic das Hauptergebnis ihrer Analyse.

Schon länger besteht der Verdacht, dass eine externe Zufuhr von Kalzium das Risiko für Koronarkalk und damit auch das kardiovaskuläre Risiko erhöhen könnte. Diese These wird durch die aktuelle Studie weiter untermauert.   

Serielle IVUS-Untersuchungen

Das Besondere an der Analyse ist, dass der Einfluss von Kalzium auf die Koronararterien durch serielle Bildgebungs-Diagnostik evaluiert worden ist, und damit Effekte auf die Progression der Verkalkung nachgewiesen werden konnten. Für ihre Analyse haben sich Bazarbashi und Kollegen an vorhandenen Daten bedient. Und zwar von neun randomisierten Studien, in deren Rahmen Patienten mit einer Koronarerkrankung über einen Zeitraum von 18 bis 24 Monaten mittels intravaskulären Ultraschall (IVUS) untersucht worden sind.

Die Patienten wurden unterteilt: in solche, die Kalziumpräparate eingenommen hatten, insgesamt 447, und solche, die das nicht getan hatten (n= 4.700). Beide Gruppen wurden nach diversen Parametern gematcht.

Implikationen für die Praxis?

Nach einer sog. IPTW-Schätzung („inverse probability of treatment weighting“) wurde ein Unterschied zwischen beiden Gruppen offenkundig: eine Kalzium-Supplementierung ging mit einem signifikanten Anstieg des jährlichen Kalzium-Index (CaI) einher, unabhängig vom Alter, Geschlecht, der anfänglichen Kalziummenge, Statintherapie, Nierenfunktion, Änderungen der Plaquevolumen usw. (Odds Ratio, OR: 1,15; p =0,004). Volumenveränderungen in den atherosklerotischen Plaques kamen dagegen in beiden Gruppen in ähnlichem Ausmaße vor.

Interessant ist der Befund, dass die Einnahme von Kalzium nur mit einem signifikanten Anstieg des Kalzium-Index assoziiert war, wenn sich bei der Person eine Plaqueprogression nachweisen ließ (OR: 1,46; p ˂ 0,001). War das nicht der Fall, hatte die Kalziumzufuhr keinen signifikanten Einfluss auf die Entwicklung von Koronarkalk (OR: 0,94; p=0,32).  

„Die aktuellen Beobachtungen könnten potenzielle Implikationen haben für Patienten, denen über längere Zeit Kalziumpräparate verschrieben werden, besonders für diejenigen, die begleitende atherosklerotische Risikofaktoren aufweisen“, diskutieren die Studienautoren eine mögliche Konsequenz dieser Befunde.

Langfristigen klinischen Effekte sind allerdings unklar

Welche Implikationen dies sein könnten, darauf möchten sich die US-Kardiologen noch nicht festlegen. Sie weisen einzig darauf hin, dass der prokalzifierende Effekt von Kalzium in ihrer Analyse schon nach relativ kurzer Zeit nachweisbar war. Man könne nur spekulieren, wie sich das Ausmaß der Koronarverkalkung nach einer deutlich längeren Einnahmezeit verändert.

Kalziumpräparate werden häufig zur Prävention oder Therapie von Knochenerkrankungen verschrieben. Was die Knochengesundheit betrifft, scheint der Nutzen einer Kalzium-Supplementierung laut Bazarbashi und Kollegen auch gut belegt zu sein. Was die Herzgesundheit betrifft, sind die langfristigen klinischen Effekte noch immer unklar. Um darüber Aussagen treffen zu können, bedürfe es weiterer Studien, betonen die US-Kardiologen.

Literatur

Bazarbashi N et al. Oral Calcium Supplements Associate With Serial Coronary Calcification: Insights From Intravascular Ultrasound; J Am Coll Cardiol Cardiovasc Imaging. 2021;14 (1):259–68

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