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08.12.2016 | Herz und Gefäße | Nachrichten

Überraschender Befund

Wird die maskierte Hypertonie im Praxisalltag unterschätzt?

Autor:
Veronika Schlimpert

Bei der Praxismessung wird der tatsächliche Blutdruck bei gesunden Menschen eher unterschätzt als überschätzt, wie sich jetzt in einer Studie herausgestellt hat. Eine maskierte Hypertonie ist daher gerade bei jungen Menschen nicht selten. 

Die verbreitete Annahme, dass der Praxisblutdruck in der Regel höher liegt als der Wert der ambulanten Blutdruckmessung, scheint auf gesunde Menschen nicht zuzutreffen. In einer aktuellen großen US-amerikanischen Kohortenstudie war sogar genau das Gegenteil der Fall.

So lagen die Praxiswerte der 888 gesunden Teilnehmer der „Masked Hypertension Study“ im Schnitt um 7/2 mmHg niedriger als deren Werte in der ambulanten 24-Stunden-Blutdruckmessung (ABPM). Besonders ausgeprägt war diese Diskrepanz bei jüngeren, normalgewichtigen Personen. Eine maskierte Hypertonie – also erhöhte ABPM-, aber normale Praxiswerte – kam in dieser Kohorte mit einer Rate von 15,7% damit deutlich häufiger vor als eine Weißkittelhypertonie (1,0%).

Praxisblutdruck bei gesunden Menschen eher höher

„Ärzte sollten bei gesunden Menschen somit eher davon ausgehen, dass der in der Praxis gemessene Blutdruck den mittleren Blutdruck am Tage  unterschätzt als überschätzt “, resümieren die Studienautoren um Joseph Schwartz von der Stony Brook University.

Der Blutdruck der Studienteilnehmer wurde an drei verschiedenen Praxisterminen jeweils dreimal gemessen. Eingeschlossen wurden Personen, deren Blutdruck beim ersten Praxisbesuch unter 160/105 mmHg gelegen hatte. Die Teilnehmer waren arbeitstätig und mit einem mittleren Alter von 45 Jahren relativ jung, sie waren weder kardiovaskulär vorerkrankt, noch nahmen sie antihypertensive Medikamente ein. Nach den drei Praxismessungen erfolgte bei jedem Teilnehmer eine ambulante 24-Stunden-Blutdruckmessung.

Vom Alter und BMI abhängig

Der mittlere ABPM-Wert lag dabei mit 123,0/77,4 mmHg signifikant höher als die mittleren aus den drei Praxisbesuchen gepoolten Werte (116,0/75,4 mmHg). Bei mehr als einem Drittel der Teilnehmer überstieg der systolische ambulante Wert den Praxisblutdruck um mehr als 10 mmHg. Der umgekehrte Fall – also ein um 10 mmHg höherer Praxisblutdruck als der ABPM-Wert – kam nur bei 2,5% der Teilnehmer vor. 

Mit steigendem Alter und BMI schwächte sich die Diskrepanz zwischen Praxisblutdruck und ABPM-Wert zunehmend ab, wobei der Praxisblutdruck den ambulanten Wert zu keinem Zeitpunkt überstieg. Der diastolische Praxisblutdruck hingegen lag bei Teilnehmern ab einem Alter von etwa 65 Jahre im Schnitt höher als der ABPM-Wert. 

Am deutlichsten zeigte sich der Unterschied zwischen Praxisblutdruck und ABPM-Wert bei einem BMI unter 25 kg/m². Im Falle des diastolischen Blutdrucks kehrte sich das Verhältnis ab einem BMI von 32,5 kg/m² um. Ab einem BMI von etwa 35 kg/m² lag der diastolische Praxisblutdruck dann signifikant höher als der ABPM-Wert. 

Erklärung: Junge und schlanke Menschen bewegen sich mehr

Eine nach Ansicht der Studienautoren plausible Erklärung dafür, dass gerade bei jüngeren, schlanken Personen die ambulanten Blutdruckwerte die Praxisblutdruckwerte übersteigen, ist wahrscheinlich deren vermehrte körperliche Betätigung. Die Assoziation zwischen ambulanten Blutdruckwerten, Alter und BMI könnte also im Wesentlichen durch die körperliche Aktivität abgeschwächt werden, vermuten die Wissenschaftler.

Beeinflusst wird das Verhältnis von Praxisblutdruck und ambulanten Blutdruckwerten wohl aber auch durch die Höhe des in der Praxis gemessenen Blutdrucks. So lag die Wahrscheinlichkeit, in der ambulanten Blutdruckmessung einen Wert ≥135 mmHg aufzuweisen, für Teilnehmer mit einem Praxisblutdruck von 120 mmHg bei gerade mal 10%; diejenigen mit einem hoch normalen Praxisblutdruck von über 135 mmHg hatten hingegen schon eine über 50%iges Risiko für eine maskierte Hypertonie. 

ABPM-Screening bei jungen Menschen mit hochnormalem Praxisblutdruck 

Daher könnte es gerade bei jüngeren, schlanken Menschen mit einem Praxisblutdruck im oberen normalen Bereich (130–139/85–89 mmHg) in der hausärztlichen Versorgung sinnvoll sein, eine ambulante 24-Stunden-Blutdruckmessung oder alternativ eine häusliche Blutdruckmessung in die Wege zu leiten, um eine möglicherweise maskierte Hypertonie erkennen zu können, wie Bryan Williams in einem begleitenden Editorial zur Studie ausführt. Immerhin gehe eine maskierte Hypertonie mit einem vergleichbar hohen kardiovaskulären Risiko einher wie eine diagnostizierte Hypertonie. Ob Patienten mit einer maskierten Hypertonie hinsichtlich ihres kardiovaskulären Risikos von einer medikamentösen Intervention profitieren, muss allerdings erst in randomisierten klinischen Studien untersucht werden.

Wichtig für die Interpretation dieser Ergebnisse ist allerdings die Tatsache, dass die Praxismessungen in dieser Studie streng nach den gültigen Leitlinienprotokollen vorgenommen worden sind. In der alltäglichen Praxis seien entsprechende Blutdruckmessungen häufig fehlerbehaftet, bemerken die Studienautoren. Somit ist fraglich, ob diese Befunde die Realität wirklich widerspiegeln. Darüber hinaus waren nur wenige Studienteilnehmer über 65 Jahre alt, sodass ein Rückschluss auf diese Altersgruppe ebenfalls nicht möglich ist.

Literatur