Nachrichten 23.10.2020

Neue Therapie wirkt nephro- und kardioprotektiv bei Nierenkranken

Der Wirkstoff Finerenon verzögert bei Patienten mit Typ-2-Diabetes die Progression einer bestehenden chronischen Nierenerkrankung. Auch kardiale Ereignissen werden damit reduziert, belegen Ergebnisse einer großen Phase-III-Studie.

Finerenon, ein nicht-steroidaler selektiver Mineralokortikoidrezeptor-Antagonist (MRA), hat sich in der FIDELIO-DKD-Studie (Finerenon in Reducing Kidney Failure and Disease Progression in Diabetic Kidney Disease) bei Patienten mit Typ-2-Diabetes und fortgeschrittener chronischer Nierenerkrankung als klinisch wirksam erwiesen. Sowohl die Progression der diabetischen Nephropathie (primärer Endpunkt) als auch das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse (sekundärer Endpunkt) wurden durch Finerenon additiv zur Standardtherapie signifikant verringert.

Die FIDELIO-DKD-Studie ist bei der virtuellen Tagung („Kidney Week 2020 Reimagined”) der American Society of Nephrology (ASN) vorgestellt und simultan im „New England Journal of Medicine“ publiziert worden.

Signifikante Reduktion um 18% beim primären Studienendpunkt

Primärer Endpunkt der FIDELIO-DKD-Studie ist eine Kombination der renalen Ereignisse Nierenversagen (Dialysepflichtigkeit, Nierentransplantation  oder geschätzte glomeruläre Filtrationsrate [eGRF] <15 ml/min/1,73 m2), anhaltende Nierenfunktionsverschlechterung (eGFR-Abnahme ≥40% gegenüber dem Ausgangswert über mindestens vier Wochen) und renal verursachter Tod. Bezüglich dieses kombinierten Endpunkts wurden mit Finerenon folgende Ergebnisse erzielt:

  • Von Ereignissen des primären kombinierten Endpunkts waren nach einem medianen Follow-up von 2,6 Jahren 504 von 2.833 Patienten (17,8%) in der Finerenon-Gruppe und 600 von 2.841 Patienten (21,1%) in der Placebo-Gruppe betroffen. Der Unterschied entspricht einer signifikanten relativen Risikoreduktion um 18% durch Finerenon (Hazard Ratio [HR]: 0,82, 95% Konfidenzintervall [KI]: 0,73–0,93; p=0,001).
  • Das Risiko für ein Nierenversagen als Endpunktkomponente wurde relativ um 17% (Inzidenz: 7,3% vs. 8,3%) und das Risiko für eine anhaltende eGRF-Abnahme relativ um 19% (16,9% vs. 20,3%) verringert. Es gab jeweils zwei renal verursachte Todesfälle in beiden Gruppen.
  • Aus einem absoluten Unterschied um 3,4 Prozentpunkte nach drei Jahren resultiert rechnerisch, dass 29 Patienten mit Finerenon behandelt werden mussten, um ein Ereignis des primären Endpunktes zu verhindern (Number Needed to Treat, NNT: 29).

Rate kardiovaskulärer Ereignisse um 14% reduziert

Bezüglich seiner Wirkung auf kardiovaskuläre Ereignisse ist Finerenon anhand eines sekundären Endpunkts (key secondary outcome) mit Placebo verglichen worden. Dieser Endpunkt setzte sich aus tödlichen (kardiovaskulärer Tod) und nicht tödlichen kardiovaskulären Ereignissen (Myokardinfarkt, Schlaganfall oder Krankenhausaufenthalt wegen Herzinsuffizienz) zusammen. Hier gab es folgende Ergebnisse:

  • Von im sekundären Endpunkt kombinierten kardiovaskulären Ereignissen waren im Studienverlauf 365 Patienten (13%) in der Finerenon-Gruppe und 420 Patienten (14,8%) in der Placebo-Gruppe betroffen. Der Unterschied entspricht einer signifikanten relativen Risikoreduktion um 14% durch Finerenon (HR: 0,86, 95% KI: 0,75–0,99; p=0,03).
  • Mit Ausnahme von Schlaganfällen ergab sich für alle anderen Komponenten dieses sekundären Endpunkts eine tendenzielle Abnahme unter Finerenon.
  • Aus einem absoluten Unterschied um 2,4 Prozentpunkte nach drei Jahren resultiert rechnerisch, dass 42 Patienten mit Finerenon behandelt werden mussten, um ein kardiovaskuläres Endpunkt-Ereignis zu verhindern (NNT: 42).

Die Inzidenzrate für als schwerwiegend beurteilte unerwünschte Effekte waren in der Finerenon- und Placebo-Gruppe annähernd gleich. Allerdings waren Hyperkaliämie-bezogene Nebenwirkungen (18,3% vs. 9,0%) sowie Hyperkaliämie-bedingte Therapieabbrüche (2,3% vs. 0,9%) unter Finerenon doppelt so häufig zu verzeichnen als unter Placebo.

Sehr früher Effekt auf kardiovaskuläre Ereignisse

Der mit Finerenon in FIDELIO-DKD bei Patienten mit einem hohen Risiko sowohl für renal als auch kardiovaskuläre Komplikationen erzielte Nutzen sei klinisch bedeutsam und auf Basis einer leitliniengerechten Standardtherapie erzielt worden, konstatieren die Studienautoren um Prof. George L. Bakris aus Chicago. Ein Effekt auf renale Ereignisse sei nach etwa einem Jahr, ein Effekt auf kardiovaskuläre Ereignisse dagegen schon nach etwa einem Monat erkennbar geworden.

Allerdings sei die Effektstärke in FIDELIO-DKD geringer als etwa in der CREDENCE-Studie, in der ein SGLT2-Hemmer (Canagliflozin) bezüglich seiner protektiven Wirkung bei Patienten mit Typ-2-Diabetes und Nephropathie geprüft wurde, so die Studienautoren. Mögliche Gründe dafür könnten Unterschiede bei den rekrutierten Studienpopulationen, bei der Definition der Studienendpunkte oder bei der Art der Begleitmedikation sein. So sei etwa eine SGLT2-Hemmer-Therapie in der FIDELIO-DKD-Studie erlaubt gewesen, während Patienten mit MRA-Therapie von der CREDENCE-Studie ausgeschlossen waren.

Weitere klinische Großstudie läuft noch

FIDELIO-DKD ist eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte und multizentrische Phase-III-Studie, in die weltweit insgesamt 5.734 Patienten mit Typ-2-Diabetes und diagnostizierter chronischer Nierenerkrankung (eGRF ≥25 – <75 ml/min/1,73 m2 sowie persistierende Albuminurie) aufgenommen wurden. Nach Zufallszuteilung wurden sie additiv zur Standardtherapie (blutzucker- und blutdrucksenkende Therapien sowie obligat RAS-Blocker wie ACE-Hemmer oder AT1-Rezeptorblocker in maximaler verträglicher Dosierung) mit Finerenon (10 mg oder 20 mg) oder Placebo behandelt.

Zum Phase-III-Forschungsprogramm mit Finerenon zählt neben FIDELIO-DKD auch die noch laufende Studie FIGARO-DKD (FInerenone in reducinG  cArdiovascular moRtality and mOrbidity in Diabetic Kidney Disease), in der Finerenon bei rund 7.400 Patienten mit Nierenerkrankung und Typ-2-Diabetes gegen Placebo geprüft wird. Im Fokus steht hier primär die mögliche Reduzierung der kardiovaskulären Morbidität und Mortalität.

Literatur

Vorgestellt am 23. Oktober 2020 bei der virtuellen Tagung („Kidney Week 2020 Reimagined”) der American Society of Nephrology (ASN)

Bakris G.L. et al.: Effect of Finerenone on Chronic Kidney Disease in Typ 2 Diabetes. N Engl J Med 2020

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