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25.08.2017 | Herz und Sport | Nachrichten

Was ist noch normal?

EKG-Befunde von Sportlern häufig falsch interpretiert

Autor:
Veronika Schlimpert

EKG-Veränderungen bei Sportlern richtig einzuordnen, ist nicht einfach. Selbst erfahrene Kardiologen liegen bei ihrer Einschätzung relativ häufig daneben, wie eine Studie nun offenlegt.  Die neuen internationalen Empfehlungen zur Auswertung von Sportler-EKGs könnten die Spezifität weiter verbessern.

Was ist noch normal, was ist pathologisch? Bei Sportlern finden sich aufgrund physiologischer Anpassungen im Herzen recht häufig trainingsbedingte EKG-Veränderungen, die aber keine Gefahr darstellen und daher auch keine weitere Abklärung bedürfen. Solche für Sportler typischen EKG-Veränderungen sollten Kardiologen eigentlich kennen, um weitere unnötige und kostenintensive Folgeuntersuchungen zu vermeiden. Doch noch immer scheint hier eine gewisse Unsicherheit vorzuherrschen, wie eine aktuelle Auswertung von 400 Sportler-EKGs andeutet.

Mit Erfahrung geht es besser

Insgesamt acht Kardiologen gaben ihre Einschätzung dazu ab. Die gute Nachricht: Alle pathologischen Befunde wurden durchweg erkannt. Allerdings wurden die Normalbefunde recht häufig fehlgedeutet. Nicht überraschend lagen die vier unerfahrenen Kardiologen öfter daneben als ihre erfahrenen Kollegen (Odds Ratio, OR: 1,44). Als erfahren galt, wer mehr als zwei Jahre lang in einer spezialisierten Sportkardiologie-Abteilung gearbeitet und EKG-Auswertungen von ≥ 1.000 Athleten vorgenommen hatte.

So war die Wahrscheinlichkeit, dass ein unerfahrener Kardiologe eine weiterführende Diagnostik veranlasste um fast das Fünffache höher als bei einem erfahrenen Kollegen (in 17,7 vs. 7,0% der Fälle). Entsprechend waren auch die Kosten pro Patient für eine kardiovaskuläre Abklärung dann deutlich höher (175  vs. 101 Dollar).

Falsch-positive Ergebnisse trotzdem häufig

Allerdings hätten selbst die erfahrenen Kardiologen nur mittelmäßig abgeschnitten, berichten die Studienautoren um Harshil Dhutia von der St. George Universität in London. Wie man sich denken könne, treiben solche Fehleinschätzungen die Kosten für Screening-Programme bei Sportlern unnötigerweise in die Höhe.

Systematische Screening-Programme von Sportlern inklusive EKG-Untersuchungen sind noch immer umstritten. Die Wirksamkeit solcher Programme, Todesfälle und Herzkreislaufstillstände zu verhindern, ließ sich in großen prospektiven Studien bisher nicht eindeutig belegen. Des Weiteren argumentieren die Gegner mit der recht hohen Anzahl an falsch-positiven Ergebnissen, die unnötige Folgeuntersuchungen mit sich ziehen und in Einzelfällen sogar der Ausschluss vom Wettkampfsport bedeuten könnten.

Von der ESC und auch von großen Sportverbänden wie der FIFA und dem Internationalem Olympischen Komitee werden EKG-Untersuchungen bei jungen Sportlern aber empfohlen. Das Risiko für die Sportler, einen plötzlichen Herztod zu erleiden, soll dadurch verringert werden.

Maßnahmen zur Verbesserung der Spezifität

Um dabei die Rate an falsch-positiven Ergebnissen zu senken, wurden in den letzten Jahren drei Konsensusempfehlungen (ESC von 2010, die Seattle-Kriterien von 2013 und eine überarbeitete Version von Sheikh et al. 2014)  herausgebracht, an denen sich die acht Kardiologen orientieren sollten. Darin sind normale und abnormale EKG-Befunde bei Sportlern sehr detailliert beschrieben. Im Unterschied zu den Seattle-Kriterien definiert die überarbeitete Version von 2014 beispielsweise eine QT-Intervall-Verlängerung von ≥ 470 ms bei den Männern (früher > 440 ms) und ≥ 480 ms bei den Frauen (früher: > 460 ms) als abklärungsbedürftig.

Die neueren Empfehlungen führten vor allem bei den unerfahrenen Kardiologen zu einer höheren Genauigkeit; diese näherte sich der ihrer erfahrenen Kollegen an (falsch positive Rate von 39,0% mit den ESC-Kriterien, 16,1% mit den Seattle- und 7,2% mit den überarbeiteten Kriterien).

Doch stellte sich heraus, dass die Kardiologen noch immer Schwierigkeiten hatten, eine Verlängerung des QT-Intervalls richtig einzuschätzen, obwohl der Grenzwert dafür nun höher festgelegt wurde. Probleme gab es beispielsweise auch bei der Identifikation pathologischer Q-Wellen und ST-Senkungen.

Neue Empfehlungen von 2017

Die Autoren fordern deshalb spezielle Trainings- und Schulungsprogramme, damit Ärzte zwischen pathologischen und physiologischen EKG-Befunden bei Sportlern besser unterscheiden können. „Mit dieser Studie möchten wir Sportverbände nicht davon abhalten, eine EKG-Untersuchung ihrer Mitglieder vorzunehmen“, betonen sie. Ihnen geht es vielmehr darum, wie sich die Spezifität der Untersuchungen noch weiter verbessern lässt. In Deutschland hat die DGK u. a. deshalb die Zusatzqualifikation „Sportkardiologie“ auf dem Weg gebracht (www.kardiologie.org/zusatzbezeichnung-sportkardiologie-angestrebt/9974354).

In diesem Kontext ist auch auf die 2017 erschienene neue internationale Empfehlung zur EKG-Beurteilung bei Sportlern hingewiesen. Wie Jordan Prutkin und Jonathan Drezner in einem Editorial ausführen, könnten die aktuellen Empfehlungen die Spezifität der Sportler-EKG-Untersuchungen weiter verbessern. Die wesentlichen Neuerungen sind:

  • T-Wellen (bzw. T-Zacken) bei Kindern und Jugendlichen (< 16 Jahren) werden als normal angesehen.
  • Neue Definition für pathologische Q-Zacken.
  • Negative T-Wellen in Ableitungen V5 oder V6 bedürfen einer weiteren Abklärung.
  • Die Kriterien für eine Vergrößerung der Vorhöfe im EKG, einschließlich der Achsenabweichungen, ebenso wie ein kompletter Rechtschenkelblock gelten als abklärungsbedürftig („borderline findings“), wenn ≥ 2 zusätzliche abnorme Befunde im EKG vorliegen.
Literatur

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