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04.01.2018 | Herz und Sport | Nachrichten

Überraschender Befund bei Triathleten

Führt extensiver Sport zur Narbenbildung im Herz?

Autor:
Veronika Schlimpert

Bei Triathleten ließen sich in einer aktuellen Studie Vernarbungen im Herzen nachweisen. Wissenschaftler vermuten deshalb, dass es eine Schwelle gibt, ab der Sport für das Herz gefährlich werden könnte.

Gibt es beim Sport ein zu viel des Guten? Diese Frage wird unter Experten schon länger diskutiert. Einerseits zeigte sich in Studien, dass an Wettkämpfen teilnehmende Ausdauersportler in der Regel länger leben als die Normalbevölkerung. Auf der anderen Seite weisen in letzter Zeit immer mehr Untersuchungen darauf hin, dass exzessives Training den Koronarien auch schaden könnte. So ließ sich bei extremen Ausdauersportlern beispielsweise mehr Koronarkalk nachweisen als bei ihren Altersgenossen.

Ursache für plötzlichen Herztod bei Sportlern?

Für die Existenz einer Art Obergrenze beim Sport spricht nun auch eine weitere Studie aus Hamburg. Wissenschaftler um Dr. Enver Tahir haben sich die Herzen von 83 gesunden Triathleten genauer angeschaut und dabei einen überraschenden Befund gemacht: Bei 9 der 54 männlichen Athleten, also bei 17%, ließ sich im MRT anhand eines „Late Gadolinium-Enhancement“ (LGE) eine fokale nichtischämische Myokardfibrose nachweisen. Bei den 22 männlichen Kontrollpersonen zeigten sich dagegen keine Anzeichen einer Herzschädigung, ebenso nicht bei den Frauen (29 Triathletinnen und 14 weibliche Kontrollpersonen).

Nach Ansicht der Studienautoren könnten diese subklinischen Veränderungen die Ursache für den bei Sportlern zwar selten, aber doch immer wieder vorkommenden plötzlichen Herztod sein. „Für viele kardiologische Erkrankungen ist bekannt, dass myokardiale Vernarbungen das Substrat für Kammerflimmern darstellen“, äußert sich Studienleiter Prof. Gunnar Lund vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf gegenüber kardiologie.org.

Risiko vor allem bei extremen Distanzen

Auffallend war, dass die Triathleten mit Myokardfibrosen in ihrer aktiven Wettkampfzeit längere Schwimm- und Raddistanzen bzw. generell größere Distanzen zurückgelegt hatten als jene ohne einen solchen Befund (insgesamt: 5.852 km vs. 2.406 km). Sie hatten zudem öfter an Ironman-Wettkämpfen (Schwimmdistanz: 3,86 km; Radfahretappe: 180,2 km; Marathonlauf: 42,2 km) oder Half-Ironman-Wettkämpfen teilgenommen.

Das Risiko, dass sich im Herz Narben bilden, scheine somit vom Ausmaß der lebenslangen sportlichen Aktivität abzuhängen, schlussfolgern die Studienautoren.

So ergab eine insgesamt zurückgelegte Rennrad-Wettkampf-Distanz von mehr als 1.880 km den besten prognostischen Vorhersagewert. Sprich, die Sportler, die mehr als 1.880 Kilometer auf dem Rennrad im Wettkampf bestritten hatten, hatten mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Myokardfibrose entwickelt (Spezifität: 79%; Sensitivität: 89%). Oder anders herum: Unterhalb dieser Schwelle scheint das Risiko gering und die sportliche Aktivität damit sicher zu sein.  

Warum aber hatte sich bei keiner Frau eine Myokardfibrose ausgebildet? Lund vermutet, dass Männer im Training und Wettkampf eher an ihre Leistungsgrenze gehen als Frauen. Ein Beleg für diese Vermutung gebe es aber nicht. 

Gibt es eine Obergrenze?

Und trotz dieser Studienbefunde lässt sich nicht mit endgültiger Sicherheit sagen, dass die exzessive körperliche Betätigung kausal an der Narbenbildung beteiligt war. Zwar erreichten die Sportler, bei denen Myokardfibrosen nachgewiesen wurden, in der Spiroergometrie einen signifikant höheren systolischen Blutdruck unter Maximalbelastung als Athleten ohne MRT-Befund (213 vs. 194 mmHg) und die linksventrikuläre  Muskelmasse war bei ihnen deutlich ausgeprägter (93 vs. 84 g/m²), was beides dafür spricht, dass ein wiederholter belastungsinduzierter Bluthochdruck zur Narbenbildung beigetragen haben könnte. Gegen diese Theorie spricht jedoch, dass Triathleten in der Regel unterhalb dieser maximalen Belastungsgrenze trainieren.

Bzgl. der Lokalisierung der Myokardfibrosen fällt auf, dass diese in fünf von neun betroffenen Sportlern hauptsächlich subepikardial vorzufinden war – ein für eine Myokarditis typischer Befund. Bei nur zwei Personen war das Narbengewebe an der posterioren Insertionsstelle des rechten Ventrikels lokalisiert, was typischerweise bei einer rechtsventrikulären Druckbelastung vorzufinden ist.

Myokarditis als mögliche Ursache

Der Massachusetts General Hospital tätige Sportkardiologe Prof. Aaron Baggish vermutet deshalb, dass in vielen Fällen eine unbemerkt gebliebene Infektion die Ursache für die festgestellten Myokardvernarbungen gewesen sein könnte. „Eine subklinische Myokarditis, eine Erkrankung mit unbekannter Inzidenz, ist wahrscheinlich die wichtigste Ursache für eine diffuse linksventrikuläre Wandfibrose bei Athleten“, schreibt er in einem Editorial. Auf hoher Intensität betriebenes Ausdauertraining verschlimmere womöglich die Zellschädigungen und Entzündungsprozesse, die durch eine Infektion in Gang gesetzt werden, bis hin zu dauerhaften Schädigungen.

Allerdings betont Baggish, dass es bis dato völlig unklar ist, inwieweit zufällig entdeckte fokale nichtischämische Myokardnarben klinisch überhaupt relevant sind. Bis das geklärt sei, mache es wohl mehr Sinn, den Patienten und nicht den „Befund“ zu behandeln. „Denn eine ‚Überreaktion‘ auf eine zufällige entdecke Narbe berge die Gefahr, mehr Schaden als Gutes anzurichten.“

„Sportler nicht verunsichern“

Lund und sein Team möchten nun durch engmaschige Nachuntersuchungen herausfinden, ob sich die Myokardfibrosen langfristig auf irgendeine Weise auswirken könnten. Den neun betroffenen Athleten empfehlen sie auf den Blutdruck unter Belastung zu achten und diesen bei wiederholt gemessenen zu hohen Blutdruckwerten medikamentös zu behandeln. Weitere Empfehlungen sind nach Ansicht von Lund nicht gerechtfertigt. Sie wollen die Sportler nicht verunsichern. „Ein generelles Verbot von Langdistanzen ist zurzeit sicherlich nicht gerechtfertigt“, betont der Kardiologe und Radiologe.

Einschlusskriterium für die Triathleten in der Studie war ein Trainingspensum von mindestens zehn Stunden pro Woche und die Teilnahme an mehreren Wettkämpfen in den vergangenen Jahren. Im Schnitt waren sie 43 Jahre alt. Die Kontrollpersonen trainierten weniger als drei Stunden pro Woche. Alle Teilnehmer gaben an, keine leistungssteigernden Substanzen eingenommen zu haben. Vollkommen auszuschließen ist aber nicht, dass die Einnahme entsprechender Substanzen das Ergebnis beeinflusst haben könnte.

Literatur