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19.08.2017 | Herz und Sport | Nachrichten

Sportkardiologie

Hochintensive Intervalle oder Ausdauer – welche Trainingsform und -dosis ist optimal?

Autor:
Dr. med. Wolfgang Mayer-Berger

Zur Sekundärprophylaxe kardiovaskulärer Erkrankungen empfehlen die Leitlinien Ausdauertraining. Doch wird das geforderte Trainings- volumen nicht erreicht. Ist Hochintensitäts- Intervalltraining (HIIT) besser, weil zeitsparender?

Ausdauertraining ist die Hauptstütze („mainstay“) der Bewegungs- und Sporttherapie! Lance Gould hat in einem Editorial in Circulation im April 2016 die Masse an Evidenz der nützlichen Effekte des Ausdauertrainings auf den Punkt gebracht: „Regular exercise improves every-thing – hypertension, diabetes mellitus, lipid profile, endothelial function, heart failure, diastolic dysfunction, weight loss, catechol regulation, mobility, balance, strength, endurance, and mental function...“ [1, 2].

Leider sieht der Bewegungsalltag in der Bevölkerung inzwischen ziemlich geruhsam aus. Von 24 Stunden verbringt der „repräsentative“ Amerikaner lediglich 12 min im annähernd empfohlenen Bereich von „mäßig“ bis „schwer“ – was nach unserer klinischen Erfahrung hierzulande sicher ähnlich ist! Daher muss es unser Anliegen sein, die Menschen wieder „in Bewegung“ zu bringen. Dabei sollten die großen Muskelgruppen einbezogen werden (Schwerpunkt Beine) und wie bei einer Medikation die geeignete Dosis „verordnet“ werden.

Belastungs-EKG: Ausgangspunkt für die Trainingsplanung

Als Ausgangspunkt für die Trainingsplanung ist ein Belastungs-EKG möglichst mit Ausbelastung nötig, um die maximal erreichte Herzfrequenz zu ermitteln. Die „Leitlinie körperliche Aktivität zur Sekundärprävention und Therapie kardiovaskulärer Erkrankungen“ von 2009 empfiehlt beim Ausdauertraining 5×/Woche 20–30 min, also 100–150 min bei 60–70% der maximal erreichten Herzfrequenz im Belastungstest, bzw. 40–60 % der Herzfrequenzreserve (maximale Herzfrequenz minus Ruheherzfrequenz). Das entspricht den internationalen Vorgaben [3].

Dabei wird jedoch das Volumen (= Intensität × Dauer) in den Vordergrund gerückt. 150 min/Woche bei 3–6 MET (metabolische Äquivalente, bzw. ca. 50–100 Watt bei 70 kg Körpergewicht), also „mäßig“ (500–1.000 MET-min, ca. 550– 1.100 kcal/Woche, wünschenswert mindestens 1.500 kcal). Alternativ kann man höher trainieren („vigorous“), d. h. 75 min/Woche bei 6–12 MET (ca. 100–200 Watt). Bei dem Dosisthema zeichnet sich das Dilemma ab, dass nur ein Bruchteil der Personen, die maximal von dieser Therapie profitieren, das mäßige Niveau überhaupt erreicht, geschweige denn „vigorous“.

Hochintensitäts-Intervalltraining

Seit einiger Zeit werden allerdings Alternativen zum Ausdauertraining diskutiert. Im Gegensatz zum Trainingsprinzip des Ausdauertrainings mit gleichbleibender Belastung (nach Aufwärmen), wechseln sich beim Hochintensitäts-Intervalltraining (HIIT) Phasen sehr hoher Belastung mit Phasen „aktiver Erholung“ auf niedrigem Niveau ab. Für Patienten mit koronarer Herzkrankheit liegen inzwischen mehrere Publikationen der Saintex-CAD-Studie aus Leuven vor, die sich mit dem Vergleich von Ausdauertraining und HIIT bei normaler Herzfunktion beschäftigen [4, 5]. Je 100 Patienten bekamen entweder „moderates“ Ausdauertraining (Ziel 75–80% der maximal erreichten Herzfrequenz, ca. 150 min/Woche) oder aerobes Intervalltraining (HIIT nach Wisloff mit dem Ziel von 90–95 % und ca. 120 min/Woche). Der tatsächliche Wert lag beim Ausdauertraining bei 88 % – also höher als geplant – und unter 90 % bei HIIT – also niedriger als vorgesehen.

Dementsprechend war die Steigerung der peak-VO2 (maximale Sauerstoffaufnahme in der Spiroergometrie) vergleichbar, im Gegensatz zu früheren Daten. Auch nach einem Jahr Nachbeobachtung ergab sich kein Unterschied. Bemerkenswert ist, dass der Energieverbrauch beim Ausdauertraining höher war. Gerade dieser Effekt ist aus medizinischer Sicht bei den Risikopatienten mit Bluthochdruck und Diabetes mellitus (metabolisches Syndrom) erwünscht. Für HIIT spricht einzig die höhere „Zeitersparnis“ (30 min/Woche), die allerdings mit einer gleichzeitigen Steigerung der Komplexität (Steuerung bei Aktivitäten mit schwieriger/nicht exakter Pulskontrolle) verbunden ist.

Bei der immer größer werdenden Subgruppe der „Älteren“ (≥ 75 Jahre) ist ein Training absolut notwendig, um Mobilität und Unabhängigkeit zu erhalten. Gerade diese Gruppe ist aber gefährdet durch Übertraining, Gebrechlichkeit und Sturzgefahr. Der Grundsatz „begin low, go slow“ passt aber nicht zum Konzept des HIIT. Dies gilt analog für Frauen, die häufig einen schlechten Fitnesslevel aufweisen.

Goldstandard bei Herzinsuffizienz ist die Spiroergometrie

Bei Herzinsuffizienz sollte der Goldstandard der Trainingsplanung die Spiroergometrie sein, um die ventilatorischen Schwellen zu ermitteln [6]. Der optimale Trainingsbereich liegt dabei zwischen 1. und 2. ventilatorischer Schwelle unter Berücksichtigung klinischer Daten. Daraus kann die maximale Herzfrequenz für das Training festgelegt werden. Ein Vergleich von Ausdauertraining und HIIT bei Herzinsuffizienz wurde in der gerade veröffentlichten SMARTEX-HF-Studie vorgenommen [7]. Dabei war die Ejektionsfraktion kleiner 35%, das NYHA-Stadium II–III und die Erkrankungsursache war überwiegend ischämisch. Das Belastungsprotokoll war analog der Saintex-CAD-Studie. 261 Patienten bekamen über 12 Wochen entweder „moderates“ Ausdauertraining (Ziel 60–70 % der maximalen Herzfrequenz, 38 min/Sitzung) oder aerobes Intervalltraining (HIIT nach Wisloff bei Ziel 90–95 % und 47 min/Sitzung). Die tatsächliche Trainingsleistung lag bei 80% der Patienten im Ausdauertraining höher als geplant und bei 51 % der Patienten mit HIIT unter dem geforderten Soll. Die Steigerung der peak-VO2 war wiederum gleich. Unerwünschte Effekte traten in der HIIT-Gruppe tendenziell häufiger auf. Das Ergebnis zeigte also erneut keine Überlegenheit von HIIT.

Erst kürzlich wurde eine Arbeit publiziert, die dafür spricht, dass positive periphere muskuläre Effekte nur bei HIIT auftreten [8]. Im zugehörigen Editorial wird jedoch gefragt: „Who is the beneficiary candidate and how many patients may really tolerate HIIT...?“ Diese Fragen sollten vor der generellen Anwendung von HIIT erst wissenschaftlich beantwortet werden.

Fazit: Wir sollten mehr Erfahrung über ein höher dosiertes Ausdauertraining bei beschwerdefreien Patienten/Probanden sammeln (etwa 80 % der maximalen Herzfrequenz, ggf. + 5 %). Selbstverständlich können gut Trainierte von mäßiger Intensität (150 min/Woche bei 3–6 MET oder bei 50–100 Watt bei 70 kg Körpergewicht) auf den anspruchsvolleren Trainingsmodus („vigorous“) wechseln, unter Verkürzung der Dauer (75 min/Woche bei 6–12 MET, oder 100–200 Watt bei 70 kg; also in der Summe gleichbleibend). Dabei erscheint angesichts des allgemeinen Trainingszustandes in der Risikobevölkerung (metabolisches Syndrom) bereits das Erreichen eines „mäßigen“ Niveaus herausfordernd. Gerade hier wäre Ausdauertraining für die Energiebilanz günstig. Aus heutiger Sicht bleibt die (nicht sehr große) Zielgruppe für HIIT erst noch wissenschaftlich zu definieren und Ausdauertraining bleibt das Hauptstandbein.

Literatur