Nachrichten 18.02.2020

Sport und Atherosklerose: 5 Antworten auf kontroverse Fragen

Körperliche Aktivität verringert das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen und Tod. Allerdings zeigen neue Studien bei Sportlern mehr atherosklerotische Plaques als bei weniger Aktiven. Das wirft Fragen auf. Ein aktuelles Review liefert Antworten.

Nur 15 Minuten körperliche Aktivität pro Tag verringern die Gesamtmortalität um 14% und senken das kardiovaskuläre Risiko. Neue Studien weisen jedoch darauf hin, dass bei Sportlern die Prävalenz von Koronarkalk (CAC) und atherosklerotischen Plaques höher ist als bei weniger aktiven Menschen. Wie passt das zusammen? Die Forscher um Dr. Vincent Aengevaeren von der Radboud Universität im niederländischen Nijmegen haben die bisherige Forschung dazu analysiert und Antworten auf fünf wichtige Fragen zusammengetragen.

1) Sind Sportler immun gegen Atherosklerose?

Atherosklerose wurde zunächst für eine typische Erkrankung der modernen Gesellschaft gehalten, da körperliche Inaktivität und ungesunde Ernährung heute verbreitet sind. Computertomographien von Mumien ergaben jedoch, dass 45% davon bereits mit rund 45 Jahren Atherosklerose hatten. Eine Studie aus den 1960er-Jahren zeigte, dass es für die Entwicklung der Erkrankung keine Rolle spielte, ob die Person einen Bürojob oder einen körperlich aktiven Beruf gehabt hatte.

1977 erschien eine Studie mit Autopsieberichten von Läufern, von denen keiner an atherosklerotischer koronarer Herzkrankheit gestorben war, weshalb vermutet wurde, dass sie vor Koronarsklerose geschützt sein könnten. 1979 wurde jedoch bei Marathonläufern eindeutig koronare Atherosklerose nachgewiesen, was die Hypothese widerlegte. Atherosklerose hängt zwar stark von körperlicher Aktivität und Ernährung ab, Sportler sind jedoch nicht immun dagegen.

2) Wie ist die koronare Atherosklerose bei Sportlern zu beurteilen?

Heute wird koronare Atherosklerose meist per CT-Scan gemessen. Wird kein Kontrastmittel verwendet, lässt sich die CAC-Dichte berechnen, ein starker Prädiktor für zukünftige kardiovaskuläre Erkrankungen. Eine höhere CAC-Dichte ist mit einem geringeren kardiovaskulären Risiko assoziiert, während ein größeres CAC-Volumen mit einem höheren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen assoziiert ist.

Mit einer kontrastmittelverstärkten Koronarangiografie kann auch das Lumen der Koronararterien abgebildet und die Art der Plaques bestimmt werden. Die Unterscheidung zwischen kalzifizierten, nicht kalzifizierten und gemischten Plaques wirkt sich deutlich auf das kardiovaskuläre Risiko aus. In einer Studie wurde bei fast 4500 Patienten das 3-Jahresrisiko für schwere kardiale Komplikationen (major adverse cardiac events, MACE) verglichen: Kalzifizierte Plaques waren mit einem Risiko von 6%, nicht-kalzifizierte mit einem Risiko von 23% und gemischte Plaques mit einem Risiko von 38% assoziiert.

3) Unterscheidet sich die koronare Atherosklerose von Sportlern und weniger Aktiven?

Zunächst wurde angenommen, dass Sportler seltener eine Koronaratherosklerose entwickeln. Eine Studie von 2008 deutete dann überraschend auf eine stärkere Atherosklerose bei Sportlern im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung hin, da bei ihnen mehr CAC gemessen wurde. Weitere Analysen zeigten, dass die aktivsten Sportler einer Kohorte häufiger CAC hatten als die am wenigsten Aktiven. Auch eine US-Studie bestätigte das, sodass die Ergebnisse insgesamt darauf hinweisen, dass Sportler gegenüber Kontrollpersonen eine hohe CAC-Prävalenz haben.

Die Plaquemorphologie unterschied sich in den Studien jedoch signifikant. Die Sportler hatten überwiegend kalzifizierte Plaques (73%) statt gemischte Plaques (23%), während die Kontrollgruppen weniger kalzifizierte (31%) und überwiegend gemischte Plaques (62%) aufwiesen. Zudem hatten die aktivsten Sportler seltener gemischte Plaques (48%) gegenüber den am wenigsten aktiven Sportlern (69%) und häufiger kalzifizierte Plaques (38% vs. 16%). Das deutet auf eine vorteilhaftere Plaquezusammensetzung bei Sportlern hin, da kalzifizierte Plaques mit einem geringeren kardiovaskulären Risiko assoziiert sind. 

4) Gibt es Unterschiede je nach Sportart und Geschlecht?

Die meisten Studien zu koronarer Atherosklerose bei Sportlern rekrutierten Läufer und Radfahrer. Eine dänische Studie ergab, dass Radfahrer im Vergleich zu Läufern weniger atherosklerotische Plaques und tendenziell weniger CAC hatten. Zudem stellten sie bei den Radfahrern eine mildere Plaquezusammensetzung fest, diese hatten häufiger nur kalzifizierte Plaques. In anderen Untersuchungen zeigten sich keine signifikanten Unterschiede. Mögliche Erklärungen für die unterschiedlichen Ergebnisse sind die relativ kleinen Kohorten, zudem üben manche Sportler mehrere Sportarten aus, weshalb weitere Studien erforderlich sind.

Die meisten Probanden waren Männer, da sie häufiger koronare Arteriosklerose und ein höheres Risiko für plötzlichen Herztod beim Training haben. In einer Studie mit Sportlerinnen wurden keine Unterschiede bezüglich CAC- und Plaques-Prävalenz gegenüber der Kontrollgruppe gefunden, möglicherweise weil Frauen vor der Menopause teilnahmen, was vor koronarer Atherosklerose schützt. Eine weitere Studie zeigte weniger Plaques bei Läuferinnen gegenüber wenig aktiven Frauen, diese wiesen jedoch einen höheren BMI und mehr Risikofaktoren auf, was den Vergleich in Frage stellt. In einer anderen Studie war körperliche Aktivität bei Frauen nicht mit mehr CAC assoziiert, bei Männern hingegen schon. Bei Männern scheint der Zusammenhang von Sport und Atherosklerose demnach ausgeprägter, möglicherweise wird er bei Frauen durch Östrogen abgeschwächt.

5) Müssen sich Sportler wegen ihres kardiovaskulären Risikos Sorgen machen?

Obwohl CAC mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko einhergeht, zeigte eine Studie, dass bei den Teilnehmern mit CAC < 100 die Gesamtmortalität bei den aktivsten Personen niedriger war als bei den am wenigsten Aktiven. Bei den Teilnehmern mit CAC > 100 ergab sich kein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen. Eine weitere Studie untersuchte die Auswirkungen von Sport auf CAC und Mortalität, das Ergebnis auch hier: Personen mit hohem CAC, die viel Sport treiben, haben ein geringeres Mortalitätsrisiko als weniger aktive Gleichaltrige.

Auch epidemiologische Studien weisen auf eine höhere Lebenserwartung sowohl von Profi- als auch von Hobbysportlern hin. Körperliche Aktivität scheint die Lebensdauer um rund drei Jahre zu verlängern, besonders Ausdauersport. Das geringere Risiko bei vorhandenem CAC und die höhere Lebenserwartung von Sportlern lassen sich möglicherweise durch vorteilhafte Anpassungen der Koronargefäße an das Training erklären. Jedenfalls brauchen sich Sportler keine Sorgen wegen ihres kardiovaskulären Risikos zu machen, da sie eine höhere Lebenserwartung haben.

Literatur

Aengevaeren V et al. Coronary atherosclerosis in middle‐aged athletes: Current insights, burning questions, and future perspectives. Clinical Cardiology 2020. https://doi.org/10.1002/clc.2334

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