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05.09.2018 | Herz und Sport | Nachrichten

Neue Empfehlungen

Wann KHK-Patienten Wettkampfsport betreiben dürfen und wann nicht

Autor:
Prof. Dr. med. Martin Halle

­Was soll man Patienten mit KHK oder Koronaranomalien raten, die Wettkampfsport betreiben wollen? Damit hat sich ein neues Konsensuspapier auseinandergesetzt. Mitautor Prof. Martin Halle aus München hat die wichtigsten Aspekte zusammengefasst.

In dem aktuellen Konsensuspapier der „European Association of Preventive Cardiology“ (EAPC) wurden Empfehlungen für Patienten mit koronarer Herzkrankheit, Koronaranomalien und Myokardbrücken bezüglich der Teilnahme an Wettkampfsport und ambitioniertem Freizeitsport überarbeitet und mehrere neue Aspekte aufgenommen.

Sowohl in der primären als auch sekundären Prävention der koronaren Herzerkrankung ist körperliche Aktivität und Sport ein etablierter und entscheidender Faktor der Therapie zu sehen und sollte von allen Patienten durchgeführt werden.

Nur ein kleines Kollektiv dieser Patientengruppe möchte auch an Wettkämpfen teilnehmen und ist somit höher-intensiven sportlichen Belastungen ausgesetzt. In diesem Konsensuspapier soll dargestellt werden, wann eine Teilnahme an Wettkämpfen auch für diese Patientengruppe möglich ist und in welchen Fällen keine Freigabe von medizinischer Seite erfolgen sollte.

1.)  Empfehlungen für Patienten mit koronarer Herzerkrankung

Die wichtigste Neuerung betrifft eine mögliche Teilnahme für Patienten mit koronarer Herzerkrankung (KHK) an Wettkampfsport. Laut Expertenmeinung sollten nur Patienten mit einem erhöhten Risiko für kardiale Ereignisse und Patienten mit fortschreitender Erkrankung von Wettkampfsport ausgeschlossen werden sollten. 

Eine Teilnahme an Wettkampfsport bedeutet, dass sich Patienten kardiozirkulatorisch maximal ausbelasten können müssen, ohne dass das Risiko für kardiale Ereignisse erhöht ist. Hierzu muss eine detaillierte Untersuchung vorab gewährleistet sein:

Anamnese

In der Anamnese der Patienten ist die klinische Beschwerdefreiheit während der Belastung als Grundvoraussetzung für die Teilnahme an Wettkampfsport zu sehen. Jedoch muss beachtet werden, dass sportliche Patienten mit koronarer Herzerkrankung durch die gute Kollateralisierung beschwerdefrei sein können, sodass sich die Krankheit oder eine Progression durch andere Faktoren wie eingeschränkte Leistungsfähigkeit und erhöhte Pulswerte während der Belastung zeigen kann.

Belastungs-EKG

Patienten mit koronarer Herzerkrankung, die an Wettkampfsport teilnehmen wollen, müssen maximal ausbelastet werden.

Dies ist der wichtigste Aspekt der Untersuchung, was im klinischen Alltag häufig nicht erreicht wird. Nur wenn dieses Patientenkollektiv maximal ausbelastet ist, können Rückschlüsse für die Teilnahme an Wettkampfsport gezogen werden.

Die Ergometrie ist nicht nur für die Detektion von ischämietypischen Veränderungen sinnvoll, sondern durch die Dokumentation der maximalen Leistungsfähigkeit, von Rhythmusstörungen und des Blutdruckverhaltens unter Belastung können wichtige Parameter zur Einschätzung der klinischen Situation des Patienten gezogen werden.

Bewertung der Ergometrie:

  • Unauffällige Ergometrie:
    Bei klinischer Beschwerdefreiheit und bei unauffälliger Ergometrie – Ausbelastung vorausgesetzt – sind keine weiteren Untersuchungen für KHK-Patienten mit normaler systolischer Pumpfunktion notwendig. Die Teilnahme an Wettkampfsport kann erfolgen. 
    Es sollten jährliche Untersuchungen durchgeführt und die kardiovaskulären Risikofaktoren medikamentös optimal eingestellt werden.
  • Ergometrie ohne eindeutiges Ergebnis / nicht auswertbar:
    Im Falle von nicht eindeutigen Ergebnissen der Ergometrie (zum Beispiel ST-Senkung von 0,15 mV oder untypische aszendierende ST-Senkungen) oder bei nicht interpretierbaren EKGs bei Patienten mit vorbekanntem Blockbildern wird eine weitere kardiale Abklärung mittels Stresstestung empfohlen (Stress-Echo/-MRI/PET/SPECT).
  • Auffällige Ergometrie:
    Bei auffälliger Ergometrie wird die Durchführung eines Koronar-CTs oder die Koronarangiografie empfohlen
Die Regel für KHK-Patienten

Beschwerdefreie Patienten mit koronarer Herzerkrankung, normaler linksventrikulärer Pumpfunktion und ohne Ischämienachweis bei maximaler Ausbelastung können sowohl jede Art von Freizeitsport ausüben  – als auch an jedem Wettkampfsport teilnehmen.

Kardiovaskuläre Risikofaktoren und die antiischämische Therapie müssen optimal eingestellt werden und regelmäßige, jährliche medizinische Verlaufsuntersuchungen müssen erfolgen.

Risikoeinschätzung für kardiale Ereignisse

Patienten mit hohem Risiko für ein kardiales Ereignis und Patienten mit Ischämienachweis sollten von Wettkampfsport ausgeschlossen werden. Wann ein hohes und wann ein niedriges Risiko für das Auftreten kardialer Ereignisse vorliegt, zeigt die Tabelle. 

Nur wenn keine Ischämie mehr nachgewiesen wird (z. B. nach erfolgter Revaskularisierung) kann eine Teilnahme an Wettkämpfen erfolgen. Wichtig ist natürlich, dass immer eine optimale medikamentöse antiischämische Therapie zusätzlich erfolgt.

Bezüglich der Teilnahme an Wettkampfsport nach Revaskularisierung durch eine PCI wird ein Abstand von mindestens drei Monaten empfohlen, vorausgesetzt der Patient fällt nun in die Kategorie des niedrigen Risikos und ohne Ischämienachweis bei der Belastungsuntersuchung.

Beachtet werden sollte außerdem die Vermeidung von Kontaktsportarten bei einer dualen antithrombozytären Therapie.

Niedrige Wahrscheinlichkeit für kardiale Ereignisse, wenn alle Punkte erfüllt sind

Hohe Wahrscheinlichkeit für kardiale Ereignisse, wenn einer der Punkte erfüllt ist

Keine kritischen Koronarstenosen (<70%) der großen Koronararterien oder <50% des linken Hauptstammes.

Mindestens eine kritische Stenosierung (>70%) der großen Koronararterien oder Stenosierung >50% des linken Hauptstammes.

Normale linksventrikuläre, systolische Funktion ( ≥50%) und keine nachweisbaren Wandbewegungsstörungen (Echokardiografie, MRT oder Angiografie)

Eingeschränkte linksventrikuläre systolische Funktion <50%

Ausschluss einer Ischämie in der Ergometrie

Nachweis einer Ischämie in der Ergometrie

Ausschluss von ventrikulären, tachykarden Rhythmusstörungen in Ruhe und während der Belastung

Nachweis von ventrikulären, tachykarden Rhythmusstörungen belastungsunabhängig

Altersbezogene Leistungsfähigkeit im Normbereich

Klinische Beschwerden: Dyspnoe bei geringer Belastung (Angina Äquivalent)

Synkopen oder Schwindel bei maximaler Belastung

Nachweis von ausgeprägten myokardialen Narben in der Bildgebung

Patienten mit hohem Risiko für ein kardiales Ereignis und Patienten mit Ischämienachweis sollten von Wettkampfsport ausgeschlossen werden.

Nur wenn keine Ischämie mehr nachgewiesen wird (z. B. nach erfolgter Revaskularisierung) kann eine Teilnahme an Wettkämpfen erfolgen. Wichtig ist natürlich, dass immer eine optimale medikamentöse antiischämische Therapie zusätzlich erfolgt.

Bezüglich der Teilnahme an Wettkampfsport nach Revaskularisierung durch eine PCI wird ein Abstand von mindestens drei Monaten empfohlen, vorausgesetzt der Patient fällt nun in die Kategorie des niedrigen Risikos und ohne Ischämienachweis bei der Belastungsuntersuchung.

Beachtet werden sollte außerdem die Vermeidung von Kontaktsportarten bei einer dualen antithrombozytären Therapie.

Sportarten

Grundsätzlich gibt es keine Sportarten, die für Patienten mit koronarer Herzerkrankung verboten sind. Jedoch muss gegebenenfalls individuell entschieden werden, ob eine Teilnahme bei bestimmten Voraussetzungen des Wettkampfes erfolgen sollte.
Hierzu gehören zum Beispiel Ultra-Belastungen und Wettkämpfe bei bestimmten situativen Gegebenheiten wie zum Beispiel sehr heißen Temperaturen, wo es zu ausgeprägten Elektrolytverschiebungen kommen kann. Hierzu werden keine allgemeinen Empfehlungen ausgesprochen, jedoch sollte die Art des Wettkampfes und die Gegebenheiten immer individuell beachtet werden.

2. Empfehlungen für Patienten mit Koronaranomalien

Grundsätzlich ist es wichtig bei kardiologischen Beschwerden überhaupt an die Möglichkeit einer Koronaranomalie zu denken, da oft das Ruhe- und Belastungs-EKG und die Echokardiografie unauffällig sind.  Synkopen und pektanginöse Beschwerden bei Belastung können die ersten Symptome der Patienten sein. Obwohl strukturell und genetisch bedingt kann die Symptomatik auch erst im höheren Lebensalter auftreten.

Ob eine Teilnahme an Wettkampfsport möglich ist, ist von der Anatomie der Koronaranomalie, des Vorliegens von Symptomen und einer Ischämie unter Belastung abhängig.

Bei Koronaranomalien mit Verlauf zwischen Aorta und Pulmonalarterien kann es durch die Kompression gerade während der Belastung zur Ischämie kommen. Bei dieser Variante ist ein deutlich erhöhtes kardiales Risiko vorhanden, sodass von einer Teilnahme an Wettkampfsport und auch von höheren Belastungen dringend abgeraten wird. Erst nach operativer Korrektur, nach Ausschluss einer Ischämie und bei Symptomfreiheit kann Wettkampfsport in Erwägung gezogen werden.

Koronaranomalien ohne interarteriellen Verlauf scheinen ein niedrigeres kardiales Risiko zu haben, sodass bei unauffälliger Belastungsuntersuchung und fehlender Symptomatik zwar keine operative Therapie indiziert ist, eine Empfehlung für Wettkampfsport aufgrund fehlender Daten jedoch nur auf individueller Basis gegeben werden kann.

Bei Ursprung der A. circumflexa aus dem rechten Sinus ist bei Beschwerdefreiheit und Ausschluss einer Ischämie bei der Belastungsuntersuchung keine Einschränkung hinsichtlich der Teilnahme an Wettkämpfen gegeben.

3. Empfehlungen für Patienten mit Myokardbrücken

  • Asymptomatische Patienten mit vorhandener Muskelbrücke, jedoch ohne Ischämienachweis oder Rhythmusstörung unter Belastung dürfen jeden Freizeitsport und auch Wettkampfsport ausüben (Klasse IIA, Level C).
  • Patienten mit nachweisbarer Muskelbrücke und dem Nachweis einer Ischämie sollten primär eine medikamentöse Therapie mit einem Betablocker erhalten, im Falle der Persistenz der Ischämie und Symptomatik sollte eine chirurgische Option in Erwägung gezogen werden (Klasse IIA, Level C).

Fazit

Die wichtigste Neuerung des Konsensuspapiers betrifft die Lockerung des Wettkampfverbotes für Patienten mit koronarer Herzkrankheit. Asymptomatische Patienten mit niedrigem Risikoprofil für kardiale Ereignisse und ohne belastungsinduzierte Ischämie bei Ausbelastung können an Wettkampfsport teilnehmen.

Literatur