Nachrichten 20.05.2020

Sterben in Coronazeiten mehr Menschen an Aortendissektionen?

In New York versterben aktuell bis zu zehnmal mehr Menschen in der eigenen Wohnung als im Jahr zuvor. Herzchirurgen haben einen Verdacht, woran das liegen könnte.

Die Coronapandemie hat New York City schwer getroffen. Mitte April 2020 registrierte die Metropole bereits mehr als 110.000 Infizierte. Zur selben Zeit stiegen die Todesfälle im häuslichen Umfeld um das Acht- bis Zehnfache an. Woran liegt das?

New Yorker Herzchirurgen um Prof. Ismail El-Hamamsy haben die Vermutung, dass dieser Anstieg auf indirekte Auswirkungen der Coronapandemie zurückzuführen ist.

Auf der ganzen Welt wird etwa über einen Rückgang an Klinikeinweisungen wegen akuter Herzinfarkte berichtet, vermutlich weil die Patienten aus Angst vor Ansteckung zuhause bleiben (mehr dazu lesen Sie in diesem Beitrag).

Drastischer Rückgang an Aortendissektionen

Doch diese Beobachtung trifft offenbar nicht nur auf das akute Koronarsyndrom zu. El-Hamamsy und Kollegen, die an unterschiedlichen Kliniken in New York tätig sind, verzeichnen seit Ausbruch der Coronapandemie einen starken Rückgang an chirurgisch behandelten akuten Typ-A-Aortendissektionen. Die Rate sank von vormals durchschnittlich 12,8 Fälle auf 3,0 Fälle im Monat, was einem Rückgang von 76,5% entspricht (p=0,007).  Auch wenn man die Interventionsanzahl seit Januar bis April 2020 mit der Rate desselben Zeitraumes der letzten vier Jahren vergleicht, bestätigt sich dieser drastische Rückgang.

Die New Yorker Herzchirurgen vermuten, dass Faktoren, die indirekt mit der Pandemie in Verbindung stehen, für diesen Rückgang verantwortlich sind, so wie es auch für das ACS angenommen wird: Patienten bleiben aus Angst zuhause, überlastete Notaufnahmen usw.  

Unbehandelte Aortendissektionen enden oft tödlich

Ein zu spätes Eingreifen kann jedoch gerade bei Typ-A-Aortendissektionen tödlich enden. Ohne  eine Notfalloperation liege die 30-Tages-Mortalität bei dieser Komplikation zwischen 50% und 60%, erläutern El-Hamamsy und Kollegen die Notwendigkeit einer sofortigen Intervention.

Zwar ist es den Ärzten nicht möglich, anhand dieser Daten eine kausalen Zusammenhang zwischen den vermehrt registrierten Todesfällen im eigenen Haushalt und den Rückgang an Aortendissektionen zu ziehen. „Anlass zum Nachdenken“ geben sie aber allemal.  

Literatur

El-Hamamsy I et al. Dissections in New York: A Matter of Public Health. J Am Coll Cardiol 2020, DOI: https://doi.org/10.1016/j.jacc.2020.05.022.

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Bildnachweise
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Transthorakale Echokardiografie/© Monique Tröbs, Mohamed Marwan, Universitätsklinikum Erlangen
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