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05.06.2015 | Nachrichten | Onlineartikel

Depressionen

Herzinsuffizienz: Entscheidet Psyche über Leben und Tod?

Autor:
Philipp Grätzel

Eine erste Auswertung der OPERA-HF-Studie belegt einmal mehr den engen Zusammenhang zwischen Prognose der Herzinsuffizienz und Depression: Die Sterblichkeit ist fünfmal höher. Was die besten Konsequenzen daraus sind, ist weniger klar.

Die Studie OPERA-HF (Observational Study to Predict Readmission for Heart Failure Patients) ist eine noch laufende, retrospektive Beobachtungsstudie, an der derzeit etwas mehr als 300 Patienten teilnehmen, die zuvor wegen Herzinsuffizienz ins Krankenhaus eingewiesen worden waren. Ziel der von Professor John Cleland vom Imperial College London geleiteten Studie ist, prognostische Faktoren bei der schweren Herzinsuffizienz im ersten Jahr nach der Entlassung etwas genauer auszuleuchten.

Bei der ESC-Konferenz Heart Failure 2015 in Sevilla wurde eine erste Teilauswertung der Studie präsentiert, die sich auf 154 Patienten bezog, die das 1-Jahres-Follow-up bereits absolviert hatten. Das mittlere Alter lag bei 71 Jahren. Alle Patienten hatten eine LVEF von 40% oder darunter sowie einen vergrößerten linken Vorhof und/oder ein erhöhtes NT-proBNP. Zu Studienbeginn wurden Komorbiditäten erhoben und mit Hilfe des Charlson Comorbidity Index (CCI) quantifiziert.

Zum Komorbiditäts-Screening zählte auch ein Depressionsfragebogen (Hospital Anxiety and Depression Scale, HADS-D). Basierend darauf hatten 24 der 154 Patienten eine moderate bis schwere Depression und weitere 27 eine milde Depression. Dies korrelierte stark mit der Gesamtmortalität: Jeder zweite moderat bis schwer depressive Patient mit Herzinsuffizienz verstarb innerhalb des einjährigen Beobachtungszeitraums. Bei milder Depression war es gut jeder Fünfte (22,2%). Dagegen waren nur 8,7% der Herzinsuffizienzpatienten ohne Depression nach einem Jahr verstorben.

Fünffach erhöhtes Sterberisiko

Unadjustiert errechnete sich daraus ein etwa fünffach erhöhtes Risiko für den Tod jeglicher Ursache innerhalb eines Jahres (HR 5,2; 95% CI 2,4-10,9; p<0,001). Nach Adjustierung für Alter, Geschlecht, Bluthochdruck und Schwere der Herzinsuffizienz, gemessen am NT-proBNP, blieb dieser Zusammenhang bestehen (HR 6,5; 95% CI 2,2-19,3; p<0,001), genauso nach zusätzlicher Adjustierung für den CCI, also für Komorbiditäten (HR 6,96; 95% CI 2,19-22,15; p<0,01).

Cleland betonte, dass die moderat bis schwer depressiven Patienten nach den üblichen Kriterien nicht schwerer herzinsuffizient waren. Sie hatten auch nicht mehr Komorbiditäten, jedenfalls nicht, wenn der CCI als Grundlage genommen wird. Der CCI ist allerdings nur ein grober Anhalt für den Komorbiditätsstatus. Es gibt immer wieder retrospektive epidemiologische Studien, in denen nach CCI-Adjustierung noch deutlich erhöhte Risiken dahinschmelzen, wenn etwas strenger nach Komorbiditäten stratifiziert wird.

Was kann der Arzt tun?

Trotzdem hält Cleland es für nicht unwahrscheinlich, dass die Depression die Hauptursache für die erhöhte Mortalität ist. Typische Symptome der Depression wie der Verlust des Interesses an alltäglichen Aktivitäten, Schlaf- und Appetitstörungen und Gewichtsverlust könnten dazu beitragen, dass die ohnehin fragile Gesundheit der schwer herzinsuffizienten Patienten zusätzlich beeinträchtigt wird. Denkbar sei auch, dass depressive Patienten Medikamente weniger konsequent einnehmen.

Für den behandelnden Arzt stellt sich angesichts dieser Daten natürlich die Frage, was er tun sollte. Cleland empfiehlt ein Depressions-Screening bei Patienten mit Herzinsuffizienz. Was eher nichts bringt ist, den Patienten einfach selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) zusätzlich zur Herzinsuffizienzmedikation zu verordnen.

SSRI  ohne Effekt auf Tod und Klinikeinweisungen

Hierzu wurden bei der ACC 2015-Tagung im März in San Diego die Ergebnisse der randomisierten Multi-Center-Studie MOOD-HF vorgestellt, die von Dr. Christiane Angermann von der Universität Würzburg geleitet worden war. In dieser Studie mit über 300 depressiven Herzinsuffizienz-Patienten hatte der SSRI Escitalopram im Vergleich zu Placebo keinen Effekt auf Tod oder Hospitalisierung jeglicher Ursache über einen Zeitraum von zwei Jahren.

Cleland spekulierte in Sevilla, dass es bei depressiven Patienten mit Herzinsuffizienz möglicherweise zielführender sein könnte, mit kognitiv-verhaltenstherapeutischen Methoden an die Probleme heranzugehen. Angesichts der begrenzten Prognose der Betroffenen dürften hier vor allem stark fokussierte, zeitlich begrenzte Interventionen in Betracht kommen.

Im April haben Sozialmediziner und Kardiologen der Linköping Universität im schwedischen Norrköping in der Zeitschrift „Patient Education and Couseling“ eine der ersten auf kognitiver Verhaltenstherapie basierenden Internetinterventionen vorgestellt, die sich im Rahmen eines neunwöchigen Programms spezifisch an depressive Patienten mit Herzinsuffizienz richtet. Eine Machbarkeitsstudie verlief erfolgreich. Die Intervention muss aber noch randomisiert überprüft werden.

Literatur