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16.04.2015 | Nachrichten | Onlineartikel

Interview mit DGK-Tagungspräsident Professor Stephan Felix

Herzinsuffizienz im wissenschaftlichen Focus

Autor:
Jochen Aumiller

Schwerpunktthema der 81. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) war die Herzinsuffizienz. Experte dafür ist Professor Stephan Felix, Universitätsmedizin Greifswald, der in diesem Jahr Tagungspräsident des Kongresses in Mannheim war. Mit ihm sprachen wir über aktuelle Aspekte der Herzinsuffizienz.


Die Herzinsuffizienz stand im Mittelpunkt der diesjährigen Jahrestagung, das war Ihr Privileg als Tagungspräsident, Herr Prof. Stephan Felix. Trotz hoher Investitionen in neue Therapieverfahren, so betonten sie, ist die Prävalenz unverändert hoch.

Felix: Ja, und die Prognose der akuten Herzinsuffizienz liegt mit einer 1-Jahres-Sterblichkeit unverändert bei ca. 35%. Die Prognose der chronischen Herzinsuffizienz hat sich während der letzten 20 Jahre infolge von Fortschritten der Pharmakotherapie gebessert. Die Mortalität mit einer 5-Jahres-Sterblichkeit von ca. 50% ist jedoch langfristig hoch.

Wird trotz aller genetischen Entschlüsselungen der Umbauprozess, das Remodeling, bei der ischämisch bedingten Insuffizienz noch nicht verstanden?

Felix: Gerade auf diesem Gebiet wird aktuell die Grundlagenforschung intensiviert. Die molekularen Umbauvorgänge nach einem Myokardinfarkt in der Narbe und im überlebenden Myokard sind noch nicht vollständig verstanden. Wir erwarten hier in den nächsten 10 Jahren wichtige Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung, die auch therapeutisch von großem Interesse sind.

Wird der Ansatz „Myokardreparatur über Stammzellen“ überbewertet?

Felix: Ich glaube, dass sich auf diesem Gebiet der Forschungsfokus verschoben hat: Während ursprünglich hinter der Stammzelltherapie das Konzept einer Transdifferenzierung von Stammzellen zu Kardiomyozyten stand, stehen jetzt günstige Effekte von Mediatoren und Wachstumsfaktoren, die aus den Stammzellen freigesetzt werden, im wissenschaftlichen Fokus.

Gibt es bei der Insuffizienz-Entwicklung einen „point of no return“, der nur noch palliative, symptomatische Ansätze sinnvoll erscheinen lässt?

Felix: Ich glaube nicht, dass es in der Herzinsuffizienz prinzipiell einen definierten „point of no return“ gibt. Palliative oder symptomatische Therapieansätze hängen von der individuellen Situation der Patienten ab, insbesondere von den Begleiterkrankungen. Bei der terminalen Herzinsuffizienz kann den betroffenen Patienten immer noch die Herztransplantation angeboten werden. In Deutschland nimmt jedoch die Zahl der Herztransplantationen ab und die Herztransplantation steht damit immer weniger Patienten als reale Therapieoption zur Verfügung. Auf kardiochirurgischem Gebiet hat sich jedoch während der letzten Jahre viel getan: Insbesondere die Herz-Kreislauf-Unterstützungssysteme sind weiterentwickelt worden und es ist zu erwarten, dass den Patienten mit terminaler Herzinsuffizienz diese Therapieoption in den nächsten 20 Jahren als eine definitive therapeutische Alternative zur Herztransplantation angeboten werden kann.

Im letzten Jahrzehnt erlebten wir eine mächtige technische Aufrüstung mit interventionellen Verfahren und Devices (ICD,CRT, Assist Devices). Ein massiver Kostenschub setzte ein. Wie bewerten Sie die Kosten-Nutzen-Abwägung in der Versorgung der Herzinsuffizienz?

Felix: Kostensteigerungen durch innovative interventionelle Verfahren sind gerechtfertigt, wenn ihre Wirksamkeit durch Studien wissenschaftlich belegt ist. Zahlreiche Studien haben nachgewiesen, dass eine Device-Therapie die Prognose der Herzinsuffizienz bessert. Nach meiner Auffassung ist für diese Verfahren die Kosten-Nutzen-Relation positiv. Auf diesem Gebiet besteht ferner ein hohes Innovationspotential: Die neuen Devices (ICD, CRT) bieten auch Möglichkeiten einer telemedizinischen Nutzung und damit einer besseren Patientenüberwachung.

Vor nun 4 Jahren wurde das DZHK gegründet, die Therapie der Herzinsuffizienz ist eines von 3 Schwerpunktthemen, Sie sind mit Ihrer Klinik in Greifswald Principal Investigator. Sehen Sie bei den angelaufenen Forschungsarbeiten schon Licht am Horizont, wenigstens Teilergebnisse, die sich in die Klinik translatieren lassen?

Felix: Die Herzinsuffizienz ist in der Tat ein Forschungsschwerpunkt des DZHK. Auf diesem Gebiet werden aktuell im DZHK innovative Studien durchgeführt. Die Studien sind langfristig angelegt. Noch ist es zu früh, diesbezüglich über konkrete Forschungsergebnisse zu spekulieren.

Letzte Frage: In Ihrer Eröffnungsrede beklagten Sie den „künstlichen Kostendruck“ in der kardiologischen Versorgung ganz allgemein. Steckt dahinter vielleicht der Preis für eine „technische“ Überversorgung mit Stents und anderen Devices? Haben Prävention und Rehabilitation nur noch nachgeordnete Bedeutung?

Felix: In meiner Eröffnungsrede habe ich mich auf die zu geringe Vergütung ärztlicher Leistungen im DRG-System bezogen und den dadurch entstandenen Kostendruck. Dies ist ein realer und kein künstlicher Kostendruck. Die Kosten-Erlös-Schere geht immer weiter auseinander. Als Beispiel habe ich die PTCA genannt: Den Daten des Herzberichts von 2014 zufolge werden in Deutschland PTCAs in ca. 50% der Fälle bei Patienten mit akutem Koronarsyndrom durchgeführt. Man darf hier nicht von einer Überversorgung, sondern von einer guidelinegerechten Therapie sprechen. Andererseits habe ich kritisiert, dass 2014 im Vergleich zum Vorjahr der Erlös für eine PTCA beim akuten Myokardinfarkt im DRG-Katalog um fast 50% abgewertet wurde. Aktuell ist im DRG-Katalog weder die Komplexität der Prozedur noch die Komorbidität der Patienten adäquat abgebildet. Die immer geringeren Erlöse für identische oder verbesserte Leistungen haben für die Kliniken erhebliche ökonomische Konsequenzen.
Ich glaube nicht, dass in Deutschland eine Überversorgung mit Devices besteht. Trotzdem besteht die Notwendigkeit, die Prävention zu verbessern und auch im DRG-System besser abzubilden.

Das Interview führte Dr. Jochen Aumiller

Literatur