Nachrichten 15.11.2021

Akute Herzinsuffizienz: Frühe Therapie mit Empagliflozin von Vorteil

Bei wegen akuter Herzinsuffizienz hospitalisierten Patienten scheint es sich zu lohnen, eine Therapie mit dem SGLT2-Hemmer Empagliflozin bereits in der Zeit des Klinikaufenthalts einzuleiten. Dafür sprechen Ergebnisse einer beim AHA-Kongress vorgestellten Studie.

Die Strategie, eine Behandlung mit Empagliflozin bei stabilisierten Patienten mit akuter Herzinsuffizienz (de novo oder dekompensiert) bereits wenige Tage nach Aufnahme in eine Klinik zu starten, hat sich in der randomisierten EMPULSE-Studie nicht nur als sicher erwiesen. Nach frühem Therapiebeginn war zudem die Wahrscheinlichkeit, dass die Patienten in den nächsten Monaten von der Empagliflozin-Behandlung klinisch profitierten, signifikant höher als in der Placebo-Gruppe – unabhängig davon, ob sie einem Diabetes hatten oder nicht.

„Win Ratio“ spricht für klinischen Nutzen einer frühen Therapie

Primärer Studienendpunkt der EMPULSE-Studie war der „klinische Nutzen“ innerhalb von 90 Tagen nach Therapiebeginn. Definiert war dieser Endpunkt als Kombination aus allen Todesfällen, Häufigkeit von Herzinsuffizienz-Ereignissen, Zeit bis zum ersten Herzinsuffizienz-Ereignis sowie Veränderung der mithilfe eines herzinsuffizienzspezifischen Fragebogens (KCCQ-TSS) erfassten Lebensqualität der Patienten.

Gemessen wurde der auf Basis dieser Ereignisse festgestellte „klinische Nutzen“ anhand der sogenannten stratifizierten „Win Ratio“. Bei dieser Methode zur Analyse kombinierter Endpunkte wird eine „Win Ratio“ durch Zuordnung der Patienten zu „Siegern oder Verlierern“ bezüglich der Ereignisse ermittelt. Die so festgestellte Rate soll mehr über den Benefit einer geprüften Therapie aussagen als ein bloßer statistischer p-Wert.

Das sind die wesentlichen EMPULSE-Ergebnisse:

  • Bei Patienten der Empagliflozin-Gruppe, bei denen die Therapie mit dem SGLT2-Hemmer im Median drei Tage nach Klinikaufnahme gestartet wurde, war die Wahrscheinlichkeit für einen „klinischen Nutzen“ in den drei Folgemonaten signifikant um 36% höher als in der Placebo-Gruppe (stratifizierte Win Ratio: 1,36; 95% Konfidenzintervall: 1,09-1,68, p=0,0054).
  • Die Raten für die Mortalität (4,2% vs. 8,3%) und für Herzinsuffizienz-Ereignisse (10,6% vs. 14,7%) waren in dieser Zeit in der Empagliflozin-Gruppe numerisch niedriger als im Placebo-Arm.
  • Entscheidender Treiber für den klaren Vorteil beim „klinischen Nutzen“ war eine signifikante Verbesserung der Lebensqualität durch Empagliflozin (Unterschied um 4,5 Punkte beim KCCQ-TSS zugunsten des SGLT2-Hemmers, p=0,0347).
  • Anhaltspunkte für Sicherheitsbedenken gibt es nicht: Die Raten für schwere bzw. für alle unerwünschten Effekte waren in der Empagliflozin-Gruppe sogar niedriger als unter Placebo. Hypotonien oder Ketoazidosen wurden nicht beobachtet. Akutes Nierenversagen trat unter Empagliflozin im Vergleich seltener auf (7,7% vs. 12,1%).

Nutzen unabhängig vom Diabetes-Status

Der niederländische Studienleiter Dr. Adriaan A. Voors von der Universität Groningen hat die EMPULSE-Ergebnisse auf einer „Late-breaking science“-Sitzung beim virtuellen Kongress der American Heart Association (AHA 2021) vorgestellt. Es sei nicht nur sicher, sondern auch nutzbringend, mit der Therapie schon früh in der Klinik zu beginnen, so Voors. Der Nutzen der früh initiierten Therapie mit Empagliflozin war dabei unabhängig davon, welchen Herzinsuffizienz-Typ die Patienten aufwiesen oder ob sie einen Diabetes hatten oder nicht.

An der randomisierten placebokontrollierten Studie waren 530 stationär behandelte Patienten mit De-novo-Herzinsuffizienz (ein Drittel) oder dekompensierter chronischer Herzinsuffizienz (zwei Drittel) beteiligt. Nach klinischer Stabilisierung der Herzinsuffizienz war bei den im Schnitt rund 70 Jahre alten Teilnehmern (davon ein Drittel Frauen) nach Zufallszuteilung im Median drei Tage nach Klinikaufnahme eine Therapie mit Empagliflozin (10 mg/Tag) oder Placebo begonnen worden.

Nur bei knapp jedem zweiten Teilnehmer bestand auch ein Diabetes. Rund zwei Drittel aller Teilnehmer hatten angesichts einer linksventrikulären Auswurffraktion (LVEF) von 40% oder niedriger eine Herzinsuffizienz des HFrEF-Typs. Bei einem Drittel der Patienten lagen die Werte für die LVEF im Bereich über 40%.

Weitere und größere Studien werden folgen

EMPULSE liefert Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit einer Therapie mit Empagliflozin in einem „Zeitfenster“, das bislang nicht im Fokus großer Herzinsuffizienz-Studien mit SGLT2-Hemmern wie EMPEROR-Reduced, EMPEROR-Preserved und DAPA-HF bei Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz stand. Die EMPULSE-Ergebnisse sprechen dafür, dass eine frühe SGLT2-Hemmer-Therapie auch bei Patienten mit De-novo-Herzinsuffizienz, für die es bislang kam Daten gab, klinisch von Nutzen ist.

Derzeit laufen weitere und zum Teil wesentlich größere Studien wie DICTATE-AHF und DAPA ACT HF-TIMI 68 (beide mit Dapagliflozin) zum Nutzen einer früh begonnenen SGLT2-Hemmer-Therapie bei hospitalisierten Patienten mit akuter Herzinsuffizienz. Voors rechnet damit, dass diese Studien am Ende einen Klasseneffekt von SGLT2-Hemmern in diesem klinischen „Setting“ bestätigen werden.

Literatur

Voors A: Efficacy and Safety of Empagliflozin in Hospitalized Heart Failure Patients: Main Results From the EMPULSE Trial, Late Breaking Science Session 5, AHA Congress, 13.-15. November 2021

Highlights

Das Live-Kongress-Angebot der DGK

Jetzt wieder da: Sichern Sie sich den Zugang zu allen zertifizierten Vorträgen von DGK.Online 2021.

Corona, COVID-19 & Co.

Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Statine absetzen: Wie riskant ist es wirklich?

Statine werden häufig wegen vermeintlicher Nebenwirkungen abgesetzt. Eine große Kohortenstudie mit Senioren legt nahe: Das kann gefährliche Folgen haben.

Ärger und Aufregung könnten Schlaganfälle auslösen

Über langfristige Risikofaktoren für einen Schlaganfall weiß man viel. Wenige Daten gibt es allerdings zu akuten Auslösern. In einer Studie fiel nun auf, dass Schlaganfallpatienten vor dem Ereignis auffällig häufig starke Gefühlsregungen hatten. 

Traditionelles Heilverfahren brachte jungen Mann auf Intensivstation

Ein junger Mann kommt mit pleuritischen Thoraxschmerzen in die Notaufnahme. Die Ärzte stellen eine akute Perikarditis fest. Doch trotz Standardtherapie verschlechtert sich der Zustand des Patienten. Erst durch eine umfassende Bildgebung stoßen sie auf die ungewöhnliche Ursache.

Aus der Kardiothek

Hätten Sie es erkannt?

Koronarangiographie der linken Koronararterie (LAO 5°, CRAN 35°) bei einem Patienten mit NSTEMI nach biologischem Aortenklappenersatz am Vortag. Was ist zu sehen?

Hätten Sie es erkannt?

Ausschnitt einer Ergometrie eines 40-Jährigen Patienten mit gelegentlichem thorakalem Stechen. Was ist zu sehen?

Raumforderung im rechten Vorhof – was war die Ursache?

Echokardiographie einer 65-jährigen Patientin, die sich wegen Luftnot vorstellt. Im apikalen 4-Kammerblick zeigt sich eine Raumforderung im rechten Vorhof.

Neueste Kongressmeldungen

Totgesagte leben länger: Uni-Forscher entwickeln „ihren“ Lipidsenker

Dass renommierte akademische Forscher, die an das Potenzial eines Lipidsenkers glauben, den die Pharmaindustrie längst abgeschrieben hat, dessen klinische Entwicklung selbst in die Hand nehmen, kommt auch nicht alle Tag vor. Im Fall des Wirkstoffs Obicetrapib ist es passiert.

ApoB sagt Herzinfarkte besser voraus als LDL-Cholesterin

Das Risiko für einen künftigen Myokardinfarkt wird am besten durch die Apolipoprotein B (apoB)-Konzentration als Maß für die Anzahl atherogener ApoB-haltiger Lipoprotein-Partikel erfasst, legen Ergebnisse einer beim AHA-Kongress präsentierten Studie nahe.

Latente rheumatische Herzerkrankung: Helfen Antibiotika?

Weltweit betrachtet sind rheumatische Herzerkrankungen ein großes Problem. Eine Lösung könnten Screeningprogramme sein, inklusive einer Antibiotikaprophylaxe, falls die Diagnose gestellt wird. In einer randomisierten Studie ist das Konzept jedenfalls aufgegangen.

Neueste Kongresse

AHA-Kongress 2021

Die wichtigsten Ergebnisse der beim amerikanischen Herzkongress AHA präsentierten  Studie lesen Sie in unserem Dossier. Bleiben Sie auf dem Laufenden.

TCT-Kongress 2021

Hier finden Sie die Highlights der diesjährigen Transcatheter Cardiovascular Therapeutics (TCT) Conference, der weltweit größten Fortbildungsveranstaltung für interventionelle Kardiologie. 

ESC-Kongress 2021

Der diesjährige Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) findet erneut als digitales Event statt vom 27. bis 30. August 2021. Vier neue Leitlinien werden präsentiert, 19 Hotline-Sessions könnten ebenfalls die Praxis verändern. In diesem Dossier berichten wir über diese und weitere Highlights.

DGK.Online 2021/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Kardio-Quiz Oktober 2021/© L. Gaede, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Kardio-Quiz September 2021/© L. Anneken, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Kardio-Quiz August 2021/© F. Ammon, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
AHA-Kongress 2020 virtuell
TCT-Kongress 2021/© popyconcept / stock.adobe.com
ESC-Kongress (virtuell)/© everythingpossible / stock.adobe.com